Krieg in Kolumbien

2005. Der amerikanische Kongress hat den „Plan Kolumbien“ verabschiedet, der nach Darstellung seiner Urheber Frieden und Demokratie in Kolumbien fördern sowie den Drogenanbau im Land bekämpfen soll. Für die erste Etappe dieses Plans hat die amerikanische Regierung 1,31 Milliarden Dollar aufgeworfen: 80 Prozent dieser Mittel fliessen in die militärische Aufrüstung Kolumbiens (Hubschrauber, Entsendung von Militärberatern, Training u.a.).

Nach gewerkschaftlichen Angaben leben 55 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung in Armut, 20 Prozent gar in absolutem Elend. Gleichzeitig befinden sich 90 Prozent der kolumbianischen Aktienanteile in den Händen von weniger als 0,9 Prozent der AktionärInnen. Von den enormen Exporteinnahmen profitiert nur eine verschwindend kleine Minderheit sowie die im Land aktiven transnationalen Unternehmen.
Die Konzentration des Reichtums in den Händen von wenigen liegt auch dem Konflikt um die Bodenfrage zugrunde. Der seit über 50 Jahren andauernde Krieg, dem jedes Jahr ca. 30 000 Menschen zum Opfer fallen, ist die Folge einer extrem ungleichen Verteilung des Reichtums und deren rücksichtsloser Verteidigung durch die Machthabenden. Kolumbien zählt zur Zeit 2 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land. Mit der vor allem von den Paramilitärs organisierten Vertreibung der Kleinbauern werden die Voraussetzungen geschaffen, damit das Land für Projekte transnationaler Konzerne und für den grossflächigen Anbau – inklusive den Kokaanbau der Drogenbarone – erschlossen werden kann. Mit dem „Plan Kolumbien“ wird der soziale Konflikt in Kolumbien unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung noch mehr verschärft und militarisiert.
Kolumbien besitzt beträchtliche Bodenschätze wie Erdöl und Smaragde. Die Präsenz vieler multinationaler Konzerne in Kolumbien, darunter Schweizer Grossunternehmen wie ABB, Ascom Holding, Nestl?, Novartis, Roche und Sulzer, belegt die wirtschaftliche Attraktivität des Landes.
1990 war Kolumbien bezüglich Nahrungsmittel noch Selbstversorger, heute importiert das Land den grössten Teil der Nahrung. Die Vernichtung der Existenzbasis der ländlichen Bevölkerung ist auch der Grund für die starke Zunahme des Kokaanbaus in den letzten Jahren. Die Kokapflanze ist schlicht die einzige Überlebenschance, die der internationale liberalisierte Markt den Bauernfamilien in Kolumbien übrig lässt.

Drogenhandel
Der „Plan Kolumbien“ sieht eine militärische Offensive im Süden des Landes vor. In diesem Gebiet kontrolliert die Guerilla-Armee FARC-EP zur Zeit eine Zone, deren Fläche ungefähr derer der Schweiz entspricht. Die Guerilla erhebt in diesem Gebiet eine Kriegssteuer, die auch die Produktion der kleinen Kokabauern und -bäuerinnen betrifft. Aus diesem Tatbestand wird oft gefolgert, dass sich die Guerilla über den Drogenhandel finanziere und diesen auch organisiere. Mit dieser Gleichsetzung rechtfertigen die USA die vorgesehene militärische Offensive.
Der Norden des Landes ist von diesen Massnahmen nicht betroffen, obwohl die Kokapflanze hauptsächlich dort angebaut wir und sich dort auch wichtige Häfen zum Weitertransport der Drogen befinden. Dieser Landesteil befindet sich unter Kontrolle der Regierung und des paramilitärischen Terrors. Circa 80 Prozent der Menschenrechtsverletzungen werden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen durch die Paramilitärs verübt, welche sich darüber hinaus durch eine kaum fassbare Brutalität auszeichnen. Die Motive des „Plan Kolumbien“, Friedensförderung und Bekämpfung des Drogenhandels, sind angesichts dieser Faktenlage offensichtlich vorgeschoben. In Wirklichkeit geht es um die Zerschlagung der Aufstandsbewegung, also um eine militärische Lösung des sozialen Konflikts in Kolumbien, was im Übrigen die gesamte Region in den Krieg führen könnte.

Säbelrasseln der USA zu Gunsten lokaler Oligarchien
Kolumbien befindet sich im Einflussgebiet, das die USA für sich beanspruchen, und der Plan Kolumbien ist nicht das erste Eingreifen der USA auf dem lateinamerikanischen Kontinent. Es sei hier an die Putschs in Guatemala und in Chile erinnert, wo mit Hilfe der USA linke Regierungen weggefegt wurden. Im Fall Kolumbien festigen die Massnahmen der USA die Macht der herrschenden Oligarchie, die eng mit den Paramilitärs und dem Drogenhandel verstrickt ist. Ein Beispiel für die Handhabung der demokratischen Rechte durch diese Oligarchie ist das Schicksal der Union Patri?tica, einer zivilen Organisation der Opposition, die in den 80er Jahren beachtliche Wahlerfolge erzielte. Innerhalb von zehn Jahren wurden 4 000 ihrer VertreterInnen ermordet und die Organisation buchstäblich ausgelöscht.
Tagtäglich fallen einfache Bauern und Bäuerinnen, GewerkschafterInnen, MenschenrechtsaktivistInnen, JournalistInnen und linke ExponentInnen Mordanschlägen zum Opfer. Die Greueltaten werden kaum verfolgt und noch seltener aufgeklärt. Die Entstehung mehrerer Guerilla-Armeen ist auch auf diesem Hintergrund staatlicher und paramilitärischer Gewalt zu verstehen und bietet oft die letzte Perspektive.

Ökologisches Desaster
Neben der militärischen Offensive sollen zur Bekämpfung des Drogenanbaus die Felder mit chemischen und biologischen Giften besprüht werden. Die Folgen dieser Massnahmen für die Menschen und die Umwelt sind verheerend, da sie sowohl Gesundheitsschäden wie auch Störungen des ökologischen Gleichgewichts in einer der artenreichsten Regionen der Erde auslösen. Die Besprühungen stehen im Übrigen im Widerspruch zu den Interessen der USA, welche die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen des Amazonas anstreben. Der biologische Reichtum dieser Gegend ist für die transnationalen Pharmafirmen im Hinblick auf Patente und den potentiellen Profit äusserst interessant.
Der „Plan Kolumbien“, in den die EU durch die Leistung finanzieller Beiträge eingebunden werden soll, ist ein Skandal. Frieden in Kolumbien ist ohne soziale Gerechtigkeit nicht möglich. Die von den USA angestrebte militaristische Lösung des Konflikts in Kolumbien antwortet mit Gewalt auf die Forderungen der Bevölkerung nach Demokratie, gerechter Verteilung des Bodens und Schutz vor staatlicher und paramilitärischer Verfolgung. Die Machtpolitik der USA zu Gunsten einer Minderheit von Reichen und transnationalen Konzernen führt in einen Krieg gegen die kolumbianische Bevölkerung. Der menschenverachtende „Plan Kolumbien“ muss deshalb entschieen bekämpft werden.

Der Beitrag wurde als – bisher nicht veröffentlichter – Artikel für ein BAZ-Forum verfasst.

Literaturtipp:
Raul Zelik / Dario N. Azellini, Kolumbien – Grosse Geschäfte, staatlicher Terror und Aufstandsbewegung, erschienen beim Neuen ISP, Köln 1999, 247 Seiten, SFr. 29.80, ISBN 3-929008-48-3