Kein Sozialismus ohne Befreiung der Frau

Resolutionsentwurf von 1978 zum XI. Weltkongreß der 4. Internationale

Sozialistische Revolution und der Kampf für die Befreiung der Frau

Resolutionsentwurf des Vereinigten Sekretariats der IV. Internationale zum XI. Weltkongreß. 1. Auflage 1500 Ex., Oktober 1978, hrsg. von der Frauenkommission der Gruppe Internationale Marxisten (GIM) deutsche Sektion der IV. Internationale

Erscheint im Selbstverlag, verantwortlich im Sinne des Presserechts: Winfried Wolf, c/o was tun, Speicherstr. 5, 6000 Frankfurt

Vorbemerkung
Dieses Dokument ist die erste umfassende Resolution zur Frauenbefreiung in der Geschichte der IV. Internationale. Sie wird im Sommer 1979 dem Weltkongress, dem höchsten Entscheidungsgremium der IV. Internationale, zur Abstimmung vorgelegt. Wir erwarten nicht, daß sie ohne Kontroverse verabschiedet wird. Die jetzige Veröffentlichung der Resolution soll dazu dienen, die Auseinandersetzung in möglichst breitem Rahmen zu führen und Kritik und Anregungen auch aus der autonomen Frauenbewegung in diese Auseinandersetzung miteinbeziehen zu können. Dadurch hoffen wir, Mängel und Unzulänglichkeiten in der Resolution zu beseitigen, um eine möglichst gute Resolution verabschieden zu können. Darüberhinaus glauben wir, daß auch eine kontrovers geführte Diskussion über unsere Positionen in den Reihen der Frauenbewegung für die Weiterentwicklung der Diskussion und für den Kampf der Frauenbewegung von großem Vorteil ist. Diese Resolution stellt einen großen Fortschritt der IV. Internationale in der Frage der Frauenbefreiung dar. Zum ersten Mal wird die Bedeutung der Frauenbefreiung für revolutionäre Marxistinnen und Marxisten adäquat kundgetan. Ursprung und Wesen der Unterdrückung der Frauen wird analysiert und die Wurzeln der neuen Frauenradikalisierung werden dargestellt. Es wird auch der Zusammenhang zwischen den - zum Teil sehr unterschiedlichen - Kämpfen der Frauen in den kapitalistischen Industriestaaten, in den kolonialen und halbkolonialen Ländern und in den deformierten Arbeiterstaaten aufgezeigt, etwas, was unseres Wissens bisher von keinem Dokument - weder der Frauenbewegung noch der revolutionären Marxisten - geleistet wurde. Aber v.a. der zweite Teil der Resolution, insbesondere das Kapitel "Unsere" Forderungen" stellt eine qualitative Erweiterung der programmatischen Grundlagen der IV. Internationale dar, was ebenso lobenswert, wie aber auch überfällig ist. Die vorliegende Resolution ist nicht der erste Text einer revolutionären Internationale, der sich speziell mit der "Frauenproblematik" beschäftigt. Sie unterscheidet sich aber von den auf den Kongressen der III. (Kommunistischen) Internationale angenommenen Resolutionen insofern, als sie der spezifischen Unterdrückung der Frauen als Geschlecht Rechnung trägt. Das Interesse der III. Internationale galt im wesentlichen der ökonomischen Überausbeutung des weiblichen Teils des Proletariats. Sie unterschätzte jedoch die systemstabilisierende Rolle der Kleinfamilie im Kapitalismus und dessen Fähigkeit, diese zu seinen Gunsten zu gebrauchen. Wenn es aber der Arbeiterbewegung nicht gelingt, den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen zu ihrem eigenen Kampf zu machen, wird sie dazu beitragen, die Spaltung der Arbeiterklasse in Männer und Frauen aufrechtzuerhalten - eine Spaltung, die nur den Interessen der kapitalistischen Klasse dient. Diese analytische Unzulänglichkeit der III. Internationale brachte auch eine Unterstützung der spezifischen, auf der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtem beruhenden Unterdrückung der Frauen mit sich. Den Genossinnen und Genossen der IV. Internationale gelang es, nicht zuletzt aufgrund des weltweiten Entstehens einer unabhängigen Frauenbewegung, ein korrektes Verständnis der Frauenunterdrückung als Eckpfeiler einer jeden auf Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruhenden Gesellschaft zu entwickeln. Diese Resolution erscheint erst zehn Jahre nach den ersten Wellen der "neuen" Frauenbefreiungsbewegung. Die Bedeutung der Befreiungskämpfe der Frauen für den Befreiungskampf der ganzen Menschheit, d.h. für die sozialistische Revolution, wurde von den revolutionären Marxistinnen und Marxisten zu Anfang nicht erkannt. Das Patriarchat bleibt nicht vor den Toren der revolutionären Organisation stehen. Die Kosten dieser Blindheit waren auch nicht gering. Wir verloren wertvolle Genossinnen und isolierten uns weitgehend in der Frauenbewegung. Nichtsdestotrotz haben Genossinnen der IV. Internationale vor allem in Westeuropa und den USA in den letzten Jahren Erfahrungen in der autonomen Frauenbewegung sammeln können. Insbesondere in den Kampagnen für die Freigabe der Abtreibung in der BRD, in Frankreich, in Großbritannien und in den USA haben unsere Genossinnen (und Genossen) mitgearbeitet. In Großbritannien haben wir bei der Erstellung der Working Women's Charter (Charta der berufstätigen Frauen) und bei der Kampagne zur Unterstützung dieser Charta in den Gewerkschaften eine führende Rolle gespielt. In Spanien hat sich unsere Sektion LCR bei der Kampagne gegen die Gesetze gegen "Ehebrecherinnen", für die Freigabe der Scheidung und Abtreibung engagiert. Genossinnen der IV. Internationale aus fast allen westeuropäischen Ländern haben an dem Frauenkongress zu Pfingsten 1977 in Paris teilgenommen. Viele unserer Genossinnen arbeiten in verschiedenartigen Frauengruppen: Beratungsgruppen, Selbsterfahrungsgruppen, Gewerkschaftsgruppen usw. Aus all diesen Erfahrungen hat die IV. Internationale gelernt. Die Resolution, die jetzt vorliegt, ist mit ein Ergebnis dieser Erfahrungen. Wir machen uns jedoch keine Illusionen, daß die Sache mit der Verabschiedung dieser Resolution getan ist. Wenn es in der III. Internationale ein Auseinanderklaffen gab zwischen den Resolutionen zur Frauen"frage" einerseits und der Praxis der meisten Sektionen, wo die männliche Mehrheit der Mitglieder die Wichtigkeit der Frauenarbeit und Frauenbefreiung überhaupt nicht verstand, andererseits, dann ist die IV. Internationale keinesfalls gegen diese Gefahr immun. Die Leitungen der nationalen Sektionen müssen dafür sorgen, daß die Bedeutung des Kampfes für die Befreiung der Frauen jedem Mitglied klar wird und daß diese Frage zum wichtigen Bestandteil der Schulung aller Genossinnen und Genossen wird.
Aber es muß auch dafür gesorgt werden, daß innerhalb der Sektionen die besonderen Probleme der Frauen berücksichtigt werden, daß Schritte unternommen werden, das Leben innerhalb der Organisation für Frauen erträglicher zu machen. Dies bedeutet nicht nur organisatorische Schritte (Kindergärten bei Konferenzen, Zellensitzungen bei Müttern zuhause usw.), auch nicht nur Schritte zur weiteren politischen Ausbildung der Frauen. Es bedeutet vor allem ein engagierter täglicher Kleinkrieg gegen den männlichen Chauvinismus der Genossen, gegen die "typisch männlichen" Umgangsformen, denen die Genossinnen nicht gewachsen sind - und nicht gewachsen sein wollen. Ob es deshalb sinnvoll ist, innerhalb der revolutionären Organisationen besondere Strukturen für die Frauen zu errichten (Frauenplena), ist ein kontroverser Punkt, der seit längerem in einigen Sektionen heiß diskutiert wird. Ob die Position der (vorliegenden) Resolution des Vereinigten Sekretariats vom XI. Weltkongress angenommen wird, hängt von den Diskussionen in den verschiedenen Sektionen, die in den nächsten Monaten geführt werden, und von den Erfahrungen mit solchen Strukturen ab.

Frauenkommission der Gruppe Internationale Marxisten (GIM)

Einleitung Die grundlegenden marxistischen Positionen in der Frauenfrage sind Teil der programmatischen Grundlagen der Vierten Internationale. Jedoch diskutieren und beschließen wir nun zum ersten Mal in der Geschichte der Internationale eine eigenständige Resolution zur Befreiung der Frauen. Vor diesem Hintergrund ist es die Absicht der folgenden Resolution, unsere grundlegende Analyse des Charakters der Unterdrückung der Frauen aufzuzeichnen und darzulegen, welchen Platz der Kampf gegen diese Unterdrückung in unseren Perspektiven für alle drei Sektoren der Weltrevolution einnimmt: den entwickelten kapitalistischen Ländern, der kolonialen und halbkolonialen Welt, den Arbeiterstaaten. Aktuelle Fragen bezüglich der Taktik, die unsere Arbeit in der Frauenbewegung bestimmt, werden Teil der Vor-Weltkongreß-Diskussion sein und unsere wachsende Beteiligung in der Bewegung in vielen Ländern widerspiegeln. Diese Resolution konzentriert sich Lides auf die grundlegenderen Fragen der Analyse und der politischen Linie, die den revolutionären Marxismus von den diversen von uns bekämpften bürgerlichen, kleinbürgerlich utopischen, sozialdemokratischen, stalinistischen und zentristischen Strömungen unterscheidet. Es ist Ziel dieser Resolution, der Vierten Internationale, der Weltpartei der sozialistischen Revolution, eine grundsätzliche Orientierung zu geben.

I. DER CHARAKTER DER UNTERDRÜCKUNG DER FRAUEN

Der neue Aufschwung der Frauenkämpfe 1. Seit dem Ende der sechziger Jahre entwickelte sich eine wachsende Revolte der Frauen gegen ihre Unterdrückung als Geschlecht. In der ganzen Welt beginnen Millionen von Frauen, insbesondere junge Frauen - Studentinnen, Arbeiterinnen, Hausfrauen - einige der fundamentalen Merkmale ihrer jahrhundertealten Unterdrückung in Frage zu stellen. Das erste Land, in dem diese Radikalisierung von Frauen Massencharakter annahm, waren die Vereinigten Staaten. Sie kündigte sich an im Entstehen von Tausenden von Frauenbefreiungsgruppen und in der Mobilisierung von Zehntausenden von Frauen in den Demonstrationen vom 26. August 1970 zur Feier des fünfzigsten Jahrestages der siegreichen Beendigung des Kampfes für das Frauenwahlrecht in den USA. Die neue Welle von Frauenkämpfen in Nordamerika stellte aber keine außergewöhnliche und isolierte Entwicklung dar, wie die Ausbreitung der Frauenbewegung in alle entwickelten kapitalistischen Länder bald zeigte. Die neue Frauenbewegung betrat die historische Bühne als Teil eines allgemeineren Aufschwungs der Arbeiterklasse und aller ausgebeuteten und unterdrückten Sektoren der Weltbevölkerung. Dieser Aufschwung hat viele Formen angenommen: von ökonomischen Streiks, Kämpfen gegen nationale Unterdrückung, Studentendemonstrationen, Forderungen nach Umweltschutz bis zur internationalen Bewegung gegen den imperialistischen Krieg in Vietnam. Obwohl die Frauenbewegung unter Studentinnen und berufstätigen Frauen ihren Anfang nahm, begannen die von ihr erhobenen Forderungen zusammen mit den wachsenden Widersprüchen innerhalb des kapitalistischen Systems weit breitere Schichten zu mobilisieren. Sie begann, das Bewußtsein, die Erwartungen und das Handeln bedeutender Teile der Arbeiterklasse, Männer und Frauen, zu beeinflussen. In vielen Ländern ging der neue Aufschwung der Frauenkämpfe allen weiterreichenden Veränderungen der Kampfbereitschaft der organisierten Arbeiterbewegung voraus. In anderen, wie in Spanien, war er verflochten mit dem explosiven Aufschwung von Arbeiterkämpfen an allen Fronten. Aber in nahezu allen Fällen entstand die Bewegung außerhalb und unabhängig von den bestehenden Massenorganisationen der Arbeiterklasse, die sich dann gezwungen sahen, auf dieses neue Phänomen zu antworten. In der politischen und ideologischen Schlacht zur Schwächung der Macht der Bourgeoisie und ihrer zentristischen, sozialdemokratischen und stalinistischen Agenten innerhalb der Arbeiterklasse ist daher die Entwicklung der Frauenbewegung ein bedeutsamer Faktor geworden.
Das rasche Wachstum der Frauenbewegung und die Rolle, die sie sowohl international als auch in besonderen Ländern im sich vertiefenden Klassenkampf gespielt hat, bestätigen, daß der Kampf für die Befreiung der Frauen als grundlegender Bestandteil des neuen Aufschwungs der Weltrevolution angesehen werden muß.

2. Diese Radikalisierung der Frauen ist beispiellos hinsichtlich der Tiefe der ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Gärung, die durch sie zum Ausdruck kommt, und hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Kampf gegen kapitalistische Unterdrückung und Ausbeutung. In einem Land nach dem anderen nimmt eine wachsende Zahl von Frauen teil an breiten Kampagnen gegen reaktionäre Regelungen über Abtreibungen und Verhütungsmittel, repressive Heiratsgesetze, unzureichende soziale Kinderfürsorge und gesetzliche Einschränkungen des Gleichheitsgrundsatzes. Sie decken die verschiedenen Formen, in denen auf allen gesellschaftlichen Ebenen Sexismus zum Ausdruck kommt, auf und widersetzen sich ihnen - von der Politik, dem Berufsleben und der Erziehung bis zu den persönlichsten Fragen des Alltagslebens einschließlich der häuslichen Schinderei und der Gewalt und Einschüchterung, der die Frauen zuhause und auf der Straße ausgesetzt sind. Frauen beginnen Forderungen zu erheben, die die spezifischen Formen, die ihre Unterdrückung im kapitalistischen System heute annimmt, angreifen, und fangen an, die tief verwurzelte traditionelle Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau vom Haushalt bis zur Fabrik in Frage zu stellen. Sie bestehen auf ihrem Recht, in völliger Gleichberechtigung an allen Formen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Betätigung teilzuhaben - gleiche Ausbildung, gleicher Zugang zu Arbeitsplätzen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit.
Um diese Gleichberechtigung zu ermöglichen, suchen die Frauen nach Wegen, ihre häusliche Sklaverei zu beenden. Sie fordern, daß die Hausarbeit der Frauen vergesellschaftet wird. Die Bewußtesten erkennen, daß die Gesellschaft und nicht die einzelne Familie die Verantwortung für die Jugend, die Alten und die Kranken übernehmen muß.
Im Mittelpunkt der entstehenden Frauenbewegung stand der Kampf um die Straffreiheit der Abtreibung und darum, sie für alle Frauen zu ermöglichen. Das Recht, den eigenen Körper zu kontrollieren, selbst zu entscheiden, ob, wann und wieviele Kinder sie gebären wollen, wird von Millionen von Frauen als eine grundlegende Vorbedingung ihrer Befreiung betrachtet.
Solche Forderungen treffen den Lebensnerv der besonderen Unterdrückung der Frauen, die durch die Familie ausgeübt wird, und erschüttern die Fundamente der Klassengesellschaft. Sie zeigen an, wie sehr der Kampf für die Befreiung der Frauen darauf ausgerichtet ist, alle zwischenmenschlichen Beziehungen zu verändern und sie auf eine neue und höhere Ebene zu erheben.

3. Die Tatsache, daß die Frauenbewegung als internationales Phänomen entstand, und zwar sogar vor der Verschärfung der Widersprüche der kapitalistischen Weltwirtschaft Mitte der 70er Jahre, kann nur die tiefen gesellschaftlichen Wurzeln dieser Rebellion unterstreichen. Darin kommt eines der deutlichsten Symptome für die Tiefe der sozialen Krise der heutigen bürgerlichen Ordnung zum Ausdruck. Diese Kämpfe verdeutlichen das Ausmaß, in dem die überholten kapitalistischen Beziehungen und Institutionen in jedem Sektor der Gesellschaft wachsende Widersprüche erzeugen und neue Formen des Klassenkampfes hervorbringen. Die Todeskrise des Kapitalismus bringt neue Schichten in direkten Konflikt mit den grundlegenden Belangen und Vorrechten der Bourgeoisie, schafft neue Bündnispartner und stärkt die Arbeiterklasse in ihrem Kampf zum Sturz des kapitalistischen Systems. Der sich entwickelnde Kampf der Frauen gegen ihre Unterdrückung hat bereits begonnen, der herrschenden Klasse eine der Hauptwaffen zu entreißen, mit denen sie die Ausgebeuteten und Unterdrückten so lange spalten und schwächen konnte.

4. Die Unterdrückung der Frauen war jahrtausendelang ein wesentliches Merkmal der Klassengesellschaft. Aber die praktische Aufgabe, ihre Ursachen auszumerzen, wie auch der Kampf gegen ihre Erscheinungsformen und Auswirkungen konnten vor der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus nicht umfassend gestellt werden. Der Kampf für die Befreiung der Frauen ist untrennbar mit dem Kampf der Arbeiter zur Beseitigung des Kapitalismus verbunden. Er stellt einen wesentlichen Bestandteil der sozialistischen Revolution und der kommunistischen Perspektive einer klassenlosen Gesellschaft dar. Die Ersetzung des im Privateigentum verwurzelten patriarchalischen Familiensystems durch eine höhere Organisation der menschlichen Beziehungen ist ein Hauptziel der sozialistischen Revolution. Dieser Prozeß wird sich in dem Maße beschleunigen und vertiefen, wie sich die materiellen und ideologischen Fundamente der neuen kommunistischen Ordnung entwickeln werden.
Die Entwicklung der Frauenbewegung treibt den Klassenkampf weiter voran, stärkt seine Kräfte und vergrößert die Aussichten auf den Sozialismus.

5. Die Frauen können ihre Befreiung nur durch den Sieg der sozialistischen Weltrevolution erlangen. Dieses Ziel kann nur durch die Mobilisierung der Masse der Frauen als einem mächtigen Bestandteil des Klassenkampfes verwirklicht werden. Darin liegt die objektive revolutionäre Dynamik des Kampfes für die Befreiung der Frauen und der wesentliche Grund, weshalb Aufgabe der Vierten Internationale ist, sich für die für ihre Befreiung kämpfenden Frauen zu engagieren und dazu beizutragen, sie mit einer revolutionären Führung zu versehen.

Ursprung und Wesen der Unterdrückung der Frauen

1. Die Unterdrückung der Frauen ist nicht, wie von vielen behauptet, durch ihre biologischen Merkmale bestimmt. Ihre Ursprünge sind vielmehr wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Charakters. Während der gesamten Entwicklung der Urgesellschaft und der Klassengesellschaft hat sich an der Fortpflanzungsfunktion der Frauen nichts geändert. Ihr sozialer Status ist aber nicht immer der einer entwürdigten Haussklavin gewesen, die der Kontrolle und Beherrschung durch den Mann unterworfen war.

2. Vor der Entstehung der Klassengesellschaft, in der geschichtlichen Epoche, die von Marxisten traditionell als "Urkommunismus" bezeichnet wird, war die gesellschaftliche Produktion gemeinschaftlich organisiert, und ihr Produkt wurde gleichmäßig geteilt. Es gab daher keine Ausbeutung oder Unterdrückung einer Gruppe oder eines Geschlechtes durch das andere, weil keine materielle Grundlage für solche gesellschaftliche Beziehungen vorhanden war. Beide Geschlechter nahmen an der gesellschaftlichen Produktion teil und halfen, die Versorgung und das Überleben aller sicherzustellen. Der soziale Status der Frauen wie der Männer spiegelte die unentbehrlichen Rollen wider, die beide in diesem Produktionsprozeß spielten.

3. Der Ursprung der Unterdrückung der Frauen ist verbunden mit dem Übergang von der Urgesellschaft zur Klassengesellschaft. Der genaue Ablauf dieses komplexen Übergangs bleibt Forschungs- und Diskussionsgegenstand auch unter den Vertretern einer materialistisch-historischen Betrachtungsweise. Jedoch sind die Grundlinien klar, entlang denen sich die Unterdrückung der Frauen entwickelt hat. Die Veränderung im sozialen Status der Frauen entwickelte sich parallel zur wachsenden Produktivität der menschlichen Arbeit, die sich auf Ackerbau und Viehhaltung gründete, zur Entstehung neuer Formen der Arbeitsteilung, des Handwerks und des Handels, zur privaten Aneignung eines wachsenden gesellschaftlichen Mehrprodukts und zur Entwicklung der Möglichkeit für einige Menschen, von der Ausbeutung der Arbeitskraft anderer zu profitieren. Parallel zu der privaten Akkumulation von Reichtum entwickelte sich die patriarchalische Familie als die Institution, durch die die Verantwortung für die unproduktiven Mitglieder der Gesellschaft - insbesondere für die Kinder - von der Gesellschaft als Gesamtheit auf genau bestimmbare Individuen oder kleine Gruppen von Individuen verlagert wurde. Sie war die wichtigste sozioökonomische Institution zur Verewigung der Klassenteilung der Gesellschaft von einer Generation zur nächsten - eine Aufspaltung in Eigentumsbesitzer, die von den Reichtümern lebten, die anderer Leute Arbeit geschaffen hatte, und Eigentumslosen, die für andere arbeiten mußten, um leben zu können. Die Zerstörung der egalitären und Gemeindetraditionen und Strukturen des Urkommunismus war entscheidend für die Entstehung einer Ausbeuterklasse und ihrer zunehmenden privaten Anhäufung von Reichtum. Als die Ausbeutung von Menschen für einige wenige Privilegierte profitabel wurde, wurden die Frauen als Geschlecht zu einem wertvollen Besitz. Wie Sklaven und Vieh waren sie eine Quelle des Reichtums. Sie alleine konnten neue Menschen produzieren, deren Arbeitskraft ausgebeutet werden konnte. So entstand der Kauf von Frauen durch Männer (einschließlich aller Rechte auf ihren zukünftigen Nachwuchs) als eine der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen der neuen, auf Privateigentum beruhenden Ordnung. Die grundlegende gesellschaftliche Rolle der Frauen wurde zunehmend davon bestimmt, Haussklavin zu sein und Kinder zu gebären.
Dies stellt den Ursprung der patriarchalischen Familie dar. Und tatsächlich kommt das Wort Familie selbst, das noch heute in den sich auf das Lateinische stützenden Sprachen benutzt wird, ursprünglich von dem lateinischen Wort "famulus" her, was "Haussklave" bedeutet, und von "familia", die Gesamtheit der einem Mann gehörenden Sklaven.
Die Frauen hörten auf, eine unabhängige Stellung in der gesellschaftlichen Produktion einzunehmen. Ihre produktive Rolle wurde bestimmt durch die Familie, zu der sie gehörten, durch den Mann, dem sie untergeordnet waren. Diese ökonomische Abhängigkeit bestimmte den gesellschaftlichen Status der Frauen als Menschen zweiter Klasse, wovon der Zusammenhalt und der Fortbestand der patriarchalischen Familie stets abhing. Wenn die Frauen einfach ihre Kinder nehmen und weggehen könnten, ohne dabei wirtschaftliche und soziale Not erleiden zu müssen, dann hätte die patriarchalische Familie kaum die Jahrtausende überdauert.
So entstanden die patriarchalische Familie und die Unterjochung der Frauen zusammen mit anderen Institutionen der sich entwickelnden Klassengesellschaft, um die sich entwickelnde Klassenteilung zu festigen und die private Anhäufung von Reichtum zu verewigen. Der Staat setzte diese Verhältnisse mit seiner Polizei, seiner Armee, seinen Gesetzen und Gerichtshöfen durch. Die Ideologie der herrschenden Klasse, einschließlich der Religion, entstand auf dieser Grundlage und spielte eine entscheidende Rolle bei der Rechtfertigung der Erniedrigung des weiblichen Geschlechts.
Die Frauen, so hieß es, seien den Männern körperlich und geistig unterlegen und daher "von Natur aus" oder biologisch das zweitrangige Geschlecht. Während die Unterjochung der Frauen stets unterschiedliche Konsequenzen für Frauen aus unterschiedlichen Klassen hatte und hat, so waren und sind doch alle Frauen, unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit, als Angehörige des weiblichen Geschlechts unterdrückt.

4. Das Familiensystem ist die Einrichtung der Klassengesellschaft, die den besonderen Charakter der Unterdrückung der Frauen als Geschlecht bestimmt und aufrechterhält. In der ganzen Geschichte der Klassengesellschaft hat das Familiensystem seinen Wert als Einrichtung der Klassenherrschaft bewiesen. Die Form der Familie hat sich allerdings entwickelt und den sich ändernden Bedürfnissen der herrschenden Klassen angepaßt, so wie auch die Produktionsweisen und die Formen des Privateigentums verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen haben. Das Familiensystem in der klassischen Sklavenhaltergesellschaft war verschieden vom Familiensystem des Feudalismus (wo es keine echte Sklavenfamilie gab). Beide unterscheiden sich erheblich von der heutigen, oft als "Kleinfamilie" bezeichneten Form. Überdies erfüllt das Familiensystem gleichzeitg unterschiedliche soziale und ökonomische Anforderungen in Bezug auf Klassen mit unterschiedlichen produktiven Rollen und Eigentumsrechten, Klassen mit völlig entgegengesetzten Interessen. Zum Beispiel stellten die "Familie" des Leibeigenen und die "Familie" des Feudalherren ganz verschiedene sozioökonomische Formationen dar. Beide jedoch waren Teil des Familiensystems, einer Einrichtung der Klassenherrschaft, die auf jeder Stufe der Geschichte der Klassengesellschaft eine unentbehrliche Rolle gespielt hat. In der Klassengesellschaft ist die Familie für die meisten Menschen der einzige Ort, wo sie einige grundlegende menschliche Bedürfnisse befriedigen können wie etwa Liebe und Gemeinschaft. Wie schlecht die Familie diese Bedürfnisse auch immer erfüllt, so gibt es doch keine echte Alternative, solange das Privateigentum existiert. Die Auflösung der Familie im Kapitalismus bringt viel Elend und Leid mit sich, eben weil sich noch kein höheres System zwischenmenschlicher Beziehungen entwickeln kann.
Das Wesen des Familiensystems wird aber nicht durch eine Befriedigung der Bedürfnisse nach Zuneigung und Gemeinschaft bestimmt. Es stellt vielmehr eine ökonomische und soziale Einrichtung dar, deren Funktionen wie folgt zusammengefasst werden können:
a) Die Familie ist der grundlegende Mechanismus, durch den sich die herrschenden Klassen der gesellschaftlichen Verantwortung für das wirtschaftliche Wohlergehen derjenigen entziehen, deren Arbeitskraft sie ausbeuten - der grossen Masse der Menschheit. Die herrschende Klasse versucht, so weit wie möglich, jede einzelne Familie zu zwingen, für sich selbst verantwortlich zu sein, wodurch die ungleiche Verteilung von Einkommen, gesellschaftlichem Status und Reichtum festgeschrieben wird.
b) Das Familiensystem sorgt dafür, daß das Privateigentum von einer Generation auf die nächste übertragen wird. Es ist der gesellschaftliche Grundmechanismus zur Verewigung der Klassenspaltung der Gesellschaft.
c) Für die herrschende Klasse schafft das Familiensystem den billigsten und ideologisch annehmbarsten Mechanismus zur Reproduktion menschlicher Arbeitskraft. Indem die Familie für die Kinder verantwortlich gemacht wird, wird der Anteil am - privat angeeigneten - Gesamtreichtum der Gesellschaft, der benutzt wird, um die Reproduktion der arbeitenden Klassen sicherzustellen, auf ein Mindestmaß beschränkt. Außerdem hält die Tatsache, daß jede einzelne Familie eine isolierte Einheit darstellt, die um ihr eignes Überleben kämpft, gerade die am meisten Unterdrückten und Ausgebeuteten davon ab, sich zu gemeinsamen Handeln zusammenzuschließen.
d) Das Familiensystem setzt eine gesellschaftliche Arbeitsteilung durch, in der die Rolle der Frauen grundlegend auf das Kindergebären und die dieser reproduktiven Funktion unmittelbar zugeordneten Aufgaben der Fürsorge für die anderen Mitglieder der Familie beschränkt wird. So ruht die Institution Familie auf einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die eine häusliche Unterjochung und wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen einschließt, und verstärkt diese Arbeitsteilung wiederum.
e) Das Familiensystem ist eine repressive und konservierende Einrichtung, die in sich selbst die hierarchischen, autoritären Verhältnisse reproduziert, die notwendig sind, um die Klassengesellschaft insgesamt aufrechtzuerhalten. Es fördert die besitzgierigen, auf Konkurrenz eingestellten und aggressiven Verhaltensweisen, die zur Verewigung der Klassenspaltung notwendig sind.
Es formt das Verhalten und die Charakterstruktur der Kinder von der frühen Kindheit bis zum Erwachsenenalter. Es richtet sie ab, diszipliniert und überwacht sie und lehrt sie so, sich der herrschenden Autorität zu unterwerfen. Dann zügelt es rebellische, nonkonformistische Impulse. Es unterdrückt die Sexualität und zwingt sie in gesellschaftlich annehmbare Kanäle männlicher und weiblicher sexueller Verhaltensweisen zu Reporduktionszwecken und sozioökonomischen Rollen. Es impft die gesellschaftlichen Werte und Verhaltensnormen ein, die sich die Individuen aneignen müssen, um in der Klassengesellschaft zu überleben und sich ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Es entstellt alle zwischenmenschlichen Beziehungen, indem es ihnen das System wirtschaftlichen Zwangs, persönlicher Abhängigkeit und sexueller Unterdrückung aufzwingt.

5. Die Familie hat im Kapitalismus wie auch in vorangegangenen Geschichtsepochen eine Entwicklung durchgemacht. Das Familiensystem bleibt aber weiterhin eine unverzichtbare Einrichtung der Klassenherrschaft und nimmt die skizzierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Funktionen wahr. Im Falle der Bourgeoisie sorgt die Familie für die Übertragung des Privateigentums von einer Generation auf die nächste. Eine Heirat gewährleistet dabei oft eine Verknüpfung oder Fusion größerer Kapitalblöcke, insbesondere in einem frühen Stadium der Kapitalakkumulation. Im Falle der klassischen Kleinbourgeoisie wie Bauern, Handwerker oder kleinen Ladenbesitzern stellt die Familie auch eine Produktionseinheit dar, die auf der Arbeit der Familienmitglieder beruht. Für die Arbeiterklasse stellt die Familie, wenngleich sie für einen gewissen gegenseitigen Schutz ihrer eigenen Mitglieder sorgt, letztendlich doch eine ihr fremde Klasseninstitution dar, die der Arbeiterklasse aufgezwungen wird und den wirtschaftlichen Interessen der Bourgeoisie und nicht den Arbeitern und Arbeiterinnen dient. Es wird den arbeitenden Menschen aber von der frühesten Kindheit an eingeflößt, sie (genau wie die Lohnarbeit, das Privateigentum und den Staat) als das Natürlichste und Unvergänglichste in Bezug auf die menschlichen Beziehungen anzusehen.
a) Mit dem Aufstieg des Kapitalismus und dem Wachstum der Arbeiterklasse hört die Familie unter den Arbeitern und Arbeiterinnen auf, eine kleinbürgerliche Produktionseinheit zu sein, obwohl sie die Grundeinheit bleibt, über die die Konsumtion und die Reproduktion der Arbeitskraft organisiert werden. Nunmehr verkauft jedes einzelne Familienmitglied seine Arbeitskraft individuell auf dem Arbeitsmarkt. Die grundlegenden wirtschaftlichen Bande, die vorher die Familie der Ausgebeuteten und Unterdrückten zusammenhielten - d.h. die Tatsache, daß sie kooperativ zusammenarbeiten mußten, um zu überleben -, beginnen sich aufzulösen. Indem Frauen in den Arbeitsmarkt einbezogen werden, erlangen sie zum ersten Mal seit der Entstehung der Klassengesellschaft ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Dies beginnt die Hinnähme ihrer eignen häuslichen Unterdrückung zu untergraben. Mit dem Ergebnis, daß das Familiensystem selbst untergraben wird.
b) Somit besteht ein Widerspruch zwischen der zunehmenden Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt und dem Fortbestand der Familie. Wenn die Frauen wirtschaftliche Unabhängigkeit und Gleichheit erreichen, wird die Familie mehr und mehr verschwinden. Das Familiensystem ist aber eine unverzichtbare Säule der Klassenherrschaft. Es muß erhalten werden, wenn der Kapitalismus fortbestehen soll.
c) Die wachsende Anzahl von Frauen auf dem Arbeitsmarkt bewirkt insbesondere in Zeiten beschleunigter Expansion einen tiefen Widerspruch für die Kapitalistenklasse. Sie müssen mehr Frauen einstellen, um von deren Superausbeutung profitieren zu können. Indem aber mehr Frauen eingestellt werden, wird gleichzeitig ihre Fähigkeit eingeschränkt, die grundlegende unbezahlte Arbeit des Kinderaufziehens auszuüben, wofür eben die Frauen verantwortlich gemacht werden. Daher muß der Staat beginnen, die Familie zu stützen, indem einige der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Funktionen, die zuvor von der Familie wahrgenommen wurden, wie Erziehung, Kinderfürsorge usw. nun von ihm sichergestellt und unterstützt werden.
Solche Sozialeinrichtungen sind aber teurer als die unbezahlte Hausarbeit der Frauen. Sie verzehren einen Teil des Mehrwerts, den sich andernfalls die Kapitaleigentümer angeeignet hätten. Sie beschneiden die Profite. Überdies nähren Sozialprogramme dieser Art den Gedanken, nicht die Familie, sondern die Gesellschaft solle für das Wohlergehen ihrer nichtproduktiven Mitglieder verantwortlich sein. Sie vermehren die gesellschaftlichen Erwartungen der Arbeiterklasse.
d) Die unbezahlte Arbeit von Frauen im Haushalt - Kochen, Putzen, Waschen, Kinderfürsorge - spielt im Kapitalismus eine besondere Rolle. Diese Haushaltsarbeit ist ein notwendiger Bestandteil der Reproduktion der Arbeitskraft, die an die Kapitalisten verkauft wird (sowohl der eigenen Arbeitskraft der Frau selbst als auch die ihres Ehemannes, ihrer Kinder oder eines anderen Familienmitglieds).
Unter sonst gleichen Voraussetzungen müßte das allgemeine Lohnniveau steigen, wenn nicht die Frauen in den Familien der Arbeiterklasse unbezahlte Arbeit leisteten. Die Reallöhne müßten hoch genug sein, um die Güter und Dienstleistungen zu erwerben, die jetzt noch innerhalb der Familie produziert werden. (Natürlich stellt der zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Land zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendige allgemeine Lebensstandard eine geschichtlich bestimmte gegebene Größe dar. Sie kann nicht drastisch gesenkt werden ohne eine vernichtende Niederlage der Arbeiterklasse.) Eine allgemeine Abnahme der unbezahlten Hausarbeit von Frauen würde somit die Gesamtprofite beschneiden und das Verhältnis zwischen Profiten und Löhnen zugunsten des Proletariats verändern.
Wie nützlich die Hausarbeit auch sein mag, so produziert sie doch keine Waren für den Markt und daher auch keinen Wert oder Mehrwert. Ebenso ist sie nicht unmittelbar in den kapitalistischen Ausbeutungsprozeß einbezogen. In Wertbegriffen ausgedrückt beeinflußt die unbezahlte Hausarbeit in der Familie die Mehrwertrate. Indirekt vergrößert sie die Gesamtmasse des gesellschaftlichen Mehrprodukts. Dies gilt unabhängig davon, ob diese Arbeit nur von Frauen ausgeübt wird oder ob auch Männer einen Anteil daran haben.
Von der unbezahlten Hausarbeit der Frauen profitiert die Kapitalistenklasse und nicht die Männer allgemein, und sicherlich nicht die männlichen Lohnarbeiter. Diese "Ausbeutung" der Familie der Werktätigen, deren Last an allererster Stelle die Frauen zu tragen haben, kann nur durch den Sturz des Kapitalismus und die Vergesellschaftung der Hausarbeit im Verlauf des sozialistischen Aufbaus beseitigt werden.
e) Die unverzichtbare Rolle der Familie und das Dilemma, das die zunehmende Anzahl der in einem Arbeitsverhältnis stehenden Frauen für die herrschende Klasse bewirkt, treten in Zeiten einer Wirtschaftskrise am klarsten zutage. Die Herrschenden müssen zwei Zielen nachkommen.
Sie müssen eine bedeutende Anzahl Frauen aus den Betrieben nach Hause schicken, um die industrielle Reservearmee wieder herzustellen und das Lohnniveau zu senken.
Sie müssen die wachsenden Kosten der vom Staat bereitgestellten Sozialeinrichtungen senken und die wirtschaftliche Last und Verantwortung dafür wieder auf die einzelne Arbeiterfamilie übertragen.
Um diese beiden Zielsetzungen zu verwirklichen, müssen sie eine ideologische Offensive gerade gegen den Gedanken der Gleichberechtigung und Unabhängigkeit der Frauen in Gang setzen und die Verantwortlichkeit der einzelnen Familie für die eigenen Kinder, die Alten, die Schwachen untermauern. Sie müssen das Bild der Familie als der einzig "natürlichen" Form zwischenmenschlicher Beziehungen verstärken und die Frauen, die begonnen haben, gegen ihre untergeordnete Stellung zu rebellieren, überzeugen, daß sie wahres Glück nur in der "natürlichen" und ursprünglichen Rolle als Ehefrau, Mutter und Haushälterin erlangen können. Je gründlicher die Integration der Frauen in die Lohnarbeiterschaft (the work force) ist, umso schwieriger ist es, eine ausreichende Zahl von ihnen wie der nach Hause zu schicken.
f) In den frühen Stadien der Kapitalakkumulation geht die zügellose, brutale Ausbeutung der Frauen und der Kinder oft so weit, daß die Familienstruktur in der Arbeiterklasse ernsthaft ausgehöhlt wird und ihre Nützlichkeit als System zur Organisierung, Kontrolle und Reproduktion der Arbeitskraft bedroht ist.
Genau auf diese Tendenz machten Marx und Engels im England des neunzehnten Jahrhundert aufmerksam. Sie sagten das schnelle Verschwinden der Familie in der Arbeiterklasse voraus. Ihr grundlegendes Verständnis der Rolle der Familie in der kapitalistischen Gesellschaft war korrekt, sie unterschätzten aber die verborgene Fähigkeit des Kapitalismus, das Entwicklungstempo der ihm innewohnenden Widersprüche zu verlangsamen. Sie unterschätzten die Fähigkeit der herrschenden Klasse einzugreifen, um die Beschäftigung von Frauen und Kindern zu regeln und die Familie zur Rettung des kapitalistischen Systems zu stützen. Unter dem starken Druck der Arbeiterbewegung, die brutale Ausbeutung der Frauen und der Kinder abzuschwächen, schritt der Staat im langfristigen Interesse der Kapitalistenklasse ein - auch wenn dies der Absicht einzelner Kapitalisten zuwiderlief, sechzehn Stunden lang pro Tag jeden Tropfen Blut aus den Arbeitenden herauszupressen und sie mit dreißig sterben zu lassen.
g) Die kapitalistischen Politiker mit ihrer Aufgabe, eine Gesellschaftspolitik zum Schutz und zur Verteidigung der Interessen der herrschenden Klasse zu entwickeln, sind sich der unverzichtbaren wirtschaftlichen Rolle der Familie und der Notwendigkeit, sie als gesellschaftliche Grundeinheit im Kapitalismus zu erhalten, überaus bewußt. "Verteidigung der Familie" ist nicht nur "in besonderes demagogisches Erkennungszeichen der Ultrarechten. Aufrechterhaltung der Familie ist Grundpolitik jedes kapitalistischen Staates, diktiert von den gesellschaftlichen und und ökonomischen Bedürfnissen des Kapitalismus selbst.

6. Im Kapitalismus stellt das Familiensystem auch den Mechanismus für die zusätzliche Ausbeutung der Frauen als Lohnarbeiterinnen bereit. a) Es versorgt den Kapitalismus mit einer außerordentlich elastischen Reserve an Arbeitskräften, die mit geringeren gesellschaftlichen Konsequenzen als bei irgendeinem anderen Bestandteil der industriellen Reservearmee in den betrieblichen Arbeitsprozeß einbezogen oder wieder nach Hause geschickt werden können. Da der gesamte ideologische Überbau die Fiktion verstärkt, der Platz der Frauen sei zuhause, bewirken hohe Arbeitslosigkeitsziffern von Frauen verhältnismäßig geringeren gesellschaftlichen Protest. Denn schließlich, so wird gesagt, arbeiteten Frauen ja nur, um eine bereits vorhandene Einkommensquelle der Familie zu ergänzen. Wenn sie arbeitslos sind, dann sind sie mit ihrer Hausarbeit beschäftigt und nicht so augenscheinlich "ohne Arbeit". Ihr Zorn und ihre Empörung werden als ernsthafte gesellschaftliche Gefahr oft durch die allgemeine Isolierung und Vereinzelung der Frauen in voneinander getrennten Einzelhaushalten zerstreut. b) Da der natürliche Platz der Frauen angeblich im Hause liegt, verfügt der Kapitalismus über eine weitgehend akzeptierte Begründung zur Aufrechterhaltung (1) der Beschäftigung von Frauen in schlecht bezahlten, ungelernten Berufen. "Es lohnt sich nicht, sie auszubilden, weil sie doch nur schwanger werden oder heiraten und kündigen." (2) ungleicher Lohntarife und niedriger Bezahlung. "Sie arbeiten ja nur um Luxusartikel und ähnliches Zeugs zusätzlich kaufen zu können." (3) einer tiefen Spaltung in der Arbeiterklasse selbst. "Sie nimmt einem Mann den Arbeitsplatz weg."
(4) der Tatsache, daß die Lohnarbeiterinnen nicht proportional in den Gewerkschaften und den anderen Organisationen der Arbeiterklasse vertreten sind. "Sie sollte sich nicht auf Versammlungen rumtreiben. Sie sollte lieber zuhause auf die Kinder aufpassen."
c) Da sich das gesamte Lohngefüge von unten nach oben aufbaut, spielt diese zusätzliche Ausbeutung der Frauen als industrielle Reservearmee eine unersetzliche Rolle dabei, die Löhne auch der Männer niedrig zu halten.
d) Die Unterjochung der brauen im Familiensystem schafft die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ideologischen Grundlagen, die ihre Superausbeutung ermöglichen. Arbeiterinnen werden nicht nur als lohnabhängige Arbeitskräfte ausgebeutet, sondern auch als minderwertiges Arbeitsreservoir, dem sie aufgrund ihres Geschlechtes zugeordnet werden.

7. Da die Unterdrückung der Frauen geschichtlich mit der Aufspaltung der Gesellschaft in Klassen und mit der Rolle der Familie als Grundeinheit der Klassengesellschaft verflochten ist, kann diese Unterdrückung nur beseitigt werden mit der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Übertragung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Funktionen, die im Kapitalismus von der Einzelfamilie getragen werden, auf die Gesellschaft als Ganzes. 8. Die materialistische Analyse des geschichtlichen Ursprungs und der wirtschaftlichen Wurzeln der Unterdrückung der Frauen ist wesentlich für die Entwicklung eines Programms und einer Perspektive zur tatsächlichen Verwirklichung der Befreiung der Frauen. Diese wissenschaftliche Erklärung zu verwerfen, führt unvermeidlich zu einem der folgenden beiden Fehler: a) Ein Fehler, der von vielen gemacht wird, die für sich beanspruchen, die marxistische Methode anzuwenden, besteht darin, die Unterdrückung der Frauen als Geschlecht in der gesamten Geschichte der Klassengesellschaft zu leugnen oder doch zumindest herunterzuspielen. Sie sehen die Unterdrückung der Frauen einfach und allein als einen Aspekt der Ausbeutung der Arbeiterklasse. Dieser Ansicht nach kommt den Kämpfen der Frauen nur in ihrer Eigenschaft als Arbeiterinnen am Arbeitsplatz Gewicht und Bedeutung zu. Die Frauen würden ganz beiläufig durch die sozialistische Revolution befreit werden, so daß für sie keine besondere Notwendigkeit bestünde, sich als Frauen im Kampf für ihre eigenen Forderungen zu organisieren. b) Ein ähnlicher Fehler, nur mit umgekehrten Vorzeichen, wird von denen gemacht, die argumentieren, eine Herrschaft der Männer über die Frauen habe bereits vor der Entstehung der Klassengesellschaft bestanden. Dies habe sich in einer Arbeitsteilung nach Geschlechtern ausgedrückt. Somit müsse die patriarchalische Unterdrückung aus anderen Ursachen als der Entwicklung des Privateigentums und der Klassengesellschaft erklärt werden. Sie sehen das Patriarchat als eine Ansammlung von Unterdrückungsverhältnissen, die zwar Parallelen zu den Klassenbeziehungen aufweisen, jedoch von ihnen unabhängig sind.
Diejenigen, die diese Analyse systematisch entwickelt haben, isolieren gewöhnlich die Reproduktionsfrage und konzentrieren sich allein darauf. Sie ignorieren weitgehend den Vorrang der kooperativen Arbeit, des wesentlichen Merkmals der menschlichen Gesellschaft, und messen der Stellung der Frauen im Produktionsprozeß der jeweiligen Geschichtsepoche nur geringe Bedeutung zu. Einige gehen sogar so weit, die Theorie einer zeitlosen patriarchalischen Reproduktionsweise mit einer Kontrolle der Männer über die Reproduktionsmittel (die Frauen) zu konstruieren. Sie bringen oft psychoanalytische Erklärungen vor, die leicht in einen ahistorischen Idealismus fallen und dabei die Unterdrückung auf biologische und/oder psychologische Triebkräfte zurückführen, die aus dem materialistischen System gesellschaftlicher Beziehungen herausgerissen wurden.
Zu dieser Strömung, die sich manchmal als "radikale Feministinnen" organisiert, gehören sowohl bewußte Anti-Marxistinnen als auch andere, die von sich glauben, eine "feministische Neubestimmung des Marxismus" vorzunehmen. Aber die Ansicht, daß die Unterdrückung der Frauen nur parallel zum Auftauchen und zur Entwicklung der Klassenausbeutung verlief, nicht jedoch darin wurzelt, führt die am folgerichtigsten Denkenden und Handelnden dazu, die Notwendigkeit einer politischen Frauenpartei auf der Grundlage eines Programms zu proklamieren, das Unabhängigkeit vom Klassenkampf vorgibt. Sie verwerfen die Notwendigkeit, daß sich Frauen und Männer gemeinsam organisieren auf der Grundlage eines revolutionären Arbeiterprogramms zur Beseitigung sowohl der Klassenausbeutung als auch der sexuellen Unterdrückung. Sie sehen kaum die Notwendigkeit, im Kampf Bündnisse mit anderen Unterdrückten und Ausgebeuteten einzugehen.
Diese einseitigen Betrachtungsweisen verneinen beide die revolutionäre Dynamik des "Kampfes für die Frauenbefreiung als einer Form des Klassenkampfes. Beide erkennen nicht, daß der Kampf für die Frauenbefreiung über die Schranken der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse hinausgehen muß, wenn er erfolgreich sein soll. Beide verneinen die Bedeutung, die diese Tatsache für die Arbeiterklasse und ihre revolutionär-marxistische Führung hat.

Wurzeln der neuen Frauenradikalisierung

1. Die heutige Frauenbefreiungsbewegung steht auf den Schultern der früheren Frauenkämpfe um die Jahrhundertwende. Mit der Festigung des Industriekapitalismus im neunzehnten Jahrhundert wurden zunehmend Frauen in den Arbeitsmarkt einbezogen. Die Kluft zwischen dem vom Feudalismus ererbten gesellschaftlichen und rechtlichen Status der Frauen und ihrem neuen wirtschaftlichen Status als Lohnarbeiterinnen, die ihre Arbeitskraft auf dem Markt verkaufen, schuf krasse Widersprüche. Auch für die Frauen der herrschenden Klasse öffnete der Kapitalismus die Tür zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Aus diesen Widersprüchen entsprang die erste Welle von Frauenkämpfen, die darauf ausgerichtet war, eine völlige rechtliche Gleichstellung mit den Männern zu erlangen. In dieser Bewegung waren unterschiedliche politische Strömungen vertreten. Unter den Führerinnen des Kampfes um das Frauenwahlrecht glaubten viele, dieses Recht werde dadurch gewonnen, daß sie sich der herrschenden Klasse als loyale Verteidigerinnen des kapitalistischen Systems zeigten. Einige verknüpften den Kampf um das Frauen Wahlrecht mit einer Unterstützung für den Imperialismus im Ersten Weltkrieg und widersetzten sich oft dem Wahlrecht für eigentumslose Männer und Frauen, Einwanderer und Farbige. Aber es gab in einer ganzen Zahl von Ländern auch eine starke Strömung von Sozialistinnen, die den Kampf für die Rechte der Frauen als Teil des Kampfes der Arbeiterklasse sahen und auf dieser Grundlage Unterstützung von Arbeiterinnen und Arbeitern mobilisierte. Sie kämpften für das Wahlrecht und spielten dabei in Ländern wie den Vereinigten Staaten eine entscheidende Rolle. Sie formulierten und kämpften auch für andere Forderungen wie gleichen Lohn und Möglichkeiten der Empfängnisverhütung. Durch den Kampf erlangten die Frauen der entwickeltsten kapitalistischen Länder in unterschiedlichem Maße mehrere bedeutsame demokratische Rechte: das Recht auf höhere Bildung, das Recht, Gewerbe und freie Berufe auszuüben, das Recht, ihre Löhne selbst zu erhalten und darüber zu verfügen (was als Recht des Ehemannes oder des Vaters angesehen worden war), das Recht auf eigenen Besitz, das Recht auf Scheidung, das Recht, in politischen Organisationen mitzuwirken. In einigen Ländern gipfelte dieser erste Aufschwung in Massenkämpfen für das Frauenwahlrecht.

2. Das Frauenwahlrecht, das nach und manchmal gleichzeitig mit dem allgemeinen Wahlrecht für Männer eingeführt wurde, stellte eine bedeutende objektive Errungenschaft für die Arbeiterklasse dar. Es spiegelte die Veränderung des sozialen Status der Frauen wider und trug dazu bei, diese Veränderung voranzubringen. Zum ersten Mal in der Klassengesellschaft wurden die Frauen rechtlich als Bürgerinnen betrachtet, die fähig sind, bei öffentlichen Angelegenheiten mitzuwirken, mit einem Mitspracherecht bei wichtigen politischen Fragen und nicht nur in privaten Haushaltsangelegenheiten.
Zwar liegt die grundlegende Ursache für die untergeordnete Stellung der Frauen gerade in den Grundlagen der Kassengesellschaft selbst und der besonderen Rolle der Frauen in der Familie und nicht in der formalen Verweigerung der Gleichberechtigung vor dem Gesetz. Doch verschaffte die Ausweitung demokratischer Rechte für die Frauen diesen einen größeren Handlungsspielraum und half späteren Generationen zu erkennen, daß die Wurzeln der Unterdrückung der Frauen tiefer liegen.

3. Die Wurzeln der neuen Frauenradikalisierung sind in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden, welche die Widersprüche in der kapitalistischen Wirtschaft, in der Stellung der Frauen und im patriarchalischen Familiensystem vertieft haben. In unterschiedlichem Maße waren die gleichen Faktoren in allen Ländern, die innerhalb des kapitalistischen Weltmarktes verblieben, wirksam. Es ist aber nicht verwunderlich, daß das heutige Wiederaufleben der Frauenbewegung zuerst in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern stattfand - wie den Vereinigten Staaten, Kanada und Großbritannien -, wo sich diese Veränderungen und Widersprüche am weitesten entwickelt hatten. a) Fortschritte in der medizinischen Forschung und Technologie auf dem Gebiet der Geburtenkontrolle und der Abtreibung haben die Mittel geschaffen, mit denen die Masse der Frauen eine größere Kontrolle über ihre Fortpflanzungsfunktionen ausüben kann. Die Kontrolle der Frauen über ihren eigenen Körper ist eine Voraussetzung für die Frauenbefreiung. Während solche medizinischen Methoden in wachsendem Maße zur Verfügung stehen, hindern reaktionäre Gesetze, verstärkt durch bürgerliche Sitten, religiöse Bigotterie und den ganzen ideologischen Überbau der Klassengesellschaft, die Frauen oft daran, die Kontrolle über ihre eigenen Fortpflanzungsfunktionen auszuüben. Finanzielle, rechtliche, psychologische und "moralische" Schranken werden künstlich errichtet, um zu versuchen, die Frauen von der Forderung abzuhalten, selbst darüber entscheiden zu können, ob und wann sie Kinder gebären wollen. Zudem bedeuten die Beschränkungen, die der Forschung gemäß kapitalistischer Profiterwägungen und sexistischer Mißachtung des Lebens der Frauen auferlegt werden, fortgesetzte gesundheitliche Risiken für die Frauen, die die günstigsten Methoden der Geburtenkontrolle benutzen. Dieser Widerspruch zwischen dem, was möglich ist, und dem, was tatsächlich existiert, berührt das Leben aller Frauen. Er hat zu den machtvollen Kämpfen für die Freigabe der Abtreibung geführt, die im Mittelpunkt der Frauenbewegung auf internationaler Ebene standen und stehen.
b) Die anhaltenden Bedingungen des Booms in der wirtschaftlichen Expansion der Nachkriegsjahre erhöhten in bedeutendem Umfang den prozentualen Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Beschäftigten.
So waren z.B. in den Vereinigten Staaten im Jahre 1950 33,9 % aller Frauen zwischen 18 und 64 Jahren berufstätig. Bis 1975 war dieser Anteil auf 54 % angewachsen. Zwischen 1960 und 1975 wurden nahezu zwei Drittel aller neugeschaffenen Arbeitsplätze von Frauen besetzt. 1950 waren 29,1 % aller Beschäftigten Frauen, 1976 waren es bereits 41 %.
Von gleicher Bedeutung ist die Tatsache, daß der Prozentanteil berufstätiger Frauen mit Kindern dramatisch zunahm, ebenso der Anteil von Frauen, die einem Haushalt vorstehen.
In Spanien sind heute dreimal so viele Frauen berufstätig wie noch 1930.
In Großbritannien war der Anteil erwerbstätiger Frauen zwischen 1881 und 1951 ziemlich stabil und lag etwa zwischen 25 und 27 Prozent. Im Jahre 1965 waren bereits 34 % aller Frauen zwischen 16 und 64 Jahren vollzeitbeschäftig 17 % gingen einer Teilzeitbeschäftigung nach und insgesamt 54 % entfielen auf die Kategorie "wirtschaftlich tätig". Fast zwei Drittel der erwerbstätigen Frauen waren verheiratet.
Auch in Ländern, in denen sich der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Beschäftigten seit hundert Jahren kaum verändert hat (Deutschland, Schweiz), hat die Zahl der verheirateten berufstätigen Frauen stark zugenommen.
Nur in einigen Ländern, die noch nach dem zweiten Weltkrieg eine hohe Prozentzahl landwirtschaftlich Beschäftigter hatten, war in der Nachkriegszeit ein Rückgang der weiblichen Erwerbstätigkeit zu beobachten. Dies ist darauf zurückzuführen, daß viele Frauen im Zuge der Abwanderung in die Städte nicht mehr in die sogenannte aktive Bevölkerung wieder einbezogen wurden. Zum Beispiel ist in Italien, wo dieser Faktor mit der Entwicklung einer Massenarbeitslosigkeit in Kleinbetrieben im "typisch weiblichen" Bereich zusammenwirkte, der prozentuale Anteil der Frauen an der Zahl der Erwerbstätigen gesunken.
In extremen Krisengebieten wie Süditalien und Nordportugal ist diese Rückentwicklung sogar mit einem Wiederaufleben der Heimarbeit in beträchtlichem Ausmaß einhergegangen. Die Frauen werden veranlaßt, an ihren Nähmaschinen zu Hause Akkordarbeit zu leisten, womit sie den Bossen die Kosten der Instandhaltung der Fabrik, des Krankengelds und der Sozialversicherung, Streiks und andere "Problemen", die eine organisierte Arbeiterschaft verursacht, ersparen.
Während dieses Zustroms von Frauen auf den Arbeitsmarkt zeigte sich kein wesentlicher Wandel bei der Lohndiskriminierung gegenüber Frauen. In vielen Ländern hat sich dieses Lohngefälle zwischen den Geschlechtern sogar noch vertieft.
Dies liegt vor allem daran, daß die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen nicht gleichmäßig über alle Berufskategorien verteilt ist. In nahezu allen Ländern stellen die Frauen 70 bis 90 Prozent der Beschäftigten in der Textil-, der Schuh-, der Konfektionsbekleidungs-, der Tabak- und anderen Leichtindustrien, d.h. in Bereichen mit den niedrigsten Löhnen. Auch 70 und mehr Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich sind Frauen, wobei die Mehrheit der Frauen die am wenigsten einträglichen Positionen innehat: als Sekretärinnen, Büroangestellte, Lehrerinnen in der Grundschule, Locherinnen.
Die Diskriminierung in den verschiedenen Berufsbereichen - in vielen Fällen durch ungleichen Lohn für gleiche Arbeit noch verschärft - ist der entscheidende Grund dafür, weshalb auch in den Ländern, in denen die Arbeiterbewegung in dieser Frage am härtesten gekämpft hat, der Durchschnittslohn für Frauen kaum über 75 Prozent des Durchschnittslohns der Männer hinauskommt. Dies erklärt auch, warum sich der Lohnunterschied sogar noch vergrößert, indem eben ein massiver Zustrom von Frauen in die schlechtestbezahlten Wirtschaftsbereiche stattfindet. Dies ist in den Vereinigten Staaten der Fall, wo das mittlere Einkommen ganztägig und -jährig beschäftigter Arbeiterinnen im Jahre 1955 64 Prozent desjenigen der Männer betrug, im Jahre 1975 aber sogar auf 57 Prozent gefallen ist.
Trotz ihrer zunehmenden Zahl bei den Arbeitskräften sind die Frauen immer noch gezwungen, zusätzlich zu ihrer Lohnarbeit die meisten, wenn nicht alle häuslichen Verpflichtungen auf sich zu nehmen. In der Folge geben sie ihre berufliche Stellung oft zeitweise auf, wenn sie Kinder haben, und haben dann später Schwierigkeiten, eine neue Anstellung zu finden. Wenn sie weiterarbeiten, sind sie gezwungen, zuhause zu bleiben, wenn ein Kind krank ist.
Dies hat zu einer bedeutenden Zunahme der Zahl teilzeitbeschäftigter Frauen geführt - zuweilen weil sie keine Ganztagsbeschäftigung finden können, häufiger aber, weil sie sonst ihre Hausarbeit nicht bewältigen können. Teilzeitarbeit bringt aber ausnahmslos niedrigere Löhne, geringere Arbeitsplatzsicherheit, niedrigere Sozialleistungen und eine geringere Wahrscheinlichkeit gewerkschaftlicher Organisierung mit sich.
Zu alldem kommen noch die anderen Formen der Diskriminierung und sexistische Mißhandlungen hinzu, denen die berufstätigen Frauen ausgesetzt sind: höhere Beiträge zur Renten- oder Arbeitslosenversicherung, nur erbärmlicher Schwangerschaftsurlaub oder überhaupt keiner, sexuelle Aggression seitens der Vorarbeiter oder des Aufsichtspersonals, Arbeitsbedingungen, die für schwangere Frauen doppelt gefährlich sind.
c) Die Anhebung des durchschnittlichen Bildungsniveaus der Frauen hat diese Widersprüche weiter verschärft. Der Bedarf des Kapitalismus an besser ausgebildeten Arbeitskräften hat dazu geführt, daß Frauen in qualitativ größerem Umfang als zuvor zu höheren Bildungseinrichtungen zugelassen werden.
Allerdings hat, wie die Beschäftigungsstatistiken zeigen, der Prozentsatz der Frauen, die einen ihrem Bildungsniveau entsprechenden Beruf ausüben, nicht damit Schritt halten können. In allen Bereichen des Arbeitsmarktes, von der Industrie bis zu den freien Berufen, werden Frauen mit höherer Qualifikation gewöhnlich zugunsten von Männern mit niedrigerer Qualifikation übergangen. Zudem werden Mädchen in ihrer ganzen Grund-, Haupt- und Oberschulzeit weiterhin in bestimmten Pflichtfächern oder durch indirekteren Druck in als spezifisch weiblich betrachtete Berufe und Rollen gedrängt.
Indem sie mehr Bildung erhalten und gesellschaftliche Kämpfe ihre individuellen Erwartungen erhöhen, werden die erdrückende und geisttötende Plackerei der Hausarbeit und die Beengtheit des Familienlebens immer unerträglicher für die Frauen. So hat das gestiegene Bildungsniveau der Frauen zusammen mit einer Intensivierung des Klassenkampfes den Widerspruch zwischen den erwiesenen Fähigkeiten und den breiteren Erwartungen der Frauen einerseits und ihrer tatsächlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung andererseits verschärft.
d) Die Funktionen der einzelnen Familie in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft verengen sich fortlaufend. Sie stellt immer weniger eine Einheit der Kleinproduktion dar - sowohl landwirtschaftlich als auch hauswirtschaftlich (einmachen, weben, nähen, backen usw.) gesehen. Die heutige städtische Kleinfamilie ist weit entfernt von der produktiven Bauernfamilie vergangener Jahrhunderte. Gleichzeitig ist die auf die Verbraucher ausgerichtete Industrie und Werbung in ihrem Profitstreben bemüht, die Atomisierung und Duplizierung der Hausarbeit auf die Spitze zu treiben, um jedem einzelnen Haushalt eigene Waschmaschinen, Wäschetrockner, Geschirrspülmaschinen, Staubsauger usw. zu verkaufen.
Mit dem Ansteigen des Lebensstandards sinkt die durchschnittliche Kinderzahl pro Familie drastisch. Industriell verarbeitete Nahrungsmittel und andere Erleichterungen stehen in wachsendem Maße zur Verfügung. Dennoch haben Untersuchungen in einer Reihe imperialistischer Länder gezeigt, daß trotz der technologischen Fortschritte Frauen mit mehr als einem Kind und mit einer Ganztagsstellung auf 80 bis 100 Arbeitsstunden pro Woche kommen - mehr als in ähnlichen Untersuchungen der Jahre 1926 und 1952 ermittelt wurde. Während verschiedene Geräte bestimmte Hausarbeiten erleichtert haben, hat die abnehmende Größe der durchschnittlichen Familieneinheit dazu geführt, daß die Frauen sich in geringerem Maße an Großeltern, Tanten oder Geschwister wenden können, damit diese ihnen einen Teil der Arbeit abnehmen.
Nach all diesen Veränderungen erweist sich die objektive Grundlage, die Frauen an Heim und Herd zu fesseln, als immer weniger zwingend. Doch die Bedürfnisse der herrschenden Klasse diktieren eine Aufrechterhaltung des Familiensystems. Bürgerliche Ideologie und gesellschaftliche Formierung bestärken weiterhin den reaktionären Mythos, die Wesensart und Erfüllung einer Frau müsse aus ihrer Rolle als Ehefrau-Mutter-Hausfrau erwachsen. Der Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Mythos wird einer wachsenden Zahl von Frauen zunehmend augenfällig und unerträglich.
Häufig wird auf diese Sachlage verwiesen als "die Krise der Familie", was sich widerspiegelt in den in die Höhe schnellenden Scheidungsraten, einer wachsenden Zahl von Kindern, die von zu Hause fortlaufen, und einer zunehmenden Gewalttätigkeit in der Familie.

4. Größere demokratische Rechte und breitere gesellschaftliche Möglichkeiten haben die Frauen nicht "zufriedengestellt" oder sie dazu bewogen, ihre untergeordnete gesellschaftliche Stellung und ihre wirtschaftliche Abhängigkeit passiv hinzunehmen. Im Gegenteil - sie sind davon zu neuen Kämpfen und weiterreichenden Forderungen angespornt worden. Es waren im allgemeinen die jungen, akademisch gebildeten Frauen, diejenigen, die über eine verhältnismäßig größere Entscheidungsfreiheit verfügten, und diejenigen, die am meisten von der Jugendradikalisierung der 60er Jahre berührt worden waren, die als erste den Verdruß der Frauen in organisierter und offener Weise zum Ausdruck brachten. Dies hat einige, die sich als Marxistinnen betrachten, zu dem Schluß geführt, die Frauenbefreiungsbewegung sei im Grunde eine Protestbewegung des Kleinbürgertums oder der Bourgeoisie und sei für Revolutionäre oder die Massen der Frauen der Arbeiterklasse nicht von ernsthaftem Interesse. Einen größeren Fehler konnten sie nicht machen. Die anfängliche Entwicklung der Frauenbefreiungsbewegung half nur, die Tiefe und die Breite der Unterdrückung der Frauen zu unterstreichen. Selbst diejenigen, die bezüglich ihrer Ausbildung und in vielerlei anderer Hinsicht im Vorteil sind, wurden und werden zu Aktionen getrieben. Die am meisten Unterdrückten und Ausgebeuteten sind nicht notwendigerweise die ersten, die ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen.

5. Der Vorstoß zur Kürzung der Sozialausgaben in den meisten entwickelten kapitalistischen Ländern in den letzten Jahren hat zum Wachstum der Frauenbewegung beigetragen und die Einbeziehung von Frauen aus der Arbeiterklasse verstärkt. Im Zusammenhang mit den Forderungen der Arbeiterklasse nach höheren Sozialleistungen durch den Staat war die Bourgeoisie nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in Europa gezwungen, Programme zum Wohnungsbau, zum Gesundheitsdienst und zur Familienunterstützung auszuweiten. Als später der Boom der 50er und 60er Jahre eine wachsende Nachfrage nach weiblicher Arbeitskraft verursachte, wurde das Angebot an Kinderkrippen und -gärten und Wäschereien erhöht, um die Frauen zur Arbeitsplatzsuche anzuregen.
Heute ist die herrschende Klasse angesichts sich vertiefender wirtschaftlicher Probleme dabei, die Sozialausgaben zusammenzustreichen und zu versuchen, diese Last wieder den einzelnen Familien aufzubürden - mit all den Konsequenzen, die das für die Frauen mit sich bringt. Aber der Widerstand dagegen, aus den gerade erst eingenommenen Arbeitsplätzen wieder vertrieben zu werden, und die breite Opposition der Frauen gegen Kürzungen von Sozialleistungen wie etwa die Schließung von Kinderkrippen und -gärten haben in vielen Ländern unerwartet heikle Probleme für die Herrschenden geschaffen. Erfüllt von einem wachsenden feministischen Bewußtsein haben sich die Frauen kämpferischer und weniger als je zuvor gewillt gezeigt, in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise eine unverhältnismäßig große Last auf sich zu nehmen.

6. Hat die Frauenradikalisierung ihre eigene Dynamik, die durch den besonderen Charakter der Unterdrückung der Frauen und die bereits beschriebenen objektiven Veränderungen bestimmt wird, so ist sie doch nicht vom gegenwärtig stattfindenden allgemeineren Aufschwung des Klassenkampfes isoliert. Sie ist nicht unmittelbar von anderen gesellschaftlichen Kräften abhängig, deren Führung unterworfen oder deren Initiative verpflichtet. Gleichzeitig ist und bleibt die Frauenbewegung jedoch wechselseitig tief mit dem Aufschwung anderer gesellschaftlicher Kämpfe verbunden. a) Von Anfang an wurde der neue Aufschwung der Frauenkämpfe stark von der internationalen Jugendradikalisierung und der zunehmenden Infragestellung bürgerlicher Werte und Institutionen, die sie begleitete, berührt. Junge Leute beider Geschlechter begannen die Religion anzuzweifeln, den Patriotismus zu verwerfen, gegen Unterdrückung zu rebellieren, autoritäre Hierarchien in Frage zu stellen - in Familie, Schule, Fabrik, Armee -, sich gegen die Unvermeidbarkeit zu wenden, das ganze Leben lang entfremdete Arbeit leisten zu müssen. Radikalisierte Jugendliche begannen gegen die sexuelle Unterdrückung zu rebellieren und die traditionelle Moral mit ihrer Gleichsetzung von Sex und Fortpflanzung in Frage zu stellen. Für die Frauen schloß dies ein, die altehrwürdige Erziehung von Mädchen zu sexuell passiven, sentimentalen und ängstlichen Geschöpfen anzugreifen. Massen von Jugendlichen, einschließlich junger Frauen, sind sich ihrer sexuellen Not bewußter geworden und haben erfüllendere Formen persönlicher Beziehungen gesucht. b) Einer der Faktoren, der zu der internationalen Jugenradikalisierung beitrug, war die Rolle, die die Befreiungskämpfe unterdrückter Nationen und Nationalitäten sowohl in der kolonialen Welt als auch in den entwickelten kapitalistischen Ländern gespielt haben. Überdies haben diese Kämpfe einen machtvollen Einfluß auf das Bewußtsein in bezug auf die Unterdrückung der Frauen im allgemeinen ausgeübt. Zum Beispiel hat der Kampf der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten eine entscheidende Rolle bei einer weitreichenden Bewußtwerdung und Ablehnung rassistischer Klischees gespielt. Die offenkundige Ähnlichkeit zwischen rassistischen Haltungen und sexistischen Klischees von den Frauen als minderwertigen, gefühlsbetonten, unselbständigen, dumm-aber-glücklichen Geschöpfen haben die Empfindsamkeit und die Ablehnung gegenüber solchen Karikaturen zunehmen lassen. In der sich entwickelnden feministischen Bewegung in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern haben die Frauen aus den unterdrückten Nationalitäten eine zunehmend bedeutendere Rolle zu spielen begonnen. Als Angehörige unterdrückter Nationalitäten, als Frauen und häufig auch als überausgebeutete Arbeiterinnen, erleiden diese Frauen eine doppelte und oft sogar dreifache Unterdrückung. Ihrer objektiven Stellung in der Gesellschaft nach vermögen sie eine strategisch bedeutsame Rolle in der Arbeiterklasse und unter ihren Verbündeten zu spielen.
Im allgemeinen aber hinkt das Bewußtwerden der Frauen unterdrückter Nationalitäten über ihre besondere Unterdrückung als Frauen hinterher. Dafür gibt es mehrere Gründe: Für viele dieser Frauen überschattet die Tiefe ihrer nationalen Unterdrückung anfänglich ihre Unterdrückung als Frauen. Viele radikale nationalistische Bewegungen haben sich geweigert, Forderungen der Frauen aufzugreifen und sie als spalterisch im Kampf um die nationale Befreiung bezeichnet. Die organisierte Frauenbewegung ist oft ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen, sich der Nöte der am meisten unterdrückten und ausgebeuteten Schichten der Frauen anzunehmen und die besonderen Schwierigkeiten, denen sich diese Frauen konfrontiert sehen, zu verstehen. Hinzu kommt, daß die Bindung an die Familie bei den Frauen aus unterdrückten Nationalitäten oft besonders stark ist, da sie zuweilen scheinbar in der Lage ist, eine teilweise Abschwächung gegenüber dem verheerenden Druck des Rassismus und der kulturellen Unterdrückung zu bewirken.
Nichtsdesdoweniger zeigt die Erfahrung, daß die Radikalisierung, einmal begonnen, einen explosiven Charakter annimmt und die Frauen aus unterdrückten Nationalitäten in die Führung zahlreicher gesellschaftlicher und politischer Kämpfe hineintreibt, wozu auch Kämpfe am Arbeitsplatz, an der Hochschule und in den Stadtteilen gehören, ebenso in die Führung feministischer Bewegungen. Sie erkennen rasch, daß sie der Kampf gegen ihre Unterdrückung nicht schwächt, sondern stärkt.
c) Beigetragen zum Aufschwung der Frauenbewegung hat auch die Krise der traditionellen Religionen, insbesondere der katholischen Kirche. Die schwächer werdende Bindung an die Kirche (begleitet von einer Zunahme des Okkultismus und Mystizismus) zeigt in zugespitzter Form die Tiefe der ideologischen Krise der bürgerlichen Gesellschaft. Die gesamten Religionen, ein Bestandteil des Überbaus der Klassengesellschaft, gründeten auf der Vorstellung und verstärkten sie, Frauen seien minderwertig, wenn nicht gar die reine Verkörperung des Bösen und Tierischen im Menschen. Christentum und Judentum, von denen die Kulturen der entwickelten kapitalistischen Länder geprägt sind, haben immer die ungleiche. Stellung der Frauen betont und ihnen das Recht auf eine von ihrer Fortpflanzungsfunktion getrennte Sexualität abgesprochen.
In Ländern, in denen die katholische Kirche einen besonders starken Einfluß ausübt, stehen oft gerade die sich radikalisierenden Frauen an der Spitze derer, die die Macht und den ideologischen Einfluß der Kirche in Frage stellen, wie z.B. in den Demonstrationen von Zehntausenden in Italien für das Recht auf Abtreibung oder in den Demonstrationen des Jahres 1976 in Spanien gegen die dortigen Gesetze gegen Ehebruch.
In vielen unterdrückten Nationen wie Quebec, Irland und Euzkadi (dem Baskenland) und in der Chicano-Bevölkerung (Amerikaner mexikanischen Ursprungs) hat sich die repressive Ideologie der katholischen Kirche auf besonders bedrückende Weise mit dem Mythos der "Weib-Mutter" verbunden, dem Mittelpunkt der Familie, als dem einzigen Pol gesellschaftlicher, emotionaler und politischer Stabilität, der einzigen Zuflucht vor den verheerenden Wirkungen der nationalen Unterdrückung. In Quebec kam dieses Amalgam lange Jahre im Konzept der "Rache aus der Wiege" zum Ausdruck, womit den Quebecerinnen nahegelegt wurde, viele Kinder zu gebären, um so die Nation vor der Assimilierung zu retten.
Aber auch dort, wo die katholische Kirche nicht stark ist, tauchen in den unterdrückten Nationalitäten die gleichen Probleme auf. In den Vereinigten Staaten haben sich große Teile der schwarzen Bewegung gegen Abtreibungsrechte für Frauen gewandt. Diese Rechte wurden oft als neuer Plan zur Ausrottung der Afroamerikaner gebrandmarkt und die Afroamerikanerinnen nachdrücklich ermuntert, Babys "für die Revolution" zu bekommen.
d) Die lesbisch-feministische Bewegung entwickelte sich als zwar in Wechselbeziehung stehender, aber doch gesonderter Aspekt der Radikalisierung der Frauen. Sie ist ein Bestandteil der Bewegung für die Rechte der Homosexuellen. Die lesbischen Frauen erleiden aber auch eine zusätzliche Unterdrückung als homosexuelle Frauen. Viele haben sich zunächst als Frauen radikalisiert und stehen von Anbeginn an in der vordersten Reihe der feministischen Bewegung. Weil die lesbische Bewegung nachdrücklich das Recht der Frauen verteidigt, unabhängig von Männern zu leben, sind diese Frauen oft eine besondere Zielscheibe reaktionärer Angriffe. Von Hetzpropaganda bis hin zu physischen Gewalttätigkeiten richten sich in aller Regel diese Angriffe auf die lesbischen Frauen und die lesbische Bewegung gegen die Frauenbewegung in ihrer Gesamtheit. Alle Versuche, die Frauenbewegung durch Hetze gegen lesbische Frauen zu spalten, müssen klar und kompromißlos zurückgewiesen werden ,wenn der Kampf für die Befreiung der Frauen vorwärtskommen soll.
e) In vielen entwickelten kapitalistischen Ländern spielen auch die ausländischen Arbeiterinnen eine besondere Rolle. Sie erfahren nicht nur als Arbeiterinnen eine zusätzliche Ausbeutung. Sie sind auch die Opfer besonderer diskriminierender Gesetze. Als Frauen besitzen sie oft nicht das Recht, ihre Ehemänner in ein bestimmtes Land zu begleiten, es sei denn, die hätten sich vor ihrer Einreise einen Arbeitsplatz für sich selbst besorgen können. Wenn sie Arbeit finden, müssen sie sie häufig wieder aufgeben, um ihren Ehemännern an einen anderen Ort zu folgen. In vielen entwickelten kapitalistischen Ländern haben Maßnahmen der Regierungen zur Senkung der Zahl der ausländischen Arbeiter den diskriminierenden Charakter dieser Gesetze noch verschärft.
In einem Land wie der Schweiz, wo die ausländischen Arbeiter einen großen Prozentsatz der gesamten Arbeiterschaft ausmachen, und in anderen europäischen Ländern, wo ausländische Arbeiterinnen in einigen Bereichen wie etwa in den Krankenhäusern in der Mehrheit sind, spielten und spielen die ausländischen Arbeiterinnen eine entscheidende Rolle der Hebung des politischen Bewußtseins der Frauenbewegung. Sie halfen Kämpfe in Industrien zu führen, in denen vorwiegend Frauen beschäftigt werden. Noch wichtiger ist ihr Beitrag dazu, in der Frauenbewegung eine Diskussion über die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik der herrschenden Klasse in Gang zu bringen. Diskriminierende Einwanderungsgesetze, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die daraus sich ergebenden Spaltungen der Arbeiterklasse, die besondere Betroffenheit ausländischer Arbeiterinnen von diesen Spaltungen, die unabdingbare Notwendigkeit, daß Gewerkschaften und Frauenbewegung für die Interessen der am meisten ausgebeuteten Schichten kämpfen, die Probleme, denen sich Frauen konfrontiert sehen, die sowohl zu Hause als auch durch die feindliche Umgebung, in der sie leben, isoliert werden - all dies sind Fragen, vor denen die Frauenbewegung steht und die ihr helfen, einige der wichtigsten Gesichtspunkte einer klassenkämpferischen Perspektive zu entwickeln.

7. Das Ende des Nachkriegsbooms und die sich vertiefenden, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Probleme des Imperialismus im Weltmaßstab, die in der internationalen Rezession der Jahre 74 und 75 einen Höhepunkt fanden, haben nicht zu einem Abklingen der Frauenkämpfe geführt oder sie an den Rand gedrängt, weil mächtigere gesellschaftliche Kräfte in den Vordergrund getreten sind. Angesichts der Verschärfung der Kämpfe der organisierten Arbeiterklasse in den letzten Jahren gehen feministisches Bewußtsein und Frauenkämpfe durchaus nicht zurück, sondern breiten sich weiterhin aus und gehen eine immer tiefere Verbindung mit dem sich entwickelnden gesellschaftlichen Bewußtsein und der politischen Kampfbereitschaft der Frauen und Männer der Arbeiterklasse ein. Sie waren und sind eine mächtige Antriebskraft des gesellschaftlichen Protestes und der politischen Radikalisierung. Antworten seitens der Bourgeoisie und von Strömungen der Arbeiterbewegung

1. Innerhalb der Kapitalistenklasse sind rasch Differenzen darüber aufgetreten, wie am besten auf den neuen Aufschwung der Frauenkämpfe zu antworten sei, um ihren Einfluß zu schwächen und ihre radikale Stoßrichtung abzulenken. Nach anfänglichen Versuchen, die Frauenbewegung mit Spott und Hohn abzutun, setzte sich in der herrschenden Klasse jedoch die Ansicht durch, sich in Worten der Auffassung anzuschließen, die Frauen hätten zumindest in einigen Fragen Grund zur Klage. Es wurde versucht, Interesse zu zeigen, indem seitens der Regierung ein paar spezielle Ressorts, Ausschüsse oder Projekte eingerichtet wurden, um die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich zu lenken, während gleichzeitig beharrlich daran gearbeitet wurde, die Führung der Frauenbewegung in die anerkannten Muster der Klassenzusammenarbeit zu integrieren. In den meisten Ländern war die herrschende Klasse gezwungen, einige Zugeständnisse zu machen, die ihr wirtschaftlich und ideologisch am unbedenklichsten erschienen, - und bemühte sich dann ständig, sie wieder rückgängig zu machen.
Welches auch immer die Taktik - das Ziel war in jedem Fall das gleiche: die sich entwickelnde Radikalisierung im Rahmen minimaler Reformen des kapitalistischen Systems zu halten.
In vielen europäischen Ländern gab es Maßnahmen zur Erweiterung von Mutterschaftsvergünstigungen durch Ausweitung des Mutterschaftsurlaubs, Anhebung des Lohnprozentsatzes, der in dieser Zeit ausgezahlt wird, oder Garantie des Arbeitsplatzes nach unbezahltem Mutterschaftsurlaub. In anderen Ländern haben die dortigen Regierungen demonstrativ die Berechtigung von Gesetzen zur Sicherstellung gleicher Bezahlung für gleiche Arbeit oder zur Liberalisierung der Ehescheidung zur Sprache gebracht. In den Vereinigten Staaten sind beide kapitalistischen politischen Parteien für die Verabschiedung eines Zusatzartikels zur Verfassung über die Gleichberechtigung der Frauen eingetreten, während sie in der Praxis jeglichen Versuch sabotiert haben, genügend Stimmen zur Annahme eines solchen Gesetzes zusammenzubekommen.
Aber in bezug auf soziale Programme, die eine sofortige und bedeutende wirtschaftliche Wirkung hätten - wie etwa die Ausweitung von Kinderkrippen und -gärten, wurden keine wesentlichen Fortschritte erzielt.
Die wichtigste Errungenschaft der internationalen Frauenbewegung im Jahrzehnt ihres Bestehens stellt die bedeutsame Ausweitung des Zugangs zur legalen Abtreibung dar. In mehr als zwanzig Ländern wurden die Abtreibungsgesetze deutlich liberalisiert.
In jedem Land, in dem die Frauen einen meßbaren Fortschritt zur Anerkennung des Rechts auf Abtreibung gemacht haben, ist aber rasch klargeworden, daß dieses Recht im Kapitalismus niemals wirklich gesichert ist. Wo auch immer die Frauen den Kampf für ihr Recht auf Kontrolle über ihre eigenen Fortpflanzungsfunktionen aufnehmen, rotten sich sofort die reaktionärsten Verteidiger des kapitalistischen Systems zusammen, um die Anerkennung dieser grundlegenden Vorbedingung der Befreiung der Frauen zu verhindern. Das Recht, über den eigenen Körper selbst zu entscheiden, stellt eine zu große Herausforderung der ideologischen Grundpfeiler der Unterdrückung der Frauen dar.
Es ist jedoch politisch bedeutsam, klar zu erkennen, daß rechtsextreme Organisationen wie "Laissez les vivre", "Oui a la vie", "Right to Life" und "Society for the Protection of the Unborn Child", die mit fremdenfeindlichen, klerikalen, rassistischen oder offen faschistischen Strömungen verbunden sind, ihren Nährboden in der offiziellen Regierungspolitik finden. Sie agieren als fanatische Verteidiger des Status Quo, wobei sie an die rückständigsten, bis tief in die Arbeiterklasse und das Kleinbürgertum hineinreichenden Vorurteile appellieren, und leisten den Herrschenden damit einen wertvollen Dienst. Aber ohne Förderung durch entscheidende Teile der herrschenden Klasse - unter der Hand und auch manchmal ganz offen - würden sie eine weit weniger einflußreiche Rolle spielen.

2. Das Erscheinen der Frauenbefreiungsbewegung stellt eine tiefgreifende Herausforderung an alle politischen Strömungen dar, die für sich in Anspruch nehmen, die Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten.
Insbesondere die Stalinisten und die Sozialdemokraten wurden von der raschen Entwicklung einer bedeutsamen Radikalisierung überrascht, die in ihnen keine Führung sah.
Die Antworten der beiden reformistischen Massenströmungen innerhalb der Arbeiterklasse wichen in den einzelnen Ländern voneinander ab, je nach der zahlenmäßigen Stärke, der Verankerung in der Arbeiterklasse und in den Gewerkschaftsbürokratien sowie der Nähe zur Regierungsverantwortung in ihrem eigenen kapitalistischen Staat. Aber in jedem Fall wurden und werden die Antworten der Stalinisten wie auch der Sozialdemokraten von zwei zuweilen miteinander im Widerstreit stehenden Zielen bestimmt: von ihrer Bindung an die Grundpfeiler der Klassenherrschaft einschließlich der Familie und ihrem Wunsch, ihren Einfluß in der Arbeiterklasse aufrechtzuerhalten oder zu stärken, damit sie in der Lage sind, die Kämpfe der Arbeiterklasse innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zu halten.
Der Aufschwung der Frauenbewegung zwang die Stalinisten wie auch die Sozialdemokraten, sich der sich verändernden Lage anzupassen. Insbesonder im Jahr 1975 hagelte es Stellungnahmen, zum Teil als Reaktion auf die Initiativen der Bourgeoisie im Zusammenhang mit dem "Internationalen Jahr der Frau".

3. Unter dem Druck von Teilen der eigenen Basis haben die sozialdemokratischen Parteien im allgemeinen rascher auf den Aufschwung der feministischen Bewegung reagiert als die kommunistischen Parteien. Wenn sich die sozialdemokratischen Parteien auch offiziell dagegen sträubten, die Existenz der unabhängigen Frauenbewegung anzuerkennen, so arbeiteten und arbeiten doch viele einzelne weibliche Mitglieder dieser Parteien aktiv in den neu entstandenen Organisationen mit. Die Positionen der sozialdemokratischen Parteien waren häufig formal fortschrittlicher als die der stalinistischen Parteien, insbesondere in bezug auf das Recht auf Abtreibung. Wo immer die sozialistischen Parteien die Möglichkeit hatten, ihr Image billig aufzupolieren, indem sie sich für liberalisierte Abtreibungsgesetze eingesetzt haben, haben sie das ohne Zögern getan. Kreisky in Österreich und Brandt in Westdeutschland haben anfänglich einen solchen Weg beschritten. Mit einer wachsenden Frauenbewegung in Australien konfrontiert, hat die dortige Labour Party politische Unterstützung zu gewinnen versucht, indem sie zahlreiche kleinere Projekte der Bewegung finanziell unterstütze, wie Frauenhäuser und Gesundheitszentren für Frauen. Während diese Maßnahmen die Sozialdemokraten wirtschaftlich gesehen wenig kosteten, dienten sie dazu, zeitweilig die Aufmerksamkeit der Frauen von der Unzulänglichkeit ihrer gesamten Politik (in Bezug auf Abtreibung und Kinderfürsorge z.B.) abzulenken und halfen der ALP, sich als "frauenfreundliche" Regierung zu präsentieren. Sobald sie sich aber mit den ersten Anzeichen einer Reaktion seitens einiger Teile der Bourgeoisie konfrontiert sahen, haben die Sozialdemokratischen Parteien schnell den Rückzug angetreten. Das war der Fall bei der Labour-Regierung in Grossbritannien. Während die Parteikonferenz für das Recht auf Abtreibung auf Verlangen der Frau stimmte, schwieg die Labour Party zu den reaktionären Vorschlägen im Parlament, die darauf abzielten, die Abtreibungsrechte auf den Stand von vor 1967 herunterzuschrauben. Diese neuen Vorschläge, die von einem Parlamentsmitglied der Labour-Party eingebracht worden waren, würden den Zeitraum beschneiden, innerhalb dessen die Frauen eine Abtreibung vornehmen lassen dürfen, den Zugang zu Abtreibungen für Einwanderinnen begrenzen und harte Strafen für alle Verstöße gegen dieses Gesetz auferlegen.
Die Sozialdemokraten haben sich als besonders nützlich für die Bosse erwiesen, wenn es gilt, sog. "Sparmaßnahmen" zur Senkung des Lebensstandards der Arbeiterklasse durchzusetzen. Während sie lauthals beteuerten, Frauen aus der Arbeiterklasse entlasten zu wollen, haben sozialdemokratische Regierungen nicht gezögert, die von der Bourgeoisie geforderten Kürzungen von Sozialleistungen vorzunehmen. Gerade vor kurzem sind in Dänemark 5.000 in Kinderhorten Beschäftige mit einem Federstrich aus der Lohnliste des Staates gestrichen worden.

4. Nachdem die stalinistische Bürokratie ihre Kontrolle über die Sowjetunion gefestigt und die Parteien der Dritten Internationale in Apologeten der konterrevolutionären Politik des Kreml verwandelt hatte, war seit den 30er Jahren die Verteidigung der Familie als dem idealen Rahmen menschlicher Beziehungen die Linie der stalinistischen Parteien in der ganzen Welt. Dies nützte nicht nur den Bedürfnissen der bürokratischen Kaste in der Sowjetunion selbst, sondern entsprach auch dem Bedürfnis nach Verteidigung des kapitalistischen Status Quo in der übrigen Welt. Die offen reaktionären Theorien der französischen KP zur Familie wurden zum ersten Mal entwickelt, als 1934 Abtreibungen verboten wurden. Wie demagogisch die KP zuweilen in bezug auf den doppelten Arbeitstag der Frauen auch sein mögen, so laufen sie doch im allgemeinen nur darauf hinaus, die Verhältnisse so neuzugestalten, daß die Frauen mehr Zeit haben, ihren häuslichen Pflichten nachzukommen. Von verbessertem Mutterschaftsurlaub bis zu geringerer Arbeitszeit und besseren Arbeitsbedingungen für Frauen wird der Kampf gewöhnlich mit der Notwendigkeit begründet, die Frauen für ihre statt von ihrer Haushaltstätigkeit durch deren Vergesellschaftung zu befreien. Die einzige sonstige Lösung, die sie manchmal vorschlagen, ist die Forderung, daß die Männer einen gerechteren Anteil an der häuslichen Arbeitslast übernehmen. Aber der Aufschwung der Frauenbewegung, die Versuche der Bourgeoisie, davon zu profitieren, und die Reaktionen anderer Strömungen der Arbeiterbewegung haben die kommunistischen Parteien gezwungen, ihre Linie zu ändern. Selbst die starrsten Anhänger des Kreml wie etwa die amerikanische Kommunistische Partei waren schließlich genötigt, einige ihrer reaktionärsten Positionen aufzugeben wie z. B. die Opposition gegen einen Zusatzartikel zur Verfassung über die Gleichberechtigung der Frauen. Auch auf organisatorischer Ebene mußten sich die Stalinisten anpassen. In einer Reihe von Ländern schufen die Stalinisten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre eigenen Frauenorganisationen. Angesichts der neuen Frauenradikalisierung haben sie beständig versucht, diese Organisationen in den Augen der Arbeiterklasse als die einzig wirkliche Frauenbewegung auszugeben. Die unabhängige Bewegung bedroht ihren Anspruch, die Partei zu sein, die für die Frauen aus der Arbeiterklasse spricht, und ihre anfängliche Reaktion bestand darin, ihre sektiererische Haltung zu vertiefen.
Zum Beispiel erklärte in Spanien das von der KP kontrollierte MDM (Movimiento Democratico de la Mujer - Demokratische Frauenbewegung), es allein sei die Frauenbewegung, und die KP rief sich zur Partei der Frauenbefreiung aus. Aber trotz der Stärke der KP war das MDM nicht in der Lage, die Radikalisierung der Frauen in den Griff zu bekommen, die sich im Entstehen von Frauengruppen auf allen Ebenen in ganz Spanien ausdrückte. Da sie sich unfähig zeigte, das MDM auf ihr Machtwort hin zu etablieren, war die KP gezwungen, die Existenz anderer Gruppen anzuerkennen und mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Je mehr sich die Radikalisierung vertiefte, um so geschickter mußten die Kommunistischen Parteien manövrieren, indem sie sich in die Bewegung hineinwarfen und einen radikaleren Wortschwall entwickelten. Indes hat die Beteiligung von Frauen aus den Kommunistischen Parteien an der Bewegung in einer Reihe dieser Organisationen sowohl politische als auch organisatorische Konflikte heraufbeschworen.
Die Kommunistischen Parteien erlaubten ihren weiblichen Mitgliedern, sich an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen und eine vernichtende Verurteilung der Verantwortung des Kapitalismus für die elende Lage der Frauen zu entwickeln. Was aber Programm und Aktion anbelangt, so wiederholte die Gegnerschaft der Kommunistischen Parteien zur Frauenbefreiung nur ihre Opposition gegenüber einer klassenkämpferischen Antwort auf die anderen Bedürfnisse der Arbeiterklasse. Sie sind bereit, jede Forderung zu den Akten zu legen und jeden Kampf scheitern zu lassen, wenn es nur ihrem Interesse entspricht, irgendein klassenkollaborationistisches Bündnis, auf das sie gerade hinarbeiten, zu festigen oder zu bewahren. So bildeten die Parlamentsabgeordneten der italienischen KP trotz der formellen politischen Wende und der Entscheidung der Partei, eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetze zu unterstützen, einen Block mit den Christdemokraten, um die Reform des Abtreibungsgesetzes zu Fall zu bringe", weil es ein Hindernis auf dem Weg zum ,,historischen Kompromiß" darstellte.
Darüber hinaus achten die Stalinisten (wie die Sozialdemokraten) sorgfältig darauf, eine scharfe Trennung zwischen - wie sie meinen - wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen zu wahren. Sie widersetzen sich im allgemeinen allen Versuchen, die Arbeiterbewegung zum Kampf für das Recht auf Abtreibung oder ähnliche gesellschaftliche Probleme, um die herum sich der Kampf der Frauen bewegt, zu mobilisieren.
Die Kluft zwischen der formellen Haltung der Kommunistischen Partei und ihrem Verrat im Klassenkampf hat schon zu scharfen Spannungen innerhalb dieser Parteien geführt. Dies insbesondere deshalb, weil das Fehlen einer inneren Demokratie die Frustrationen vieler Frauen vertiefen, die die Widersprüche zwischen ihrer persönlichen Hingabe an die Sache der Frauenbefreiung und der Linie ihrer Partei zu erkennen beginnen. Es gibt für sie keine Möglichkeit, die Positionen ihrer Organisation zu beeinflussen. So bildeten, als die spanische KP den klassenkollaborationistischen Moncloa-Pakt unterzeichnete, Frauen der KP in Madrid eine Oppositionsgruppe, um für innere Demokratie zu kämpfen.
Andere maoistische und zentristische Gruppen haben sich auf eine Mitwirkung in der Frauenbewegung ausgerichtet. Es fehlt ihnen aber eine marxistische Analyse des Charakters der Unterdrückung der Frauen oder des Stellenwertes des Kampfes für die Befreiung der Frauen in der sozialistischen Revolution. Sie haben kein Verständnis davon, was Unabhängigkeit der Klasse und ein Programm des Klassenkampfes kennzeichnet. Und sie verstehen nicht, was eine leninistische Partei ausmacht. Unter diesen Umständen war ihre Perspektivlosigkeit in der Frauenbewegung oft ein bedeutsamer Faktor, der zu den Krisen beitrug, die in der letzten Zeit viele dieser Gruppen auseinandergerissen haben. Zu ähnlichen Widersprüchen hat die Beteiligung an der Frauenbewegung auch in der Sozialdemokratie geführt. Zur gleichen Zeit hat aber die Fähigkeit der Stalinisten wie auch der Sozialdemokraten, sich auf einige der von der Frauenbewegung gestellten Themen einzustellen, ihre Fähigkeit, den allgemeinen Kurs der Bewegung zu beeinflussen, vergößert. Es wäre ein Fehler, ihr politisches Gewicht zu unterschätzen.

Indem sie die Beschäftigung mit diesen Problemen erzwingen, stellen die Frauen die Versuche der Reformisten in Frage, eine Aufspaltung in ökonomische und politische Kämpfe aufrechtzuerhalten. Sie helfen damit der Arbeiterklasse, in breiteren gesellschaftlichen Begriffen zu denken.5. Die Maoisten und zentristische Organisationen haben gegenüber der Frauenbewegung in aller Regel eine sektiererische, ökonomistische Haltung eingenommen, indem sie sie als kleinbürgerlich und im Konflikt mit ihrer Vorstellung von der Arbeiterbewegung angesehen haben. Von diesen Organisationen gab es allerdings grundsätzlich zwei Arten der Reaktion. Einige von ihnen weigerten sich, in den unabhängigen Organisationen der Frauenbefreiungsbewegung mitzuwirken und an ihren Aktivitäten teilzunehmen. Viele dieser Sekten haben ihre eigenen Ersatzfrauengruppen geschaffen, die sie der lebendigen Bewegung entgegenstellen - mit dem Argument, dieser Kurs sei die einzige wirklich kommunistische Strategie.

6. Auch auf die Gewerkschaftsbewegung hat die Frauenradikalisierung eingewirkt, und ihre Bürokratien mußten auf den Druck von Frauen innerhalb und außerhalb der organisierten Gewerkschaftsbewegung antworten. Wie die Stalinisten und die Sozialdemokraten versuchen die Gewerkschaftsfunktionäre selbst im günstigsten Fall, die Verantwortung der Gewerkschaft für die Forderungen der Frauen auf rein ökonomische Fragen wie gleichen Lohn oder Mutterschaftsurlaub zu beschränken. Sie weigern sich, die organisierte Gewerkschaftsbewegung in den Kampf um Fragen wie die der Abtreibung einzubeziehen. Die wachsende Zahl von Frauen in den Gewerkschaften, von denen viele zunehmend in Frauenausschüssen tätig werden, erschweren eine solche Haltung seitens der Gewerkschaftsbürokratien jedoch. Fragen wie die Kinderbetreuung und die Vergesellschaftung der Hausarbeit, Abtreibung und das Recht der Frauen, über ihren Körper selbst zu entscheiden, die Lage der Teilzeitbeschäftigten und besondere Förderungsprogramme für Frauen werden heute mit größerer Häufigkeit in der Gewerkschaftsbewegung gestellt. In einigen Fällen stellen Frauen diese Forderungen ausdrücklich im allgemeinen Rahmen der Notwendigkeit, die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen zu überwinden. Bei dem Versuch der Frauen, in den Gewerkschaften Unterstützung für ihre Forderungen zu gewinnen, müssen sie gleichzeitig die Frage der Gewerkschaftsdemokratie aufgreifen. Sie müssen für das Recht kämpfen, sich frei ausdrücken zu können, ihre eigenen gewerkschaftlichen Frauengruppen zu organisieren, in der Gewerkschaftsführung vertreten zu sein, und für die Verpflichtung der Gewerkschaft, Einrichtungen zur Verfügung zu stellen - wie etwa eine Kinderbetreuung während der Versammlungen -, die es den Frauen erlauben, in den Organisationen der Arbeiterklasse voll tätig zu sein. Einige Gewerkschaften haben spezielle Literatur herausgebracht, Frauenausschüsse wiederbelebt, Zusammenkünfte von Gewerkschafterinnen organisiert oder spezielle Schulungskurse für Gewerkschaftsführerinnen eingerichtet. In einer Reihe von Ländern wurden besondere zwischengewerkschaftliche Frauenausschüsse von der Gewerkschaftsführung auf nationaler, regionaler oder lokaler Ebene organisiert. Anderswo wurden unter dem Druck der Basis Frauenausschüsse geschaffen. Die Frauenradikalisierung und die sich vertiefende Wirtschaftskrise haben in einigen entwickelten kapitalistischen Ländern auch zu einer Zunahme des Anteils der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnen geführt.
Im Großen und Ganzen hatte die Schaffung von Frauenausschüssen den Segen der Gewerkschaftsbürokratien. Sie hoffen damit, die Frauenradikalisierung innerhalb der Gewerkschaften zu halten und die Tatkraft der Frauen auf eine Weise auszurichten, die den komfortablen Status Quo auf keiner Ebene in Gefahr bringt - vom Männermonopol bei Führungsposten in den Gewerkschaften bis zum Einvernehmen zwischen der Bürokratie und den Bossen, die besonderen Bedürfnisse der Arbeiterinnen zu ignorieren.
Solche Frauenausschüsse in den Gewerkschaften sind aber sowohl Produkt der Frauenbewegung als auch Teil der Gewerkschaftsbewegung. Sie stehen auf der Schnittlinie beider Bewegung und können, wenn sie richtig geführt werden beiden den Weg nach vorn weisen.
1. Die Frauenbefreiung liegt nicht nur im Interesse der relativ privilegierten Frauen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, wie einige behauptet haben. Sie ist im Gegenteil für die Masse der Frauen in der ganzen Welt ein grundlegendes Anliegen von herausragender Bedeutung. Die kolonialen und halbkolonialen Länder bilden dabei keine Ausnahme.

Die Frauenbefreiung in der kolonialen und halbkolonialen Welt

Es gibt große Unterschiede in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen sowie in den kulturellen Traditionen der kolonialen und halbkolonialen Länder . Sie erstrecken sich von äußerst primitiven Bedingungen in einigen Gebieten bis zur ansehnlichen Industrialisierung in Ländern wie Puerto Rico und Argentinien. Alle halbkolonialen und kolonialen Länder sind jedoch durch die imperialistische Vorherrschaft gekennzeichnet, unter der sie allesamt leiden. Dies hat jedoch besondere Auswirkungen auf die Frauen dieser Länder. Die imperialistische Vorherrschaft hat in vielen Sektoren der halbkolonialen Welt eine Überlagerung und Verknüpfung der kapitalistischen Produktionsbeziehungen mit den archaischen vorkapitalistischen Produktionsweisen und gesellschaftlichen Beziehungen mit sich gebracht. In Westeuropa wurde der Aufstieg des Kapitalismus durch die bürgerlich-demokratischen Revolutionen in den fortgeschrittenen Ländern abgesichert, um die wirtschaftliche und politische Macht der alten herrschenden Feudelklasse zu brechen. In den kolonialen Ländern verstärkte die kapitalistische Durchdringung jedoch oft die Privilegien, Hierarchien und reaktionären Traditionen der vorkapitalistischen herrschenden Klassen, um sie bei jeder sich bietenden Möglichkeit dazu auszunutzen, die Stabilität aufrechtzuerhalten und die imperialistische Ausbeutung zu maximieren.
Durch die massive Anwendung von Folter, Ausrottung, Vergewaltigung und anderer Formen des Terrors und - in Afrika - durch die völlige Versklavung der Ur-Bevölkerung kolonialisierte der sich ausweitende europäische Kapitalismus in einer brutalen Weise Lateinamerika, Afrika und Teile Asiens und drängte sie auf den Weltmarkt. Mit den Eroberern kam außerdem noch das Christentum, das oft genug als das zentrale Glied in der Kette der Unterwerfung zunutze gemacht wurde.
Für die Frauen in der halbkolonialen und kolonialen Welt hatte die Durchdringung der kapitalistischen Marktwirtschaft eine widersprüchliche Bedeutung: Einerseits führte sie neue wirtschaftliche Beziehungen ein, die für die Frauen die Grundlage zur Überwindung ihrer Jahrhunderte alten Unterdrückung bildeten. Aber andererseits übernahm und benutzte sie die archaischen Traditionen, den religiösen Kodex sowie die frauenfeindlichen Vorurteile und verstärkte sie wiederum durch neue Formen der Diskriminierung und doppelte Ausbeutung.
Im allgemeinen ist die Lage der Frauen direkt vom erreichten Grad der Industrialisierung abhängig. Aber die ungleichzeitige und kombinierte Entwicklung in einigen Gesellschaften kann überraschende Widersprüche erzeugen, so z.B. eine relative wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen, die über den noch sehr primitiven Ackerbau in einigen Gegenden Afrikas bestimmen.

2. In den kolonialen Ländern schreitet die Entwicklung der kapitalistischen Produktion entsprechend den Bedürfnissen des Imperialismus voran. Aus diesem Grunde kommt die Industrialisierung nur langsam voran und wenn überhaupt, nur in einer unausgeglichenen und verzerrten Weise. In den meisten halbkolonialen Ländern lebt die Mehrheit der Bevölkerung immer noch auf dem Lande, ist in der Landwirtschaft auf Grundlage der Selbstversorgung beschäftigt und wendet äußerst rückschrittliche Methoden an. Die Familie - die in der Regel verschiedene Tanten, Onkel, Nichten, Neffen und Großeltern umfaßt - ist die Grundeinheit der bäuerlichen Kleinwirtschaft. Frauen spielen eine entscheidende wirtschaftliche Rolle, da sie Kinder gebären, die die Last der Arbeit teilen und die wirtschaftliche Sicherheit im hohen Alter gewährleisten. Sie heiraten im Pubertätsalter und schenken so vielen Kindern das Leben, wie sie es gerade noch körperlich verkraften können. Ihr Wert bemißt sich in der Regel durch die Anzahl der Kinder, die sie erzeugten. Eine unfruchtbare Frau wird als soziale Schande und wirtschaftliche Katastrophe betrachtet. Unfruchtbarkeit ist oft ein Grund für die Scheidung. Aufgrund ihrer Rolle in der Produktion sind die Familienbande über alle ihre Mitglieder, aber auch insbesondere über die Frauen hinweg sehr eng. Zusammen mit einem primitiven Stand der wirtschaftlichen Entwicklung bringt das äußerste Entbehrungen und Erniedrigungen für die Frauen in den ländlichen Gegenden mit sich. Sie haben praktisch kaum irgendwelche juristische oder gesellschaftliche Rechte als Individuum, und sie werden oft kaum als Menschen betrachtet. Im Grunde genommen leben sie unter völliger Vorherrschaft und Kontrolle durch männliche Mitglieder ihrer Familie. In vielen Fällen werden die beschränkten Mittel der Familie zuerst und vor allem unter den männlichen Familienmitgliedern aufgeteilt; es ist nicht ungewöhnlich, daß weibliche Kinder weniger Essen und Fürsorge erhalten, was zum zurückgebliebenen Wachstum oder frühen Tod durch Unterernährung fuhrt. In vielen Gegenden wird immer noch die Kindestötung von Mädchen sowohl direkt als auch durch absichtliche Verwahrlosung praktiziert. Oft erreicht die Analphabeten-Rate unter den Frauen die 100%-Marke.

3. Die Durchdringung des kapitalistischen Weltmarktes hat dennoch unvermeidlich einen Einfluß auf die ländlichen Gegenden. Inflation und Unfähigkeit, mit größeren Einheiten zu konkurrieren, die produktivere Methoden anwenden, fuhren zu beständigen Abwanderungswellen vom Land in die Städte. Oft beginnt diese Abwanderung mit den männlichen Familienmitgliedern und hinterläßt damit die Frauen, Kinder und Alten mit einer noch größeren Last, da sie sich von ihrem Land kümmerlich durchschlagen müssen.
Die verzweifelte Suche nach Arbeit bringt Millionen von Arbeitern dazu, ihre angestammte Heimat zu verlassen und in die fortgeschrittenen industrialisierten Länder zu emigrieren, wo sie - falls sie das Glück haben, überhaupt Arbeit zu finden - miserable Bedingungen der doppelten Unterdrückung vorfinden.
Nicht nur die Emigration in die Städte sondern auch die Verbreitung der Massenmedien, wie Radio und Fernsehen führen zur Infragestellung der Isolation und der zurückgebliebenen Traditionen des flachen Landes.

4. Die Emigration in diese Städte, die neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen, beginnen die hergebrachten Normen und Mythen über die Rolle der Frauen infrage zu stellen. In den Städten ist die kleinbürgerliche Familie als Wirtschaftseinheit im zunehmenden Schwinden begriffen. Jedes Familienmitglied ist dazu gezwungen, als Individuum seine Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen. Wegen der äußerst angespannten Beschäftigungssituation und der finanziellen Verpflichtungen der Stadtbewohner gegenüber ihren Verwandten auf dem Lande umfaßt die unmittelbare Familie jedoch immer noch oft Tanten, Onkel, Vettern, Brüder und Schwestern und deren Kinder, abgesehen von Vater, Mutter und eigenen Kindern. Innerhalb der städtischen Mittelklasse und beständigeren Teilen des Proletariats beginnt sich der Rahmen der Familie immer mehr einzuschränken. Wenn sie in die Städte auswandern, haben die Frauen eine größere Möglichkeit zur Berufsausbildung, zum breiteren sozialen Kontakt und zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Die Anforderungen des Kapitalismus, die eine wachsende Anzahl von Frauen aus der Isolation der Familie herausbringt, geraten in Konflikt mit den alten Vorstellungen über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft. Frauen übernehmen Arbeiten im Industrie- und Dienstleistungssektor und fangen an, Positionen einzunehmen, die ihnen vormals durch rückständige Vorurteile und Überlieferungen verboten waren. Jene, die eine Ausbildung erlangen konnten, die es ihnen ermöglichte, in Berufe wie Lehrer und Krankenpflege einzubrechen, dienen ebenfalls als Beispiele, die den traditionellen Verhaltensweisen selbst in den Augen jener Frauen widersprechen, die keiner Arbeit nachgehen. Der Mythos der Unterlegenheit der Frauen wird durch diese Realität, die die altehrwürdige Unterwerfung herausfordert, zunehmend in Frage gestellt.
Die städtischen Lebensbedingungen haben selbst für Frauen, die nicht die Gelegenheit haben, eine Ausbildung zu erhalten oder außerhalb des Hauses zu arbeiten, die Möglichkeit gebracht, aus der geistigen Umklammerung der ländlichen Isolation der Familie zu entkommen. Das erfolgt durch den größer werdenden Einfluss der Massenmedien, die unmittelbare Nähe des politischen Lebens und der politischen Kämpfe, die verschiedenen modernen Haushaltseinrichtungen, Wäschereien usw.

5. In den kolonialen und halbkolonialen Ländern bilden die Frauen in der Regel einen kleineren Prozentsatz der Arbeitskräfte als in den imperialistischen Ländern. Er tendiert gegenüber den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, in denen Frauen grob gerechnet zwischen 30 bis 40% der Lohnabhängigen ausmachen, auf eine Marge zwischen 8 und 15%. Wie nicht anders zu erwarten, sind die Frauen in Berufen konzentriert, die am wenigsten qualifiziert, am schlechtesten bezahlt und am wenigsten durch gesetzliche Sicherheitsbestimmungen, Mindestlöhne usw. geschützt sind. Das trifft insbesondere für Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, für Stücklohn in Heimarbeit und für Hausgehilfinnen zu, wo ein großer Teil dieser Frauen beschäftigt ist. Der Durchschnittslohn einer Arbeiterin liegt ungefähr bei einem Drittel bis der Hälfte des Lohnes der männlichen Arbeitskräfte. Wenn Frauen in den Genuß einer Ausbildung kamen und sich einige Fertigkeiten angeeignet haben, sind sie sogar in noch größerem Maß als in den entwickelten kapitalistischen Ländern auf bestimmte "weibliche" Berufe - wie Krankenpflege und Schulerziehung - beschränkt. Darüber hinaus sind Frauen in bestimmten Industriezweigen konzentriert, so in der Textilindustrie, der Nahrungsmittelverarbeitung, Elektroindustrie und den Spinnereien. Sie stellen dort oft die Mehrheit der Arbeitskräfte. Angesichts des überwältigenden Übergewichts der Leichtindustrie in den industrialisierten kolonialen Ländern bedeutet das, daß Arbeiterinnen eine strategisch wichtige Position einnehmen können, obgleich sie nur einen geringen Prozentsatz aller Arbeitskräfte darstellen. Zum Beispiel stellen die Frauen in Puerto Rico die Mehrheit aller Arbeitskräfte der pharmazeutischen und Elektroindustrie, die die wichtigsten Industriezweige des Landes ausmachen. Die Beschäftigung von Frauen in solchen Industriezweigen ist für die Extraprofite der Imperialisten von entscheidender Bedeutung, sowohl weil sie eine Quelle billiger Arbeitskraft darstellen, als auch weil sie es den Kapitalisten erlauben, die Arbeiterklasse durch die Anstellung von Frauen zu niedrigen Löhnen oder in schlecht bezahlten Berufen zu spalten und zu schwächen und so die allgemeine Lohnrate niedrig zu halten.
Überall in der kolonialen Welt erreichen Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung riesenhafte Ausmaße; ein erheblicher Teil dieser Lasten fällt den Frauen zu. Um ihre Familien über Wasser zu halten, sind Frauen oft gezwungen, auf solch hoffnungslose und bedenkliche Einkommensquellen wie der Verkauf von Handarbeiten, hausgemachten Essen auf der Strasse oder Annahme von Wäsche zurückzugreifen. Oft ist auch die Prostitution der einzige Ausweg. Die sich ausbreitende Arbeitslosigkeit verschlimmert Alkoholismus und Drogensucht, die ihrerseits die Gewalt und Unterdrückung der Frauen, wie sie bereits besteht, nochmals verschärfen.

6. In vielen kolonialen und halbkolonialen Ländern haben die Frauen immer noch nicht einige der elementarsten demokratischen Rechte errungen, die sich Frauen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert gesichert haben. Zahllose Länder halten noch Gesetze aufrecht, die die Frauen unter die juristische Kontrolle ihrer männlichen Angehörigen stellen. Dies schließt z. B. Gesetze ein, die die Erlaubnis des Mannes erforderlich machen, wenn die Frau arbeiten will, Gesetze, die den Ehemännern die Kontrolle über das Einkommen der Frau überlassen und Gesetze, die den Ehemännern automatisch die Vormundschaft über die Kinder und die Kontrolle über den Wohnort ihrer Ehefrauen übertragen. In einigen Ländern werden Frauen immer noch anläßlich der Heirat verkauft. Sie können ungestraft ermordet werden, wenn sie die "Ehre" ihrer Männer verletzen. In den Ländern, in denen Gesetzesreformen stattgefunden haben, die den Frauen mehr Rechte zugestehen, bleiben diese oft im Großen und Ganzen rein formal. Die Frauen sind wegen des erdrückenden Gewichts von Armut, Analphabetentum, Unterernährung, ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit und den rückschrittlichen Traditionen, die ihr Leben einschränken, nicht in der Lage, diese Rechte in der Praxis zu verteidigen. Der Imperialismus in seiner Epoche des Todeskampfes verweigert Frauen in den kolonialen Ländern die elementarsten demokratischen Rechte.

7. Die Macht und der Einfluß der organisierten Religion ist in den kolonialen und halbkolonialen Ländern wegen der anhaltenden wirtschaftlichen Rückständigkeit und der Bestärkung und Rückendeckung der religiösen Hierarchien durch den Imperialismus besonders stark. In vielen Ländern gibt es keine Trennung zwischen religiösen und staatlichen Einrichtungen. Selbst dort, wo es eine offizielle Trennung gibt, behalten religiöse Dogmen und religiöse Sitten ein großes Gewicht. Z. B. basieren viele der barbarischsten frauenfeindlichen Gesetze auf dem religiösem Kodex. In Indien wird das Elend von Millionen von Frauen noch durch das Kastenwesen verstärkt, das zwar nicht mehr durch das Gesetz abgedeckt ist, sich aber auf die Hindu-Religion gründet. In den moslemischen Ländern ist die immer noch vorherrschende Tradition des Schleier-Tragens von Frauen dazu bestimmt, die Frauen vom öffentlichen Leben zu verbannen und ihnen jedwede Individualität abzusprechen. In katholischen Ländern ist das Recht auf Scheidung oft eingeschränkt oder gar verwehrt.

8. Die durch alle Stadien der Entwicklung der Klassengesellschaft hindurch erfolgende Gewalt gegen Frauen - ausgedrückt in der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geschlechtlichen Herabwürdigung - erfährt durch die Widersprüche, die unter der imperialistischen Vorherrschaft erzeugt werden, eine besondere Betonung. Der wachsende Zugang von Frauen zu Ausbildung und Beruf in Verbindung mit ihrer breiteren Teilnahme am allgemeinen gesellschaftlichen Leben gibt Frauen die Möglichkeit, ein weniger bevormundetes, mehr öffentliches Leben zu führen, das die alten Traditionen und Werte verletzt. Aber die Versuche der Frauen, diese Möglichkeiten zu ergreifen und aus den alten Rollen auszubrechen, fuhrt oft zu Reaktionen ihrer männlichen Angehörigen oder anderer, die die Formen von Verfehmung, Schlägen, Verstümmelung oder sogar Mord annehmen können. Solche barbarische Gewalt gegen Frauen wird oft durch das Gesetz abgedeckt. Selbst dort, wo es illegal ist, ist es oft in der Praxis so weit akzeptiert, daß es doch ungestraft bleibt.

9. Ausbildungsmöglichkeiten in den kolonialen und halbkolonialen Ländern bleiben im Vergleich zu den Fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern äußerst beschränkt. Dies spiegelt sich in der hohen Analphabeten-Rate unter der weiblichen Bevölkerung wider. Von der Ebene der Grundschule bis zur Ebene der Universität wird der weibliche Anteil der Ausgebildeten immer geringer und die Lücke klafft umso mehr auseinander, je höher der Ausbildungsgrad wird. Das Erziehungssystem in den kolonialen und halbkolonialen Ländern ist derart organisiert - und das oft viel dreister als in den imperialistischen Ländern -, daß es den Ausschluß von Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben verstärkt, um die Übernahme der Mutter-Hausfrau-Ehefrau-Rolle durch die Mädchen durchzusetzen. Koedukation herrscht bemerkenswerterweise kaum vor, wobei die Mädchenschulen stets weniger Haushaltsmittel, weniger Lehrer und schlechtere Ausstattungen erhalten. Wo es Koedukation gibt, ist es für Mädchen dennoch erforderlich, getrennte Studienkurse, wie Kochen, Nähen und Hauswirtschaft zu belegen. Im Rahmen dieser Nachteile hat der Druck des Weltmarktes jedoch einige Veränderungen in den Ausbildungsmöglichkeiten mit sich gebracht, die den Frauen offenstehen. Der kapitalistische Fortschritt verlangt nach besser ausgebildeten Arbeitskräften auch in den kolonialen und halbkolonialen Ländern, und das bedeutet einen größeren Zugang von Frauen zur Ausbildung, selbst wenn dies bislang auch nur eine relativ kleine Schicht betrifft.

10. Frauen haben in der kolonialen Welt noch weniger Kontrolle über ihre Fortpflanzungsfunktionen als die Frauen in den imperialistischen Ländern. Zusammen mit dem starken Einfluß der Religion auf die Erziehungsinhalte laufen die ärmlichen Ausbildungsmöglichkeiten darauf hinaus, daß Frauen wenig oder gar keinen Zugang zur wissenschaftlichen Information über die Fortpflanzung oder ihre geschlechtliche Eigenart haben. Wirtschaftlich und gesellschaftlich stehen sie persönlich unter dem Druck, mehr und nicht weniger Kinder zu gebären. Falls es doch Zugang zu Informationen über die Geburtenkontrolle gibt, dann geschieht dies fast immer im Rahmen rassistischer Bevölkerungskontroll-Projekte, die vom Imperialismus aufgezwungen wurden. In einigen Ländern werden erzwungene Massensterilisierungen von Frauen durch die Regierung durchgeführt. In Puerto Rico sind schätzungsweise die Hälfte aller gebärfähigen Frauen sterilisiert worden. Pläne zur Zwangssterilisation werden heimlich auch bei unterdrückten Gruppen innerhalb dieser Länder durchgeführt, wie bei den Ur-Indianern Boliviens.
Selbst in Ländern, in denen die Zwangssterilisation nicht Bestandteil der offiziellen Politik ist, durchdringt die rassistische Propaganda der Bevölkerungskontrolle die Gesellschaft und stellt ein Hindernis beim Kampf der Frauen zur Erlangung der Kontrolle über ihren eigenen Körper dar.
In den kolonialen und halbkolonialen Ländern wurden Frauen im umfangreichen Ausmaß wissentlich als Versuchskaninchen benutzt, um Mittel zur Geburtenkontrolle sowie Medikamente auszuteilen. Ein möglicher Zugang zur Abtreibung ist mit Zwang und nicht der Freiheit der eigenen Wahl verbunden. Jedes Jahr sind Millionen von Frauen aller kolonialen Länder dazu gezwungen, illegale Abtreibungen unter den unhygienischsten und entwürdigendsten aller vorstellbaren Bedingungen vornehmen zu lassen, die zu einer unbekannten Anzahl von Todesfällen führen.
In all diesen Fällen wird den Frauen das Recht verwehrt, selbst darüber zu entscheiden, ob und wann sie Kinder gebären wollen.
Unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise werden die Pläne zur Bevölkerungskontrolle eine weitere Verbreitung finden, es wird mehr Fälle der Art von Puerto Rico geben. Die sogenannte "Bevölkerungsexplosion" muß für die Erklärung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der kolonialen und halbkolonialen Länder herhalten, um damit die Aufmerksamkeit von der Verantwortung des Imperialismus für die Ursachen und die Aufrechterhaltung dieses Elends abzulenken.
Ebenso werden der kolonialen Welt durch die Propagierung fremder kultureller Normen sowohl Rassismus und Sexismus aufgedrängt. Wenn schon die Normen der Kosmetikindustrie bezüglich der "Schönheit" für Frauen in Europa und Nordamerika unterdrückende Funktionen haben, so gilt das umso mehr, wenn dieselben Normen den Frauen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern durch Reklame, Kinos und andere Formen der Massenpropaganda untergeschoben werden.

11. Der starke Einfluß der Religion verstärkt die extreme Rückständigkeit bezüglich der Sexualität, die auf eine besondere Entwürdigung und Herabsetzung der Frauen hinausläuft. Das allgemeine Gebot, daß Frauen selbst asexuell, jedoch zugleich eine den Ehemann befriedigende Sexualsklavin sein sollen, wird den Frauen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern durch Tradition, Gesetze und Anwendung von Gewalt - einschließlich der sexuellen Verstümmelung von Mädchen - in einer noch brutaleren Weise aufgezwungen als in den imperialistischen Ländern. Frauen sollen ihre ‚Unschuld' für den einzigen Mann, ihren Ehemann, erhalten. Wenn Frauen nicht zur sexuellen Befriedigung ihrer Ehemänner bereit sind oder beschuldigt werden, zur Zeit der Eheschließung nicht mehr Jungfrau gewesen zu sein, bietet das in vielen Fällen einen Anlaß zur Scheidung. Die Doppelnorm des sexuellen Verhaltens für Frauen und Männer wird mit größerem Nachdruck erzwungen, als in den imperialistischen Ländern. Die Praxis der Polygamie ist dabei nur ein extremes Beispiel. Die unbarmherzige Unterdrückung von sowohl männlichen als auch weiblichen Homosexuellen spiegelt nur auf eine andere Weise die Rückständigkeit in Bezug auf die Sexualität wider.

12. Die imperialistische Durchdringung und kapitalistische Entwicklung wurde den vorkapitalistischen Wirtschafts- und Sozialbedingungen der kolonialen Welt aufgepfropft, wobei viele alte Strukturen und Bedingungen in einer verzerrten Form überlebten. Das bedeutet entsprechend, daß die Frauen ebenso wie die Unterdrückten und Ausgebeuteten mit mehreren miteinander zusammenhängenden Aufgaben konfrontiert sind, um ihre Befreiung zu erreichen. Der Kampf gegen die imperialistische Vorherrschaft und kapitalistische Ausbeutung beginnt oft mit den ungelösten Problemen der Landreform und anderen demokratischen Aufgaben. Demokratische Grundforderungen, wie jene nach Gewährung persönlicher Freiheiten und Unabhängigkeit von der Kontrolle des Ehemanns werden ein großes Gewicht für den Frauenbefreiungskampf in den kolonialen und halbkolonialen Ländern haben. Gleichzeitig werden sie in einem unmittelbaren Zusammenhang mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen gestellt werden, deren Lösung die Reorganisation der gesamten Gesellschaft entlang sozialistischer Linien erforderlich macht. Diese Fragen sind u.a. die Preissteigerungen, die Arbeitslosigkeit, das unzulängliche Gesundheits- und Erziehungssystem und die Wohnungsfrage. Sie schließen alle die allgemeine Forderung ein, die von der Frauenbewegung in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern erhoben wurden, wie Einrichtung von Kindertagesstätten, Rechte und medizinische Einrichtungen, die es Frauen ermöglichen, Kontrolle über ihre Fortpflanzungsfunktionen auszuüben, sowie Gewährung von Zugang zu allen Berufen und Ausbildungsmöglichkeiten. Aber keine dieser Forderungen, einschließlich der demokratischen Grundforderungen, können ohne die Mobilisierung und Organisierung der Arbeiterklasse eingelöst werden. Sie ist die einzige soziale Kraft, die imstande ist, solche Kämpfe zu ihrem erfolgreichen Abschluß zu führen.

13. Die bürgerlichen Freiheiten sind wegen der Schwäche des Kapitalismus und der herrschenden kapitalistischen Klasse in den kolonialen und halbkolonialen Ländern - wenn sie dort überhaupt vorhanden sind - bestenfalls dürftig und oft kurzlebig. Die politische Unterdrückung ist weit verbreitet. Wenn Frauen ihren Kampf aufnehmen, gilt das gleiche wie bei der Rebellion anderer Teile der Bevölkerung: sie sehen sich schnell mit der Unterdrückung und mit der Notwendigkeit zur Aufnahme des Kampfes für politische Freiheiten konfrontiert, wie die Rechte auf Versammlungs-, Organisations- und Demonstrationsfreiheit. Der Kampf für die Frauenbefreiung kann nicht vom allgemeinen Kampf für die politischen Freiheiten getrennt werden. Die wachsende Teilnahme der Frauen an sozialen und politischen Kämpfen hat dazu geführt, daß Frauen einen wachsenden Anteil der politischen Gefangenen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern ausmachen. In den Gefängnissen sehen sich insbesondere die Frauen mit Verstümmelungen und brutalen Formen der Folter konfrontiert. Der Kampf für die Befreiung aller politischen Gefangenen, der insbesondere die grauenvolle Lage der Frauen anklagt, war und ist ein bedeutender Teil des Frauenbefreiungskampfes in diesen Ländern und wird es auch bleiben. Dieser Kampf erhält eine besonders klare internationale Dimension. Politische Gefangene gibt es nicht nur in der kolonialen Welt, sondern ebenso in den imperialistischen Ländern. Forderungen für ihre Freiheit werden weiterhin ein gemeinsamer Punkt der internationalen Solidarität innerhalb der Frauenbewegung darstellen.

14. Der Kampf für die Frauenbefreiung war stets mit dem nationalen Befreiungskampf untrennbar verbunden. Was die Frauen auch immer tun, sie legen sich mit der Macht der imperialistischen Kontrolle an. Die Notwendigkeit, sich dieser Ketten der Vorherrschaft zu entledigen, ist eine dringende und überfällige Aufgabe für alle Unterdrückten in diesen Ländern. Eine große Anzahl von Frauen wurde zum ersten Mal durch die Teilnahme an der nationalen Befreiungsbewegung aktiv. Im Verlauf des sich entwickelnden Kampfes wird sich klar herausschälen, daß Frauen eine noch größere Rolle spielen können und müssen, wenn ein Sieg errungen werden soll. Die Frauen werden sich ändern, wenn sie Dinge tun und lassen, die ihnen durch alte Traditionen und Gewohnheiten verwehrt oder aufgezwungen waren. Sie werden sich zu Kämpferinnen, Führerinnen, Organisatorinnen und politischen Theoretikerinnen herausbilden. Die tiefen Widersprüche, innerhalb derer sie leben müssen, werden die Revolte gegen ihre Unterdrückung als Geschlecht wie auch die Forderungen nach größerer Gleichheit innerhalb der revolutionären Bewegung massiver werden lassen. In Vietnam, Algerien, Kuba, Palästina, Südafrika, der Sahara und anderswo waren die Kämpfe der Frauen zur Beendigung der brutalsten Formen der von ihnen ertragenen Unterdrückung eng mit den sich entfaltenden antiimperialistischen Kämpfen verbunden.
Die Teilnahme der Frauen am nationalen Befreiungskampf beginnt das Bewußtsein der Männer über die Rolle und Fähigkeiten der Frauen zu verändern. Im Verlauf des Kampfes gegen ihre eigene Ausbeutung und Unterdrückung bekommen die Männer ein Gespür für die Unterdrückung der Frauen, werden sich über die Notwendigkeit, diese zu bekämpfen bewußt und gewinnen mehr Klarheit über die Bedeutung der Frauen als Kampfverbündete.

15. Innerhalb der kolonialen und halbkolonialen Länder gibt es darüberhinaus unterdrückte nationale Minderheiten. Z.B machen im Iran die unterdrückten Nationalitäten 60 Prozent der Bevölkerung aus, In Lateinamerika sind die Ur-Indianer eine unterdrückte Minderheit. Die Frauen dieser Minderheiten sehen sich einem doppelten Ausmaß der nationalen Unterdrückung gegenübergestellt. Wenn sie sich einmal erheben, kann sich ihr Kampf in einer explosiven Weise entfalten.
Die Forderungen der Frauen und der unterdrückten Nationalitäten sind eng miteinander verflochten und verstärken sich gegenseitig. Zum Beispiel kann die Forderung aller Frauen nach dem Recht auf Ausbildung mit der Forderung der Männer und Frauen der unterdrückten Nationalitäten verbunden werden, das Recht zu erhalten, in der eigenen Sprache ausgebildet zu werden.

16. Seit dem Aufstieg der Kolonialrevolution zu Beginn dieses Jahrhunderts nahmen Frauen an den, antiimperialistischen Aufständen teil, aber es gab keine Tradition, Frauen als Frauen für ihre besonderen Forderungen als abgegrenzten Bestandteil dieser Kämpfe zu organisieren. Die weitere Entfaltung des kapitalistischen Weltsystems seit dem 2. Weltkrieg hat jedoch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Widersprüche in den kolonialen und halbkolonialen Ländern verschärft und wird schließlich die Frauen in den Kampf für ihre eigenen Forderungen hineinziehen.
a) In der Periode, die nach dem 2. Weltkrieg folgte, gab es einen Aufstieg in der Industrialisierung der kolonialen und halbkolonialen Länder , obgleich das Ausmaß dieser Industrialisierung große Unterschiede in diversen Ländern aufweist und nach den jeweiligen Bedürfnissen der imperialistischen Mächte verzerrt wurde. Das zog einen steigenden Zugang von Frauen in Lehrberufe nach sich.
b) Technologische Verbesserungen auf dem Gebiet der Haushaltsführung und die Kontrolle über die Fortpflanzungsfunktionen - selbst wenn sie weitaus weniger zugänglich sind als in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern - wurden bekannt und zeigten die Möglichkeit der Befreiung der Frauen von häuslicher Plackerei auf und erlaubten ihnen den wichtigsten Faktor in ihrem Leben zu kontrollieren, nämlich ihre Fortpflanzungsfunktion.
c) Die Wirtschaftskrise des Weltkapitalismus, die durch die internationale Rezession von 1974/75 angekündigt wurde, hatte eine verstärkte Auswirkung auf die koloniale Welt, wo die Imperialisten in besonderem Maße versuchten, die Lasten dieser Krise auf dem Rücken der Massen auszutragen. Ein überproportionales Gewicht der Wirtschaftskrise fällt den Frauen zu in Form von Preiserhöhungen, Kürzungen bei den minimalen Ansätzen des noch vorhandenen Gesundheits- und Ausbildungssystems und wachsendem Elend auf dem Lande. Auf diese Weise klafft die Lücke zwischen dem, was möglich ist und dem, was tatsächlich existiert, immer mehr auseinander.
d) Der Einfluß dieses Widerspruchs auf das Bewußtsein der Frauen wird heute durch den Einfluß der internationalen Frauenbefreiungsbewegung verstärkt, die die Frauen auf der ganzen Welt inspiriert und ihre Forderungen popularisiert und begründet hat.
Diese Faktoren führen zu dem Schluß, daß die Kämpfe der Frauen einen wichtigen Bestandteil des kommenden revolutionären Kampfes in den kolonialen und halbkolonialen Ländern darstellen werden.
Der Kampf der Frauen kann aufgrund des Grabens zwischen den archaischen Nonnen und Werten einerseits und der Möglichkeit zur Befreiung der Frauen andererseits, die durch die technologischen Fortschritte des Kapitalismus eröffnet wurde, explosive Ausmaße annehmen. Gleichzeitig befinden sich die von den Imperialisten und ihren Dienern aufrechterhaltenen Nonnen und Werte im beständigen Widerspruch zum Leben einer wachsenden Anzahl von Frauen. D. h., wenn Frauen einmal damit beginnen, ihre Unterdrückung selbst auf einer elementaren Ebene zu bekämpfen, dann kann dies mit anderen sozialen Unruhen verbunden werden und sehr schnell zur Mobilisierung von Massen von Frauen in Kämpfen fuhren, die in eine radikale antikapitalistische Richtung führen.

17. Die Haltung und Politik gegenüber den Forderungen und Bedürfnissen der Frauen in kolonialen und halbkolonialen Ländern sind eine der Nagelproben der revolutionären Qualität, Perspektive und des Programms jedweder Organisation, die darauf hinaus will, den Kampf gegen den Imperialismus zu fuhren. Die Rolle und Bedeutung, die wir dem Kampf zur Befreiung der Frau in diesen Ländern beimessen und das Programm, das wir zu deren Verwirklichung vorschlagen, trennen uns von den nichtproletarischen Kräften, die mit uns um die Führung des nationalen Befreiungskampfes wetteifern. Dies war schon seit langem ein Unterscheidungsmerkmal im Programm des revolutionären Marxismus gewesen, was sich auch in den Resolutionen des Dritten und Vierten Kongresses der Kommunistischen Internationale widerspiegelt. Diese Resolutionen lenkten besondere Aufmerksamkeit auf die exemplarische Arbeit der chinesischen Kommunisten, die die Mobilisierung von Frauen organisierten und führten, die der 2. chinesischen Revolution vorangingen. Wenn die revolutionären marxistischen Parteien der Bedeutung der Organisierung und Mobilisierung der Frauen sowie der Erringung der Führung in den Frauenbefreiungskämpfen blind gegenüberstehen, werden sie das Feld den bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kräften überlassen. Die Führung der Frauenbewegung wird diesen Kräften zufallen und die Bewegung wird in reformistische Kanäle, wenn nicht gar in arbeiterfeindliche Bewegungen gelenkt werden.

18. Angesichts der extremen Unterdrückung und der Tatsache, daß es keine Aussicht auf Verbesserung ihrer Lebensbedingungen unter der kapitalistischen Herrschaft gibt, werden die Frauen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern in die Rolle einer Avantgarde im Kampf für den sozialen Wandel gedrängt werden. Durch interne Schulungen und ähnliche erzieherische Aktivitäten müssen die Sektionen der Vierten Internationale ihre eigenen Mitglieder systematisch für das Verständnis der Bedeutung des Kampfes zur Frauenbefreiung vorbereiten, selbst dann, wenn noch keine Massenkämpfe am politischen Horizont sichtbar sind. Wir müssen eine bewußte Haltung gegenüber der Gewinnung von Frauen für den Sozialismus einnehmen, der Schulung und Einbeziehung der Entschiedensten in die Führung unserer Bewegung. Wie Trotzki bemerkte: "Hier werden wir eine unerschöpfliche Quelle an Hingebung, Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft vorfinden."

Frauen in den Arbeiterstaaten: Die verratene Befreiung

1. Die Oktoberrevolution von 1917 und jeder darauffolgende sozialistische Sieg brachten bedeutende Errungenschaften für die Frauen, einschließlich demokratischer Rechte und Integration in die Industriearbeiterschaft. Die Maßnahmen, die von den Bolschewiki unter der Führung von Lenin und Trotzki beschlossen wurden, zeigten demonstrativ, daß die proletarische Revolution einen unmittelbaren Schritt vorwärts für die Frauen darstellte. Zwischen 1917 und 1927 verabschiedete die sowjetische Regierung eine Reihe von Gesetzen, die den Frauen zum ersten Mal die gesetzliche Gleichberechtigung mit den Männern brachten. Die Eheschließung wurde zu einem einfachen Registrierungsvorgang, der auf beiderseitiges Einverständnis beruhen mußte. Der Begriff der Unehelichkeit wurde abgeschafft. Freie legale Abtreibung wurde zum Recht jeder Frau. 1927 brauchten Eheschließungen nicht mehr registriert zu werden und Scheidungen wurden auf Wunsch eines der Partner durchgeführt. Gesetze gegen die Homosexualität wurden abgeschafft. Kostenlose obligatorische Schulbildung bis zum Alter von 16 Jahren wurde für alle Kinder beiderlei Geschlechts eingeführt. Die Gesetzgebung sicherte den arbeitenden Frauen besonderen Mutterschutz zu. 1919 stellte das Programm der Kommunistischen Partei fest: "Die Aufgabe der Partei liegt zum gegenwärtigen Zeitpunkt vorwiegend auf dem Gebiet der Ideen und der Erziehung, um alle Spuren der früheren Ungleichheit und Vorurteile, besonders in den rückständigen Schichten des Proletariats und der Bauernschaft nachhaltig auszulöschen. Die Partei beschränkt sich dabei nicht auf die formale Gleichberechtigung der Frauen, sondern bemüht sich, sie von den materiellen Bürden der überholten Hausarbeit zu befreien, indem sie sie durch Gemeinschaftshäuser, Großkantinen, öffentliche Wäschereien, Kinderhorte usw. ersetzt." Dieses Programm wurde in dem Umfang verwirklicht, den die wirtschaftliche Rückständigkeit und Armut der neuen Sowjetrepublik und die Zerstörung nach fast einem Jahrzehnt Krieg und Bürgerkrieg zuließen. Es wurde ein bewußter Versuch unternommen, die reaktionären sozialen Normen und Haltungen zu bekämpfen, die die Realität eines Landes widerspiegelten, das noch immer zum überwältigenden Teil bäuerlich war, in dem die Frauen nur einen kleinen Prozentsatz der Arbeitskräfte ausmachten und in dem immer noch auf den sozialen Beziehungen das drückende Gewicht der feudalen Tradition lastete. Unter solchen Bedingungen überrascht es nicht, wenn sich die rückschrittliche Haltung gegenüber Frauen in der Bolschewistischen Partei ebenso widerspiegelte, die Führung dabei nicht ausgenommen. Die Partei war keinesfalls homogen, was das Verständnis über die Bedeutung der Durchführung der konkreten und tiefgreifenden Maßnahmen anging, die notwendig waren, um das Programm von 1919 umzusetzen.

2. Die Dezimierung und Erschöpfung der Vorhut der Arbeiterklasse und die Zerschlagung der revolutionären Erhebungen im Nachkriegseuropa bildeten die Grundlage für den Triumph der von Stalin angeführten konterrevolutionären Kaste in den zwanziger Jahren. Während die ökonomischen Grundlagen des neuen Arbeiterstaates nicht zerstört wurden, wuchs jedoch schnell eine privilegierte gesellschaftliche Schicht heran, die auf dem fruchtbaren Boden der Armut Rußlands viele der Vorteile der neuen Wirtschaftsordnung für sich selbst sicherte. Um ihre neugewonnenen Privilegien abzusichern und auszuweiten, kehrte die Bürokratie die Politik Lenins und Trotzkis in nahezu allen Bereichen in ihr Gegenteil um, angefangen bei dem auf der Rätedemokratie basierenden Regierungssystem, über die Arbeiterkontrolle, Wirtschaftsplanung und Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationalitäten bis hin zur proletarisch-internationalistischen Außenpolitik.
In den späten dreißiger Jahren hatte die Konterrevolution die gesamte noch lebende bolschewistische Führung physisch ausgerottet und eine Diktatur errichtet, die bis zum heutigen Tag hunderttausende in Gefangenenlagern, psychiatrischen Anstalten und im Exil hält, sowie jede leise Regung von Opposition erbarmungslos zerschlägt.
Für die Frauen führte die stalinistische Konterrevolution zu einer Politik der Wiederbelebung und Verfestigung des Familiensystems.
Trotzki beschrieb diesen Prozeß folgendermaßen: "Echte Emanzipation der Frau ist undenkbar ohne eine allgemeine Hebung von Wirtschaft und Kultur, ohne die Zerstörung der kleinbürgerlichen wirtschaftlichen Familieneinheit, ohne die Einführung vergesellschafteter Essenszubereitung und Erziehung. Inzwischen ist die Bürokratie, geleitet von ihrem konservativen Instinkt, angesichts der ‚Desintegration' der Familie in Alarm geraten. Sie begann damit, Lobgesänge auf die Familienmahlzeit und die Familienwaschküche anzustimmen, d.h. auf die häusliche Sklaverei der Frauen. Die Krönung all dessen liegt in der Wiedereinführung der Strafbarkeit der Abtreibung durch die Bürokratie, womit man offiziell den Frauen den Status eines Packesels verleiht. In völligem Widerspruch zum ABC des Kommunismus hat die herrschende Kaste den reaktionärsten und unkultiviertesten Kern des Klassensystems wiederhergestellt, nämlich die kleinbürgerliche Familie" (Writings of Leon Trotsky, 1937-38, 2. Auflage 1976, 129).

3. Der wichtigste Faktor, der diesen Rückschritt erleichterte, war die kulturelle und materielle Rückständigkeit der russischen Gesellschaft, die nicht über die Ressourcen verfügte, die zum Bau ausreichender Kinderhorte, Wohnungen, öffentlicher Wäschereien, Haushalts- und Esseneinrichtungen notwendig sind, um damit die Hauptursache für die Unterdrückung der Frau zu beseitigen.
Diese Rückschrittlichkeit trug zur Aufrechterhaltung der allgemeinen gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau bei, die von der zaristischen Periode übernommen wurde.
Aber über diese objektiven Beschränkungen hinaus gab die stalinistische Bürokratie bewußt die Perspektive auf, systematisch auf die Vergesellschaftung der den Frauen aufgebürdeten Lasten hinzuwirken. Sie begann stattdessen auf die Familie Lobgesänge anzustimmen und versuchte, die Familie durch rechtliche Einschränkungen und wirtschaftliche Zwänge zusammenzubinden.
Wie Trotzki in der "Verratenen Revolution" aufzeigt, "nimmt der Rückzug nicht nur die Form einer widerlichen Heuchelei an, sondern er geht unendlich weiter, als es die eisernen wirtschaftlichen Notwendigkeiten verlangen".
Die Bürokratie srärkte das Familiensystem teilweise aus den gleichen Gründen, aus denen die kapitalistische Gesellschaft es aufrechterhält - als ein Instrument zur Einübung von Verhaltensweisen der Unterwerfung unter Autoritäten und zur Verewigung der Privilegien einer Minderheit. Trotzki erklärte hierzu: "Das zwingendste Motiv für den gegenwärtigen Familienkult ist zweifellos der Bedarf der Bürokratie nach einer stabilen Hierarchie von Beziehungen und die Notwendigkeit zur Disziplinierung der Jugend durch vierzig Millionen Stützpunkte der Autorität und Macht."
Als Teil dieser Konterrevolution wurden die alten zaristischen Gesetze gegen die Homosexualität aus der Mottenkiste geholt und wieder eingeführt.
Die Aufrechterhaltung der Familie ermöglichte es der Bürokratie, eine bedeutende Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse zu verewigen: Die Spaltung zwischen dem Mann als "Oberhaupt der Familie und Brötchenverdiener" und der Frau als Verantwortliche für Haushalt und Besorgungen - zusätzlich zu alledem, was sie sonst noch tun mag. Auf einer allgemeineren Ebene bedeutet das die Aufrechterhaltung der Teilung zwischen öffentlichem und privaten Leben, die auf eine Isolation hinausläuft, die sowohl Männer als auch Frauen betrifft. Ebenfalls stärkt die Bürokratie die Aufrechterhaltung der Kleinfamilie durch die Ermutigung von Verhaltensweisen wie , jede Familie ist sich selbst am nächsten". Im Rahmen der allmächtigen Planungspolitik hat das wenig mit der Bedürfnisbefriedigung der Arbeiter und Arbeiterinnen zu tun, sondern damit, daß es der Bürokratie erlaubt, die Kosten für soziale Dienstleistungen zu senken.
Die von der proletarischen Revolution und der stalinistischen Konterrevolution geschaffenen Bedingungen haben sich nicht in jedem Arbeiterstaat in einer mechanischen Weise wiederholt. Es bestehen bedeutende Unterschiede, die den historischen, kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Eigenarten der einzelnen Länder, ja selbst einzelner Regionen zuzuschreiben sind. Trotz all dieser Unterschiede im Ausmaß der Beteiligung von Frauen am Produktionsprozeß oder der Verbreitung von Kindertagesstätten und ähnlicher sozialer Dienstleistungen ist jedoch die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unterlegenheit der Frauen und die Unterstützung der Institution Familie als die Regel aller sozialen Beziehungen die offizielle Politik in allen deformierten Arbeiterstaaten von China bis zur DDR.

4. Die Unterstützung und Verherrlichung der Institution Familie liefen auf die Verewigung der traditionellen Lasten der Frauen hinaus, die Doppelbelastung durch die Arbeit innerhalb und außerhalb des Hauses. Gemäss einer offiziellen Volkszählung der Sowjetunion aus dem Jahre 1970 haben 90 Prozent aller städtischen Frauen im Alter von 16 bis 54 Jahren einen Arbeitsplatz außerhalb des Hauses. Dabei verbringt die durchschnittliche Sowjetfrau zu den acht Stunden am Arbeitsplatz außerhalb des Hauses zusätzlich vier bis sieben Stunden am Tag mit der Hausarbeit.
Die Aufrechterhaltung der Verantwortlichkeit der Frauen für die Hausarbeit in Verbindung mit Kindererziehung, Kochen, Putzen, Wäschewaschen und die Sorge für die persönlichen Bedürfnisse der anderen Mitglieder ist die wirtschaftliche und soziale Basis für die Nachteile und Vorurteile, mit denen sich Frauen konfrontiert sehen und für die daraus resultierende Diskriminierung am Arbeitsplatz und bei der Bezahlung. Das hat eine tiefgreifende Auswirkung darauf, wie sich die Frauen selbst sehen, auf ihre Rotte in der Gesellschaft und ihre Ziele, die sie zu erreichen suchen.
Eine Umfrage in der CSSR deckte am Ende der 60er Jahre auf, daß fast 80 Prozent der befragten Frauen die Auffassung vertraten, im Haus zu bleiben, bis die Kinder das Alter von 3 Jahren erreicht haben, falls ihr Ehemann damit einverstanden war und das gemeinsame Einkommen zu Befriedigung der Bedürfnisse der Familie ausreichte. Das war kaum überraschend, wenn man bedenkt, daß zur gleichen Zeit die Hälfte von 500 befragten Frauen, die Aufsichtspositionen in ihren Berufen einnehmen, sagten, daß sie zu Hause die gesamte Hausarbeit verrichten müssen (vier bis fünf Stunden täglich).
Auch wenn 50 Prozent der Beschäftigten in der Sowjetunion Frauen sind, so sind sie doch unverhältnismäßig stark in den niedrig bezahlten und unqualifizierten Arbeitsplätzen, die mit wenig verantwortungsvollen Aufgaben verbunden sind, und in den traditionellen Frauensektoren im Produktions- und Dienstleistungsbereich konzentriert. Zum Beispiel arbeiten 43,6 Prozent aller Frauen immer noch in der Landwirtschaft, während ein weiteres Viertel in der Textilindustrie beschäftigt ist. 80 Prozent der Grund- und Sekundar-Stufenlehrerschaft besteht aus Frauen. 1970 wurden nur 6,6 Prozent aller Industrieunternehmen von Frauen geführt. Gemäß der Statistiken aus dem Jahre 1966 "stiegen" die durchschnittlichen Löhne gemessen an denen der Männer von 64,4 Prozent aus dem Jahre 1924 auf 69,3 Prozent an!
1970 bewegten sich in allen osteuropäischen Ländern die Einkommensunterschiede zwischen 27 und 30 Prozent - trotz der Gesetze über gleiche Bezahlung, die seit Jahrzehnten in diesen Ländern in Kraft sind. Das spiegelt sich in der Tatsache wider, daß die Frauen nicht die gleiche Arbeit wie die Männer verrichten. Nicht nur, daß Frauen fortwährend in die schlechter bezahlten "Frauenberufe" umgelenkt werden und nicht selten für ihre Arbeitsplätze überqualifiziert sind, sondern es arbeiten nur sehr wenige derjenigen Frauen tatsächlich weiterhin in den entsprechenden Bereichen, wenn sie das Ausbildungsprogramm für die besser bezahlten und qualifizierten Arbeitsplätze (insbesondere in der Schwerindustrie) absolviert haben. Die häuslichen Verpflichtungen machen es schwierig, sich auf dem laufenden Stand der Entwicklung in den Spezialberufen zu halten. Aber auch Schutzgesetze, die besondere Arbeitsbedingungen für Frauen schaffen, haben oft diskriminierende Auswirkungen, die sie davon abhalten, dieselben Arbeitsplätze wie Männer einzunehmen.
In der Sowjetunion stellten die Frauen 1976 mehr als 40 Prozent aller wissenschaftlich Ausgebildeten, aber nur 3 von 243 Vollmitgliedern der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften sind Frauen. Auf der Ebene der nationalen Politik sind nur 8 von 287 Vollmitgliedern des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Frauen. Es gibt keine Frauen im Politbüro.
In der Sowjetunion und Osteuropa wie auch in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern gibt es heute genügend materiellen Wohlstand und eine ausgereifte Technologie, um die doppelten Lasten der Frauen erheblich zu mildem. Dabei sind die durch Abwesenheit demokratischer Kontrolle über die Produktion durch die Arbeiter und Arbeiterinnen und durch die Vorherrschaft der privilegierten bürokratischen Kaste verursachten Verzerrungen, die in die Planwirtschaft und den Produktionsprozeß Eingang gefunden haben, eine Quelle der Empörung. Die Frauen spüren in dieser Beziehung die drückende Last der Bürokratie sogar mehr als die Männer, weil sie gezwungen sind, die Verzerrungen in der Wirtschaft durch die ihnen aufgebürdete doppelte Arbeitsbelastung zu kompensieren.
Im letzten Jahrzehnt wurde die Bürokratie durch diese potentiell explosive Stimmung gezwungen, die Produktionspläne für Konsumgüter und Dienstleistungen auszuweiten. Aber die Versorgung mit Konsumgütern liegt immer noch hinter den Bedürfnissen und wachsenden Erwartungen der Masse der Sowjetfrauen zurück. Auch wenn beispielsweise Kinderhorte mehr verbreitet sind als in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, so können gemäß der offiziellen Statistik von Anfang des Jahres 1978 die Kinderhorte in der Sowjetunion nur 13 Millionen der mehr als 35 Millionen Vorschulkinder aufnehmen.
Anfang der 70er Jahre wurden in der CSSR und Polen nur 10 Prozent der Kinder unter 3 Jahren in Kindertagesstätten aufgenommen. Plätze für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren gab es nur zu 37 bzw. 45 Prozent. Das verhält sich so, trotz der Tatsache, daß Frauen zwischen 40 und 45 Prozent der Arbeitskräfte in diesen Ländern ausmachen. Trotz all der Schwierigkeiten, die solche Bedingungen den arbeitenden Frauen bereiten, wärmen einigen stalinistische Beamte dieser Länder die Theorie von der "natürlichen Arbeitsteilung" zwischen Mann und Frau wieder auf. In der CSSR und in Ungarn besteht die "Lösung" darin, den Mangel an sozialen Dienstleistungen und das weitere Absinken der Geburtenrate dadurch zu beheben, indem man letztlich den "Lohn für Hausarbeit" eingeführt hat, der an Frauen vergeben wird, die Mütter von ein oder zwei Kindern bis zum Alter von 3 Jahren sind. Dieses System wird in der CSSR durch einen Zuwachs der Familienzuwendungen für das 3. und 4. Kind ergänzt, sowie durch einen beträchtlichen Bonus für jede weitere Geburt (der fast einem Monatsgehalt gleichkommt). Es ist offensichtlich, daß solche Maßnahmen nur die Auswirkung haben können, die Frauen dazu zu drängen, angesichts des doppelten Arbeitstages, der mit der Ausübung eines Berufes verbunden ist, zu Hause zu bleiben.
Die Zahl der öffentlichen Wäschereien ist in den meisten Arbeiterstaaten unbedeutend (In Polen, der CSSR und UdSSR können sie nur 5 bis 10 Prozent des Bedarfs decken).
Ebenso ist die Anzahl der Frauen und Männer, die in öffentlichen Kantinen essen, seit den 50er Jahren stark gesunken. Wegen der hohen Preise und der schlechten Qualität essen nur noch 20 Prozent der Bevölkerung der CSSR ihre Hauptmahlzeit außerhalb des Hauses, verglichen mit 50 Prozent in früheren Jahren. Alle diese Bedingungen laufen darauf hinaus, die Frauen zu Hause lebendig zu begraben. Diese Tendenz wird noch nur die Propaganda der Bürokraten für die Teilzeitbeschäftigung von Frauen verstärkt. Dies findet seinen Ausdruck z.B. in der DDR, wo es jeden Monat den Extra-Tag für Frauen gibt, so daß sie ihrer Hausarbeit nachgehen können. Natürlich wird nur Frauen dieses "besondere Privileg" eingeräumt.
Im Oktober 1977 kam in der UdSSR dieselbe reaktionäre Tendenz tatsächlich in einem eingefügten Verfassungszusatz zum Artikel 35 der revidierten Sowjetverfassung zum Vorschein. Dieser Artikel soll die Gleichberechtigung der Frau garantieren. Die nun mit einem Zusatz versehene Verfassung sieht "nach und nach die Verkürzung des Arbeitstages für Frauen mit kleinen Kindern" vor. Die Sowjetführer erklärten, daß diese neue Verfassungsgarantie die Linie der Partei und des Sowjetstaates widerspiegele, um die Stellung der "Frau als Arbeiterin, Mutter, Erzieherin und Hausfrau" zu verbessern.
Diese Verstärkung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen kommt genauso durch die Regierungspolitik dieser Länder zum Ausdruck, die darauf abzielt, die Geburtenraten zu erhöhen, um den Arbeitskräftemangel zu beheben. (Die DDR bildet gegenwärtig die einzige Ausnahme). Zur gleichen Zeit, als den Frauen in den kapitalistischen Ländern der Zugang zur Abtreibung erleichtert wurde, führten die Versuche in ganz Osteuropa, das Bevölkerungswachstum zu beschleunigen, hinsichtlich der Abtreibung zu restriktiven Maßnahmen.
Die stalinistische Bürokraten haben damit die Ansicht Lenins und anderer Führer und Führerinnen der russischen Revolution zurückgewiesen, daß die uneingeschränkte Möglichkeit zur Abtreibung ein elementares Recht der Frauen ist Während die legale Abtreibung im allgemeinen in der Sowjetunion und Osteuropa möglich ist, haben die herrschenden Kasten zum wiederholten Male dieses Recht beschnitten. Damit wurden oft demütigende Bedingungen für Frauen geschaffen und auch Frauen mit wirtschaftlichen Maßnahmen dafür bestraft, daß sie um eine Abtreibung nachsuchten (z.B. durch Verweigerung von bezahlten Krankheitstagen, um eine Abtreibung durchzuführen oder die Weigerung, Abtreibung als freie medizinische Leistung abzurechnen).
Mit der Ausnahme Polens wurden die Sexualerziehung und die Verbreitung von Informationen zur Empfängnisverhütung in den meisten osteuropäischen Ländern bis vor kurzem ausdrücklich zurückgewiesen. Familienplanungszentren waren nicht existent, der Zugang zu Verhütungsmitteln, wie z.B. zu Pille oder Sterilisation war strikt beschränkt. (In der CSSR wandten Anfang der 70er Jahre nur 5 Prozent der Frauen solche Methoden an.) Aber keine dieser Massnahme führte zum Erfolg, den Trend der fortwährenden Stagnation der Geburtenrate umzukehren oder die Zahl der Abtreibungen zu senken. Konfrontiert mit diesem "Problem", entwickelt die Bürokratie eine große Phantasie, Methoden zu finden, um Frauen zu mehr Kindern zu ermutigen. Sie ziehen alle Maßnahmen - ausser der Vergesellschaftung der Hausarbeit! - in Betracht. In Polen erwägen sie die Einführung eines ,,Lohnes für Hausarbeit" oder gar einer Steuer, die dem Einkommen von solchen Hausfrauen auferlegt werden soll, die sich weigern, Kinder in die Welt zu setzen. Andere Vorschläge sind die Heraufsetzung des Rentenalters für Frauen von 60 auf 65 Jahre, um damit Geld für einen Mütterfonds aufzutreiben oder möglicherweise sogar eine Herabsetzung des Rentenalters für Frauen auf 55 Jahre, um sie damit in die Lage versetzen zu können, dabei behilflich zu sein auf kleine Kinder aufzupassen.
In allen osteuropäischen Staaten propagiert die Bürokratie eine Politik, die darauf ausgerichtet ist, die sexuelle Unterdrückung zu verstärken. Die extreme Wohnungsnot, der Erziehungsstil, dem die Kinder schon sehr früh ausgesetzt sind, die ständige Weigerung, unverheirateten Paaren Hotelräume zu vermieten, all das spiegelt die vorherrschenden gesellschaftliche Sitten und die Gegnerschaft der Bürokratie gegen jede Form der sexuellen Befreiung wider. Bedenkt man die Stellung der Frauen in der Familie, so sind sie natürlich die ersten, die das Gewicht dieser unterdrückenden Normen und Politik zu spüren bekommen.
5. Die Frauen in den deformierten und degenerierten Arbeiterstaaten werden ihre volle Befreiung erst durch eine politische Revolution gewinnen, die die bürokratische Kaste von der Macht drängt und die Arbeiterdemokratie wiedererrichtet. Obwohl bis jetzt nur wenige Anzeichen eines wachsenden Bewußtseins über die Unterdrückung der Frauen vorhanden sind, gibt es keine undurchdringbare Barriere zwischen den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern und den Arbeiterstaaten, insbesondere nicht zwischen Ost- und Westeuropa. Die Radikalisierung der Frauen überall auf der Welt und die von ihnen aufgestellten Forderungen werden unweigerlich auf die Frauen der Arbeiterstaaten einen Eindruck hinterlassen.
Der Kampf der Frauen für ihre Befreiung wird einen bedeutenden Bestandteil im Verlauf der Herausforderung und des Sturzes der privilegierten bürokratischen Regimes sowie bei der Errichtung einer sozialistischen Demokratie bilden. Insbesondere werden die Forderungen in Bezug auf die Vergesellschaftung der Hausarbeit einen wichtigen Aspekt des Übergangsprogramms für die kommende politische Revolution spielen.
In mancher Beziehung stellen die ökonomische Unabhängigkeit und der wirtschaftliche Status der Frauen in den Arbeiterstaaten im Vergleich zu den kapitalistischen Staaten ein positives Beispiel dar. Aber die Geschichte der Sowjetunion unterstreicht ebenso scharf die Tatsache, daß die Institution der Familie den Grundstein für die Unterdrückung der Frau bildet. Solange, wie sie von der offiziellen Politik unterhalten und genährt wird, solange, wie ihre Aufgaben nicht von überlegeneren sozialen Einrichtungen voll übernommen werden, bleibt die wahrhaft gleichberechtigte Integration von Frauen in das Produktionsleben und in alle anderen gesellschaftlichen Bereiche und Angelegenheiten unmöglich. Die Verantwortung der Frauen für die Hausarbeit ist die Quelle der Ungleichheit, mit der sie sich in ihrem Alltagsleben, in der Erziehung der Kinder, bei der Arbeit und in der Politik gegenübergestellt sehen.

6. Die stalinistische Konterrevolution gegenüber Frau und Familie sowie die fortwährende Ungleichheit der Frauen in den Arbeiterstaaten bilden andrerseits eines der Hindernisse bei der Gewinnung von Frauen für den revolutionären Marxismus. Wie bei allen anderen Fragen wird die Politik des Stalinismus oft mit Leninismus gleichgesetzt, statt sie als das zu erkennen, was sie wirklich ist - die Negierung des Leninismus. Überall dort, wo Frauen für ihre Befreiung kämpfen, sehen sie oft auf die Arbeiterstaaten und sagen, "Wenn es das ist, was der Sozialismus für Frauen zu bieten hat, dann brauchen wir ihn nicht," Viele Anti-Marxisten und Anti-Marxistinnen verweisen auf die Situation der Frauen in den Arbeiterstaaten als "Beweis" dafür, daß der Weg zur Frauenbefreiung nicht über den Klassenkampf beschriften werden kann. Darum ist der Kampf zur Gewinnung der Führungen der Feministinnen in allen Teilen der Welt untrennbar mit der Entwicklung der politischen Revolution in den deformierten und degenerierten Arbeiterstaaten wie auch mit unserer Fähigkeit verbunden, ein anderes Bild des Sozialismus zu entwerfen, für das wir als glaubwürdige Marxisten kämpfen. II. DIE VIERTE INTERNATIONALE UND DER KAMPF ZUR BEFREIUNG DER FRAU

Unsere Perspektive

1. Die Vierte Internationale begrüßt und unterstützt das Aufkommen der neuen Welle von Kämpfen der Frauen zur Beendigung ihrer Jahrhunderte alten Unterdrückung. Indem wir in der vordersten Reihe an diesen Kämpfen teilnehmen, zeigen wir, daß die Weltpartei der sozialistischen Revolution eine Führung stellen kann, die in der Lage ist, solche Kämpfe der Frauen für ihre Befreiung bis zum erfolgreichen Abschluß zu führen. Es ist unser Ziel, das Vertrauen und die Führung der Massen von Frauen zu erlangen, indem wir zeigen, daß unser Programm und unsere auf den Klassenkampf ausgerichtete Politik im Zuge einer erfolgreichen proletarischen Revolution und sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft zur Beseitigung der Unterdrückung der Frau führt. 2. Diese Perspektive der Vierten Internationale steht in der langen Tradition des revolutionären Marxismus. Sie gründet sich auf folgende Überlegungen: a) Die Unterdrückung der Frauen kam mit der Klassengesellschaft auf. Sie ist unabänderlich mit der Klassengesellschaft verbunden. Der Massenkampf der Frauen gegen diese Unterdrückung ist deshalb eine Form des Kampfes gegen die kapitalistische Herrschaft. b) Frauen sind sowohl ein bedeutender Teil der Arbeiterklasse als auch möglicherweise machtvolle Verbündete der Arbeiterklasse im Kampf für den Sturz des Kapitalismus. Ohne die sozialistische Revolution können die Frauen ihre Befreiung nicht erreichen. Ohne die Mobilisierung der Masse der Frauen im Kampf für ihre eigene Befreiung kann die Arbeiterklasse ihre historischen Aufgaben nicht erfüllen. Die Zerschlagung des bürgerlichen Staates, die Konsolidierung einer neuen Staatsmacht, die sich auf die demokratischen Organisationen der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten stützt, die Umwandlung der wirtschaftlichen Basis und Prioritäten der Gesellschaft und der unablässige Kampf zur Beseitigung aller Formen der unterdrückenden gesellschaftlichen Beziehungen, die aus der Zeit der Klassengesellschaft herrühren, können nur durch bewußte Teilnahme an und Führung in einer unabhängigen Frauenbefreiungsbewegung vollendet werden. Darum ist die Unterstützung zum Aufbau einer unabhängigen feministischen Bewegung Teil der Strategie der revolutionären Partei der Arbeiterklasse. Dies leitet sich schon allein aus dem Charakter der gesellschaftlichen Klassenteilung ab, die durch den Kapitalismus selbst herbeigeführt wurde und der Art und Weise, wie der Kapitalismus sie dazu ausnutzt, die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten bei ihrem Kampf zur Abschaffung der Klassengesellschaft zu schwächen und zu spalten. c) Alle Frauen werden als Frauen unterdrückt. Kämpfe gegen besondere Aspekte der Frauenunterdrückung beziehen darum notwendigerweise Frauen verschiedener Klassen und Schichten mit ein. Selbst einige bürgerliche Frauen, die sich gegen ihre Unterdrückung als Frau auflehnen, können mit ihrer Klasse brechen und dazu gewonnen werden, sich auf die Seite der revolutionären Arbeiterbewegung zu stellen, die den einzigen Weg zur Befreiung aufweist.
Wie Lenin in seinen Diskussionen mit Klara Zetkin ausführte, besteht die Möglichkeit, Aktionen in Bezug auf Aspekte der Unterdrückung der Frauen durchzuführen, die ins Herz der gegnerischen Klasse treffen, um "Unruhe, Unsicherheit, Widersprüche und Konflikte im Lager der Bourgeoisie und ihrer reformistischen Freunde zu erzeugen und zu schüren. ... Jede Schwächung des Gegners ist gleichbedeutend mit einer Stärkung unserer Kräfte."
Vom Standpunkt der revolutionär-marxistischen Partei ist es jedoch viel wichtiger, daß der Unmut über ihre Unterdrückung als Frau oft der Ausgangspunkt für die Radikalisierung entscheidender Schichten von kleinbürgerlichen Frauen sein kann, deren Unterstützung die Arbeiterklasse gewinnen muß.
d) Wenn auch alle Frauen unterdrückt werden, so sind die Auswirkungen dieser Unterdrückung doch unterschiedlich für die Frauen verschiedener Klassen. Jene, die die größte ökonomische Ausbeutung ertragen müssen, leiden auch am meisten unter ihrer Unterdrückung als Frau. Auf diese Weise eröffnet die Frauenbefreiungsbewegung einen Weg, um diejenigen Frauen zu erreichen und zu mobilisieren, die am meisten unterdrückt und ausgebeutet werden und die sonst nicht so schnell durch die Kämpfe der Arbeiterklasse erfaßt werden.
e) Wenn auch alle Frauen von ihrer Unterdrückung betroffen sind, so muß die Frauenbefreiungsbewegung, deren Aufbau wir anstreben, sowohl in der Zusammensetzung als auch Führung im wesentlichen proletarisch sein. Nur solch eine Bewegung wird in der Lage sein, den Kampf zur Befreiung der Frau bis zum Ende kompromißlos auszutragen und sich mit jenen sozialen Kräften zu verbünden, deren Interessen mit jenen der Frauen parallel laufen und sich überschneiden. Nur solch eine Bewegung wird imstande sein, eine fortschrittliche Rolle unter den Bedingungen der sich vertiefenden Klassenpolarisierung zu spielen.
f) Im Rahmen dieser Langzeitperspektive kommt den Kämpfen der Frauen in den Gewerkschaften und am Arbeitsplatz eine besondere Bedeutung zu, da sie gegenseitige Abhängigkeit und beiderseitigen Einfluß von Frauenbewegung und Arbeiterbewegung widerspiegeln.
g) Frauenkämpfe gegen ihre Unterdrückung als Geschlecht hängen zwar eng mit den Kämpfen der Arbeiterschaft als Klasse zusammen, sind aber von ihnen nicht völlig abhängig oder gar identisch. Frauen allein können ihre Befreiung nur im Bündnis mit der Arbeiterklasse erreichen. Aber diese historische Notwendigkeit kann keinesfalls heißen, daß die Frauen irgendeinen ihrer Kämpfe solange zurückstellen, bis die derzeit vorherrschende Arbeiterführung durch eine revolutionäre Führung ersetzt ist, die das Banner der Frauenbewegung aufgreift. Noch sollten die Frauen solange warten, bis die sozialistische Revolution die materielle Basis zur Beendigung ihrer Unterdrückung geschaffen hat. Die Frauen, die für ihre Befreiung kämpfen, sollten im Gegenteil auf niemanden warten, der ihnen den Weg weist. Sie sollten die Führung übernehmen, den Kampf eröffnen und fortsetzen. Wenn sie so verfahren, können sie innerhalb der gesamten Arbeiterbewegung eine Führungsrolle spielen.
h) Sexismus ist eine mächtige Waffe, die die herrschende Klasse anwendet, um die Arbeiterbewegung zu spalten und zu schwächen. Aber er spielt nicht nur einfach Männer gegen Frauen aus. Sein konservatives Gewicht kreuzt die Trennungslinie zwischen den Geschlechtem und trifft sowohl Männer als auch Frauen. Die Erziehung der Arbeitermassen - sowohl Männer als auch Frauen - durch Propaganda, Agitation und Aktion zu einem Verständnis für die Bedürfnisse der Frauen, ist ein wesentlicher Bestandteil des Kampfes zur Durchbrechung des Würgegriffs der reaktionären bürgerlichen Ideologie innerhalb der Arbeiterklasse. Dies ist ein unerläßlicher Bestandteil der Politisierung und revolutionären Erziehung der Arbeiterbewegung.
i) Die vollständige Macht und die vereinte Stärke der Arbeiterklasse können nur dann verwirklicht werden, wenn die Arbeiterbewegung damit beginnt, ihre tiefe Spaltung zu überwinden. Das kann nur dann erreicht werden, wenn die Arbeiter zum Verständnis dessen gelangen, daß ihre Klasseninteressen mit den Forderungen und Bedürfnissen der unterdrücktesten und ausgebeutetsten Schichten der Klasse der Frauen, der unterdrückten Nationalitäten, der ausländischen Arbeiter, der Jugend, der Unorganisierten und Arbeitslosen - identisch sind. Die Frauenbewegung hat dabei eine besonders wichtige Rolle zu spielen, um die Arbeiterklasse zum Verständnis dieser Wahrheit zu erziehen.
j) Die Gewinnung der organisierten Arbeiterbewegung für die Forderungen der Frauen ist Bestandteil der Erziehung der Arbeiterklasse sozial zu denken und politisch zu handeln. Sie ist eine zentrale Achse des Kampfes, die Gewerkschaften in Instrumente des revolutionären Kampfes im Interesse der gesamten Arbeiterklasse umzuwandeln. Sie ist eine der Fronten, an der wir den Kampf gegen die Arbeiterbürokratie ausfechten, die sich auf eine Minderheit der privilegierten Arbeiter stützt und nicht auf die Mehrheit der unterdrücktesten und ausgebeutetsten Schichten.
Der Kampf der revolutionären Partei zur Gewinnung der Hegemonie und Führung in der Arbeiterklasse ist untrennbar mit dem Kampf verbunden, die Arbeiterklasse und ihre Organisationen davon zu überzeugen, die Frauenkämpfe als ihre eigenen anzuerkennen und zu verteidigen.
k) Der Kampf gegen die Frauenunterdrückung ist kein zweitrangiges oder nebensächliches Thema. Es ist eine Angelegenheit, mit der insbesondere in Zeiten verschärfter Klassengegensätze Leben oder Tod der Arbeiterbewegung auf dem Spiel steht.
Wegen der Stellung der Frau in der Klassengesellschaft und dem Einfluß der Ideologie, die ihren untergeordneten Status untermauert, sind Frauen insgesamt ein besonderer Adressat für alle kirchlichen, reaktionären und faschistischen Organisationen. Seien es die Christdemokraten, die Falange oder die Gegner des Rechts auf Abtreibung - immer richtet die Reaktion einen besonderen Aufruf an Frauen, sie zu unterstützen, wobei sie behaupten, sie an ihren besonderen Interessen anzusprechen, ihre ökonomische Abhängigkeit im Kapitalismus ausnutzen und versprechen, sie von den übermäßigen Lasten zu befreien, die Frauen während jeder Periode sozialer Krisen zu tragen haben.
Von der "Kinder-Kirche-Küche"-Propaganda der Nazi-Bewegung bis zur Mobilisierung von Mittelschichtfrauen in Chile durch die Christdemokraten für den "Marsch der leeren Töpfe" hat die Geschichte immer wieder gezeigt, daß die reaktionäre Mystik von Mutterschaft und Familie eine der mächtigsten Waffen der herrschenden Klassen ist.
In Chile wurde wieder einmal auf tragische Weise gezeigt, daß viele kleinbürgerliche und sogar Arbeiterfrauen entweder auf die Seite der Reaktion gezogen werden oder als mögliche Unterstützerinnen des Proletariats neutralisiert werden, wenn die Arbeiterbewegung dabei scheitert, den Kampf für ein Programm und eine revolutionäre Perspektive voranzutreiben, die Antwort auf die Bedürfnisse der Masse der Frauen geben.
Die objektiven Veränderungen in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rolle der Frauen und die neue Frauenradikalisierung sowie die mit ihnen aufgekommenen Bewußtseins- und Einstellungsänderungen machen der Reaktion die Vorherrschaft schwer. Dies ist für die Arbeiterklasse eine neue Quelle des revolutionären Optimismus. Die Massenexplosion des feministischen Bewußtseins in Spanien als eines der herausragendsten Bestandteile der aufsteigenden Klassenkämpfe in der Nach-Franco-Ära zeigt ebenso die Geschwindigkeit an, mit der die ideologische Festung von Kirche und Staat selbst in Teilen der Bevölkerung, in der sie bislang stark war, zu bröckeln beginnt.
l) Wenn auch die siegreiche proletarische Revolution die materiellen Grundlagen für die Vergesellschaftung der Hausarbeit und damit die Basis für die völlige wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen schaffen kann, kann dieser sozialistische Aufbau der Gesellschaft, der die menschlichen Beziehungen auf eine neue Grundlage stellt, nicht unmittelbar oder automatisch erfolgen. Während der Übergangsperiode zum Sozialismus wird der Kampf zur Ausmerzung aller Formen der Unterdrückung, die aus der Zeit der Klassengesellschaft herrühren, fortgesetzt werden. Zum Beispiel muß die gesellschaftliche Arbeitsteilung in weibliche und männliche Aufgaben in allen Tätigkeitsbereichen "abgeschafft werden, vom Alltagsleben angefangen bis hinein in die Fabriken. Es müssen Entscheidungen zur Verteilung der knappen Mittel getroffen werden. Es muß ein Wirtschaftsplan entwickelt werden, der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt und die schnellstmögliche Vergesellschaftung der Hausarbeit sicherstellt. Die weiterhin bestehenden autonomen Frauenorganisationen sind eine Voraussetzung zur demokratischen Herbeiführung richtiger Entscheidungen richtiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entscheidungen. Deshalb wird nach der Revolution die unabhängige Frauenbefreiungsbewegung eine unerläßliche Rolle bei der Sicherstellung der Fähigkeit der gesamten männlichen und weiblichen Arbeiterklasse spielen, diesen Prozeß zu einem erfolgreichen Abschluß weiterzuführen.
Unser System von ineinandergreifenden Aufgaben und Parolen umfasst Teilforderungen, demokratische und Übergangsforderungen. Einige können und werden der herrschenden Klasse im Verlauf des zur sozialistischen Revolution führenden Kampfes abgerungen werden. Solche Siege bringen Ermutigung, wachsendes Vertrauen und Selbstbewußtsein. Andere Forderungen werden teilweise erfüllt werden. Die grundlegendsten werden bis zum Ende auf den Widerstand derer stoßen, die Eigentum und Reichtum kontrollieren. Sie können erst im Verlauf der Machtergreifung und sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft erfüllt werden. Unsere Klassenkampfstrategie für den Kampf gegen die Frauenunterdrückung, unsere Antwort auf die Frage, wie die Masse der Frauen an der Seite der Arbeiterklasse mobilisiert werden kann, hat drei Aspekte: unsere politischen Forderungen, unsere Kampfmethode und unsere Klassenunabhängigkeit.

Unsere Forderungen

Durch die Gesamtheit des von uns aufgestellten Systems von Forderungen, das alle gesellschaftlichen Probleme behandelt - von der Freiheit der Bildung politischer Vereinigungen über Arbeitslosigkeit und Inflation, über Abtreibung und Kinderversorgung bis hin zur Arbeiterkontrolle und Bewaffnung des Proletariats - bemühen wir uns eine Brücke zu bauen von den jetzigen Bedürfnissen und Kämpfen der Arbeitermassen und dem jetzigen Bedürfnisniveau zu dem Endziel der sozialistischen Revolution. Als Teil dieses Übergangsprogramms stellen wir eine Reihe von Forderungen auf, die sich auf die besondere Unterdrückung der Frau beziehen. Unser Programm zeigt die Ziele auf, für die Massen von Frauen zu kämpfen beginnen können, um die Bande ihrer Unterdrückung zu lockern und die Vorrechte der herrschenden Klasse infrage zu stellen. Es beachte alle Aspekte der Unterdrückung der Frau - rechtliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche und geschlechtliche - und gibt darauf Antworten. Wir richten unsere Forderungen an jene, die für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, in denen die Unterdrückung der Frau ihre Wurzeln hat, verantwortlich sind - die herrschende Klasse, ihre Regierung und deren Agenturen. Wir orientieren die Frauenbefreiungsbewegung auf klare politische Ziele. Wir legen unsere Forderungen und Propaganda derart dar, daß aufgezeigt wird, wie eine Gesellschaft das Leben der Frauen in allen Bereichen verändern wird, wenn sie sich nicht länger auf Privateigentum, Ausbeutung und Unterdrückung gründet. Durch den Kampf für diese Forderungen, die Lösungen gegen die besondere Unterdrückung der Frauen anbieten, wie auch für Forderungen gegen die Unterdrückung von Nationalitäten und überhaupt für Interessen der Arbeiterklasse, wird die Masse der Frauen zu einem Verständnis der Begehung zwischen ihrer geschlechtlichen Unterdrückung und der Klassenherrschaft kommen. Unsere Forderungen gegen die besondere Unterdrückung der Frauen konzentrieren sich auf folgende Punkte:

1. Volle gesetzliche, politische und gesellschaftliche Gleichheit für Frauen. Keine Diskriminierung wegen des Geschlechts. Gleiche Rechte für Frauen bei Wahlen, bei der Beteiligung an öffentlichen Aktivitäten. Bei der Bildung von oder beim Eintritt in politische Vereinigungen, gleiches Recht bei der Wahl des Wohnorts, uneingeschränkte Freizügigkeit, freie Wahl jeder Beschäftigung. Schluß mit allen Gesetzen und Regelungen, die besondere Strafen für Frauen vorsehen, Ausdehnung aller von Männern gewonnenen demokratischen Rechte auf die Frauen.

2. Das Recht der Frau, ihre Fortpflanzungsfunktionen selbst zu kontrollieren. Die Frau allein hat das Recht zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft Verhindern oder beenden will. Das bedeutet die Ablehnung all solcher Programme zur Geburtenkontrolle, die Werkzeuge von Rassismus oder Klassenvorurteilen sind und versuchen, die Verantwortung für das Übel der Klassengesellschaft auf die Masse der Arbeiterinnen und Bauern und Bäuerinnen abzuwälzen.
a) Schluß mit allen gesetzlichen Beschränkungen der Abtreibung und Empfängnisverhütung auch für Minderjährige, ausländische Arbeiterinnen und andere Ausländerinnen.
b) Kostenlose Abtreibung auf Wunsch; keine Zwangssterilisation oder irgendwelche anderen administrativen Eingriffe in das Recht der Frauen, selbst zu entscheiden, ob sie Kinder gebären wollen oder nicht. Recht auf Wahl, welche der Abtreibungs- oder Verhütungsmethoden eine Frau vorziehen will.
c) Freie, überall zugängliche Information über Einrichtungen zur Geburtenkontrolle. Geburtenkontroll- und Sexualaufklärungs-Zentren in Schulen, Wohnvierteln, Krankenhäusern und Betrieben auf Staatskosten.
d) Vorrang in der medizinischen Entwicklung völlig sicherer, 100-prozentig wirksamer Verhütungsmittel für Männer und Frauen; Schluß mit all den medizinischen und pharmakologischen Versuchen an Frauen ohne deren volle Information und deren Einverständnis; Verstaatlichung der pharmazeutischen Industrie.

3. Schluß mit der Heuchelei, der Erniedrigung und dem Zwang bürgerlicher und feudaler Familiengesetze.
a) Trennung von Staat und Kirche. Heirat als freiwilliger zivilrechtlicher Registrierungsvorgang. Schluß mit allen erzwungenen Ehen und dem Kauf und Verkauf von Ehefrauen. Abschaffung aller Gesetze gegen Ehebruch. Schluß mit allen Gesetzen, die körperliche Mißhandlungen oder sogar Mord an Ehefrauen, Schwestern und Töchtern aus Gründen sogenannter "Verbrechen gegen die männliche Ehre" sanktionieren.
b) Das Recht auf automatische Scheidung nach Verlangen durch einen der beiden Partner. Staatliche Sicherstellung des wirtschaftlichen Wohlergehens und der beruflichen Bildung der geschiedenen Frau.
c) Abschaffung des Begriffs der "Unehelichkeit". Schluß mit allen Diskriminierungen unverheirateter Mütter und deren Kindern. Schluß mit den Haftanstalts-Bedingungen, die in besonderen Zentren für unverheiratete Mütter und alleinstehende Frauen herrschen.
d) Es muß die Verantwortung der Gesellschaft und nicht der einzelnen Eltern sein, die Kinder aufzuziehen und ihre soziale Sicherung sowie ihre Erziehung zu tragen. Abschaffung aller Gesetze, die den Eltern Eigentumsrechte an und totale Kontrolle über ihre Kinder geben. Strenge Gesetze gegen Kindermißhandlung.
e) Schluß mit allen Gesetzen gegen Prostituierte. Schluß mit allen Gesetzen, die eine doppelte Sexualmoral für Männer und Frauen bestärken. Schluß mit allen Gesetzen und Vorschriften zur Bestrafung Jugendlicher wegen sexueller Betätigung.
f) Abschaffung aller homosexuellenfeindlichen Gesetze. Schluß mit allen Diskriminierungen gegen Homosexuelle bei Arbeitseinstellung, Wohnungssuche und Obhut über Kinder. Schluß mit den beleidigenden Vorurteilen gegen Homosexuelle in Lehrbüchern und Massenmedien oder mit der Darstellung von homosexuellen Beziehungen als pervers oder gegen die Natur gerichteter Beziehungen.
g) Gewalt gegen Frauen - oft durch reaktionäre Familiengesetze abgedeckt - ist eine tägliche Realität, die alle Frauen in dieser oder jener Form zu spüren bekommen. Wenn es nicht gerade das Extrem von Vergewaltigung und Schlägen ist, so sind Frauen doch ständig auf der Straße oder am Arbeitsplatz allgegenwärtigen obszönen Kommentaren und Gesten ausgeliefert, hinter denen sich sexuelle Beleidigungen und Drohungen verbergen.
Wir fordern die Beseitigung aller Gesetze, die die Behauptung aufstellen, daß die Frauen, die Opfer von Vergewaltigung werden, selbst die Schuld daran trügen. Wir fordern die Einrichtung von Zentren - unabhängig von der Polizei und Gerichten - die dazu bestimmt sind, geschlagene Ehefrauen, Opfer von Vergewaltigungen und andere weibliche Opfer sexueller Gewalt aufzunehmen, sie zu beraten und ihnen zu helfen; Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrssystems, der Straßenbeleuchtung und anderer öffentlicher öffentlicher Dienstleistungen, um es für Frauen sicherer zu machen, sich allein hinauszuwagen.
Gewalt gegen Frauen ist ein bösartiges Produkt der allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen der Klassengesellschaft. Sie nimmt während der Perioden wirtschaftlicher Krisen unvermeidlich zu. Aber unser Bestreben liegt darin, Frauen und Männer darin zu erziehen, daß sexuelle Gewalt nicht ohne die Veränderung der Grundlagen ausgemerzt werden kann, aus denen sich die wirtschaftliche, soziale und sexuelle Degradierung der Frauen ergibt. Wir stellen daher solche Gesetze gegen Vergewaltigung infrage, die dazu verwendet werden, in einer rassistischen Weise Männer unterdrückter Nationalitäten zu verfolgen. Wir sind gegen die Forderungen, die von einigen Feministinnen erhoben wurden, den Repressionsapparat des Staates zu verstärken, dessen Polizisten bekanntlich schon immer Frauen unmenschlich behandeln.

4. Völlige wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen. a) Beseitigung aller Gesetze, die gegen das Recht der Frauen verstoßen, ihren eigenen Lohn zu beziehen und über ihn sowie über ihr Eigentum zu verfügen. b) Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Für ein nationales Mindesteinkommen, dem ein Gewerkschaftstarif zugrunde liegt. c) Keine Diskriminierung der Frau in irgendeinem Gewerbe, Beruf, Arbeitsgebiet, bei der Berufsausbildung oder in Schulprogrammen.
d) Gesicherte Arbeitsplätze mit Tariflöhnen für alle Frauen, die arbeiten wollen, verbunden mit einer gleitenden Lohn- und Arbeitszeitskala, um Männer und Frauen gegen Inflation und Arbeitslosigkeit zu schützen.
e) Bevorzugte Einstellung, Ausbildung und Beförderung sowie bevorzugter Kündigungsschutz für Frauen und andere überausgebeutete Schichten der Arbeiterschaft, um die Auswirkungen von Jahrzehnten systematischer Diskriminierung wettzumachen.
f) Mutterschaftsurlaub bei vollem Lohnausgleich ohne Verlust des Arbeitsplatzes oder des Kündigungsschutzes gemäß der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Schaffung der Möglichkeit, daß der Vater statt der Mutter den bezahlten Urlaub nehmen kann, um einen neugeborenen Säugling zu pflegen, wenn das gewünscht wird.
g) Freistellung von der Arbeit bei vollem Lohnausgleich bei Krankheit eines Kindes sowohl für Frauen als auch für Männer.
h) Ausdehnung der Arbeitsschutzbestimmungen für Frauen (die Frauen besondere Arbeitsbedingungen verschaffen) auf Männer, um bessere Arbeitsbedingungen sowohl für Männer als auch für Frauen zu schaffen und um eine Ausnutzung der Schutzbestimmungen für eine Diskriminierung der Frauen zu verhindern.
i) Gleiches Rentenalter für Männer und Frauen, wobei es jedem freistehen soll, ob er oder sie aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden will oder nicht.
k) Arbeitslosengeld in voller Lohnhöhe für alle Männer und Frauen einschließlich der Jugendlichen, die keine Anstellung finden, ohne Berücksichtigung des Familienstandes. Das Arbeitslosengeld muß durch automatische Anpassung gegen Inflation geschützt sein.

5. Gleiche Ausbildungschancen. a) Freier, offener Zugang aller Frauen zu allen Bildungseinrichtungen und Studienprogrammen, einschließlich betrieblicher Ausbildungsprogramme. Besondere bevorzugte Zulassungsprogramme, um Frauen dazu zu ermuntern, in traditionell männlich beherrschte Berufsfelder einzusteigen, um die Fertigkeiten und die Berufe zu erlernen, von denen sie bislang ausgeschlossen waren. b) Schluß mit allem Druck auf Frauen, sich auf sogenannte "Frauenberufe" vorzubereiten, wie Hausfrau, Sekretärin, Krankenschwester oder Lehrerin. c) Spezielle Ausbildungs- und Wiederholungskurse, um Frauen dabei zu helfen, wieder auf den Arbeitsmarkt zurückzukehren.
d) Schluß mit Darstellungen in Lehrbüchern und in den Massenmedien, die Frauen als Sexualobjekte, als dumme, schwache und emotional bestimmte Geschöpfe zeigen. Besondere Kurse, um die wahre Geschichte des Kampfes der Frauen gegen ihre Unterdrückung zu lehren. Leibeserziehung, um Frauen zu lehren, ihre Körperkräfte zu entwickeln und stolz auf ihre körperlichen Fähigkeiten zu sein.
e) Kein Ausschluß von schwangeren Schülerinnen oder unverheirateten Müttern, kein Abschieben in besondere Einrichtungen.

6. Reorganisation der Gesellschaft zur Abschaffung der häuslichen Sklaverei der Frauen. a) Kostenlose, staatlich finanzierte Kinderkrippen und Kindertagesstätten rund um die Uhr und Schulen, die leicht erreichbar sind und allen Kindern von der Wiege bis zum Alter des Heranwachsenden ungeachtet des Einkommens der Eltern oder des Familienstandes offenstehen. Geschultes männliches und weibliches Personal; Beseitigung aller sexistischen Erziehungspraktiken; Entscheidung über die Politik der Kindererziehung durch jene, die diese Einrichtungen benutzen. b) Kostenlose medizinische Versorgung für alle und besondere Einrichtungen für kranke Kinder. c) Systematische Entwicklung von preiswerten sozialen Einrichtungen bester Qualität, wie z.B. Kantinen, Restaurants und Schnellküchen, die für alle erreichbar sind. Gemeinschaftswaschküchen und auf industrieller Grundlage organisierte Haushaltsreinigung.
d) Ein staatlich finanziertes Dringlichkeitsprogramm, um großzügige und gesunde Wohnverhältnisse zu schaffen; keine Miete höher als 10% des Einkommens; keine Diskriminierung von ledigen Frauen oder Frauen mit Kindern.
Wir stellen diese Forderungen der ultralinken Propaganda und Agitation entgegen, die auf die "Abschaffung" der Familie ausgerichtet sind. Die Familie als ökonomische Einheit kann nicht per Beschluß ersetzt werden. Es ist das Ziel der sozialistischen Revolution, wirtschaftliche und gesellschaftliche Alternativen zu schaffen, die der gegenwärtigen Institution Familie überlegen und besser imstande sind, die gegenwärtig - wie schlecht auch immer - von der Familie erfüllten Bedürfnisse zu befriedigen. Damit werden persönliche Beziehungen eine Angelegenheit der freien Entscheidung und nicht des ökonomischen Zwangs sein.
Diese Forderungen zeigen die Ziele auf, für die die Frauen kämpfen werden, um sich zu befreien. Sie zeigen, wie dieser Kampf mit den Forderungen anderer unterdrückter Teile der Gesellschaft und den Bedürfnissen der gesamten Arbeiterklasse verbunden ist. Beim Kampf entlang dieser Linien wird die Arbeiterklasse dazu erzogen, zu verstehen, was Sexismus ist, und ihn in all seinen Formen und Ausdrucksmöglichkeiten zu bekämpfen.
Die Frauenbefreiungsbewegung bringt viele Forderungen hervor. Die Entwicklung der Bewegung hat bereits gezeigt, daß nicht alle zur gleichen Zeit und im gleichen Maße in den Vordergrund treten werden. Welche Forderungen zu einer bestimmten Zeit und im Verlauf eines bestimmten Kampfes aufzustellen sind, welches die beste Art und Weise ist, spezifische Forderungen so zu formulieren, daß sie den Massen verständlich sind und sie zur Aktion mobilisieren können, wann neue Forderungen vorzubringen sind, um den Kampf weiterzutreiben - die Antworten für diese taktischen Fragen zu finden, ist Aufgabe der revolutionäre Partei, ist eben gerade die Kunst der Politik.

Unsere Kampfmethoden

1. Wir wenden die proletarischen Methoden der Massenmobilisierung und Massenaktion an, um diese Forderungen durchzusetzen. Alle unsere Handlungen zielen darauf ab, die Massen selber in Bewegung zu setzen und in den Kampf zu führen, wie auch immer ihr gegenwärtiger Bewußtseinsstand sein mag. Die Massen lernen nicht einfach dadurch, daß man ihnen Ideen vorsetzt oder exemplarische Aktionen anderer vorführt. Nur durch ihre eigene direkte Teilnahme wird sich ihr Bewußtsein entwickeln, sich heben und verändern. Nur durch ihre eigene Erfahrung werden Millionen von Frauen zu Verbündeten für den revolutionären Kampf gewonnen werden und zu einem Verständnis der Notwendigkeit gelangen, sich des auf Ausbeutung gründenden Wirtschaftssystem zu entledigen. Es ist unser Ziel, die Massen zu lehren, auf ihre eigene vereinte Kraft zu bauen und sich ihrer zu bedienen. Wir setzen die außerparlamentarische Massenaktion - Demonstrationen, Kundgebungen, Streiks, Betriebsbesetzungen - gegen das Vertrauen in Wahlen oder die Beeinflussung von Parlamentariern, Parlamenten und Gesetzgebern und wenden uns gegen die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Politiker, die das predigen. Unsere klassenkämpferischen Methoden zielen darauf ab, die Initiative der großen Mehrheit der Frauen zu wecken, sie zusammenzubringen, ihre häusliche Isolation, ihren Mangel an Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, ihre Zweifel an der eigenen Intelligenz, Unabhängigkeit und Stärke zu überwinden. Mit ihnen wollen wir gemeinsam kämpfen und aufzeigen, daß die Klassenausbeutung die Wurzel der Unterdrückung der Frauen ist und deren Beseitigung der einzige Weg zur Emanzipation darstellt. Wir versuchen die Arbeiterbewegung dafür zu gewinnen, den Kampf gegen jeden Aspekt der Frauenunterdrückung aufzunehmen. In allen Kämpfen liegt unser Bestreben darin, die Frauen zu dem Verständnis zu erziehen, daß die Klassenungleichheit der Grund für die verschärfte. Unterdrückung der ausgebeutsten Schichten ist. Wir versuchen die Bewegung dahingehend zu führen, daß sie sich vor allem der Mobilisierung von Arbeiterfrauen und Frauen von nationalen Minderheiten zuwendet. Durch das von uns vorgebrachte System von Forderungen und durch die von uns vorangetriebene Propaganda streben wir danach, das Klassenbewußtsein zu vertiefen und den Kampf in eine antikapitalistische Richtung zu bewegen. Wir stellen den gesellschaftlichen Zusammenhang der Forderungen in den Vordergrund, entlarven die Logik des Profits und die Bedingungen der Klassengesellschaft, die die Fähigkeit der herrschenden Klasse einschränkt, selbst jene Zugeständnisse wirksam werden zu lassen, die ihr durch den Kampf abgerungen wurden.

2. Die Unterdrückung der Frauen als Geschlecht stellt die objektive Grundlage für die Mobilisierung der Frauen durch ihre eigenen Organisationen dar. Aus diesem Grunde unterstützt die Vierte Internationale die Frauenbefreiungsbewegung und wird bei ihrem Aufbau mithelfen. Wenn von der Frauenbewegung die Rede ist, so meinen wir damit all die Frauen, die sich auf verschiedensten Ebenen zum Kampf gegen die Unterdrückung organisieren, die ihnen diese Gesellschaft aufzwingt: Frauenbefreiungsgruppen, Selbsterfahrungsgruppen, Nachbarschaftsgruppen, Studentinnengruppen, Betriebsgruppen, Gewerkschaftsausschüsse, Aktionsbündnisse, Organisationen von Frauen unterdrückter Nationalitäten, lesbische Feministinnengruppen, Aktionsbündnisse zu bestimmten Forderungen. Die Frauenbewegung zeichnet sich durch ihre Heterogenität aus, sie durchdringt alle Schichten der Gesellschaft und ist nicht an eine bestimmte politische Organisation gebunden, selbst wenn verschiedene Strömungen in ihr aktiv sind. Darüber hinaus sind einige Gruppen und Aktionsbündnisse, wie zum Beispiel die National Organization for Women (Nationale Frauenorganisation) in den Vereinigten Staaten ebenso für Männer offen. Einige begannen als Frauenorganisationen und erweiterten dann ihre Mitgliedschaft auch auf Männer, wie die National Abortion Campaign (Nationale Abtreibungskampagne) in Britannien. Andere, wie die Bewegung für die Freiheit von Abtreibung und Verhütung (MLAC) in Frankreich entwickelten sich in die andere Richtung. Aber all dies sind Teilaspekte der turbulenten und immer noch im Großen und Ganzen unstrukturierten Wirklichkeit, die sich unabhängige oder autonome Frauenbewegung nennt.
Mit der Unabhängikeit oder Autonomie meinen wir nicht die Unabhängigkeit von den Bedürfnissen der Arbeiterklasse. Wir befürworten, daß die Bewegung von Frauen organisiert und geführt wird; daß sie den Kampf für die Rechte und Bedürfnisse der Frauen als ihre erste Priorität erachtet und sich dabei weigert, diesen Kampf irgendwelchen anderen Interessen unterzuordnen, daß sie sich nicht den Entscheidungen oder politischen Bedürfnissen irgendeiner politischen Strömung oder irgendeiner anderen sozialen Gruppe unterordnet, daß sie bereit ist, den Kampf mit allen Mitteln und mit allen Kräften durchzufechten, die sich als notwendig erweisen.
Es ist klar, daß nicht jede Gruppe innerhalb der Bewegung diesen Kriterien voll oder gleichwertig entspricht, aber dies sind die Kennzeichen der unabhängigen Frauenbefreiungsbewegung, die wir aufzubauen versuchen.

3. Die vorherrschende organisatorische Form der Frauenbefreiungsbewegung ist die Gruppe ausschließlich für Frauen. Diese Gruppen entstanden auf nahezu allen Ebenen, von der Schule über die Kirchen bis zu den Fabriken und Gewerkschaften. Dies drückt die Entschlossenheit der Frauen aus, die Führung ihrer eigenen Organisationen zu übernehmen, in denen sie sich schulen, sich entwickeln und führen können, ohne befürchten zu müssen, von einem Mann heruntergemacht oder bevormundet zu werden oder mit ihnen von Anfang an zu konkurrieren. Wir unterstützen Frauenbefreiungsgruppen, die auf der Grundlage reiner Frauengruppen organisiert sind und tragen zu deren Aufbau bei. Jenen "Marxisten", die behaupten, daß solche reine Frauengruppen und Versammlungen die Arbeiterklasse entlang der Geschlechtertrennung spalten, sagen wir, daß nicht diejenigen für Spaltungen verantwortlich sind, die gegen ihre Unterdrückung kämpfen. Der Kapitalismus spaltet die Arbeiterklasse - nach Rasse, Geschlecht, Alter, Nationalität, Ausbildungsniveau und mit allen möglichen anderen Mitteln. Unsere Aufgabe ist es, die Kämpfe der am meisten ausgebeuteten und unterdrückten Schichten, die den Kampf für den Sozialismus führen werden, zu unterstützen und zu organisieren. Diejenigen, die am meisten unter dem Alten leiden, werden auch am energischsten für das Neue kämpfen. Bevor Frauen andere fuhren können, müssen sie ihre eigenen Gefühle der Unterlegenheit und Selbsterniedrigung überwinden. Sie müssen lernen, sich selbst zu führen. Frauengruppen, die bewußt und ausdrücklich Männer ausschließen, helfen vielen Frauen, die ersten Schritte zur Abschüttelung ihrer eigenen Sklavenmentalität zu machen, Selbstvertrauen, Stolz und Mut zum eigenständigen politischen Handeln zu gewinnen. Die kleinen "Selbsterfahrungsgruppen", die überall als eine der am weitesten verbreiteten Formen der neuen Radikalisierung entstanden sind, helfen vielen Frauen bei der Erkenntnis, daß ihre Probleme nicht aus persönlichen Unzulänglichkeiten herrühren, sondern gesellschaftlicher Natur sind und von anderen Frauen geteilt werden. Für viele Frauen schaffen sie die Voraussetzungen, daß sie aus ihrer Isolierung ausbrechen, Vertrauen gewinnen und zur Aktion übergehen. Bleiben sie jedoch gleichzeitig in sich gekehrte beschränkte Diskussionskreise und werden sie zum Ersatz dafür, sich mit anderen zur Tat zusammenzuschließen, können sie sich in der weiteren politischen Entwicklung, die die Frauen betrifft, zum Hindernis entwickeln.
Der Wunsch der Frauen, sich in reinen Frauenorganisationen zu organisieren, ist der von vielen stalinistischen Massenparteien verfolgten Praxis entgegengesetzt, getrennte Jungen- und Mädchenorganisationen zu bilden, um damit die Unterdrückung sexueller Aktivitäten und das von Vorurteilen gegenüber den Geschlechtern geprägte Verhalten zu verstärken, d.h. aber die Unterordnung der Frauen zu verstärken. Die unabhängigen reinen Frauenorganisationen, die jetzt neu aufgekommen sind, sind zum Teil Ausdruck des Mißtrauens vieler sich radikalisierenden Frauen gegenüber den reformistischen Massenorganisationen der Arbeiterklasse, die so elend gegenüber dem Kampf für ihre Interessen versagt haben.
Unsere Unterstützung und Arbeit für den Aufbau der unabhängigen Frauenbefreiungsbewegung unterscheidet die Vierte Internationale heute von vielen sektiererischen Gruppen, die von sich behaupten, fest auf dem Boden der marxistischen Orthodoxie zu stehen, und die diese Orthodoxie mit ihrer jeweiligen Auslegung der Resolutionen der ersten vier Kongresse der Dritten Internationale gleichsetzen. Solche Gruppen weisen den Aufbau jeglicher Frauenorganisationen zurück mit Ausnahme derer, die direkt mit ihnen verbunden sind und unter der politischen Kontrolle ihrer Partei stehen.

4. Es gibt keinen Widerspruch zwischen der Unterstützung und dem Aufbau von reinen Frauenorganisationen und dem gleichzeitigen Aufbau einer revolutionär-marxistischen Partei von Frauen und Männern. Der Kampf für den Sozialismus erfordert sowohl eine feministische Massenbewegung als auch eine revolutionär-marxistische Massenpartei. Beide erfüllen verschiedene Funktionen. Die erstere mobilisiert Frauen zum Kampf für ihre Bedürfnisse und durch ihre eigenen unabhängigen Organisationsformen. Die letztere stellt durch Programm und Praxis die Führung für die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten, einschließlich der Frauen, und orientiert kompromißlos alle Teilaspekte des Klassenkampfes auf eine kombinierte Anstrengung für den Sturz des Kapitalismus. Es gibt keine objektive Grundlage für eine getrennte revolutionär-marxistische Frauenorganisation. Solange Frauen und Männer nicht die Rechte und Pflichten der Mitgliedschaft und der Führung in einer Partei teilen, die ein politisches Programm und Aktionen im Interesse aller Unterdrückten und Ausgebeuteten entwirft, kann die Partei niemals die Arbeiterklasse zur Erfüllung ihrer historischen Aufgaben führen. Wir bestehen darauf, daß es keine ausschließlichen "Frauenthemen" gibt. Jede Frage, die die weibliche Hälfte der Menschheit betrifft, ist gleichermaßen ein weitreichendes soziales Problem von lebenswichtigem Interesse für die gesamte Arbeiterklasse. Auch wenn wir Forderungen aufstellen, die die besondere Unterdrückung der Frauen betreffen, so haben wir dennoch kein getrenntes Programm für die Frauenbefreiung. Unsere Forderungen sind integraler Bestandteil unseres Übergangsprogramms für die sozialistische Revolution.

5. Das Programm der revolutionären Partei faßt die Lehren aus den Kämpfen gegen jede Form der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausbeutung und Unterdrückung zusammen. Die Partei drückt das historische Interesse des Proletariats in ihrem Programm und ihrer Praxis aus. So lernt sie nicht nur durch die Teilnahme ihrer Mitglieder an der Frauenbefreiungsbewegung hinzu. Sie hat ebenso eine unerläßliche Rolle zu erfüllen. Durch unsere Arbeit zum Aufbau der Frauenbefreiungsbewegung vertiefen wir innerhalb der Parteiführung das Verständnis für die Unterdrückung der Frau und den Kampf dagegen. Und ebenso streben wir da nach, noch größere Kräfte für eine wirksame Strategie zur Befreiung der Frauen d.h. für eine Perspektive des Klassenkampfes zu gewinnen. Wir setzen nicht das Einverständnis mit unserem Programm beim Aufbau der unabhängigen Frauenbewegung voraus. Im Gegensatz dazu kann eine Bewegung auf breiter Basis, innerhalb derer persönliche Erfahrungen und politische Perspektiven im Rahmen einer demokratischen Auseinandersetzung und Diskussion miteinander möglichst ungehindert konkurrieren können, das politische Vertrauen und die Schlagkraft der Bewegung nur stärken. Sie vergrößert damit die Möglichkeit zur Entwicklung einer richtigen Perspektive. Wir streben jedoch nicht nach einer organischen Einheit aller Bestandteile der Frauenbewegung um jeden Preis. Wir kämpfen für die breitest mögliche Einheit in der Aktion auf der Basis der Forderungen und Aktivitäten, die die objektiven Bedürfnisse der Frauen unverfälscht zum Ausdruck bringen. Ein solches Programm liegt auch im Interesse der Arbeiterklasse; Wir versuchen, mit jenen, die unsere Klassenkampfperspektiven teilen, einen möglichst stärksten Flügel innerhalb der Frauenbefreiungsbewegung aufzubauen. Wir sind bestrebt, die Bewußtesten und Kämpferischsten in die revolutionäre Partei aufzunehmen.
Unser Ziel ist es, die Führung der Frauenbefreiungsbewegung dadurch zu gewinne, daß wir den Frauen in der Praxis zeigen, daß unser Programm und unsere Perspektiven zur Befreiung führen können. Dies ist keine sektiererische Haltung. Auch ist sie kein Anzeichen für einen Versuch zur Manipulation, zur Herrschaft oder Kontrolle über die Massenbewegung. Sie gibt im Gegenteil dazu unsere Überzeugung wieder, daß der Kampf gegen die Frauenunterdrückung nur dann gewonnen werden kann, wenn sich die feministische Bewegung in eine antikapitalistische Richtung entwickelt. Solch eine Entwicklung stellt sich nicht von selbst ein. Sie hängt ab von den vorgebrachten Forderungen, von den Klassenkräften, auf die sich die feministische Bewegung zubewegt und den Aktionsformen, die sie annimmt. Nur das bewußte Eingreifen der revolutionären Partei und ihre Fähigkeit, das Vertrauen und die Führung der für ihre Befreiung kämpfenden Frauen zu gewinnen, bietet eine Garantie, daß der Kampf der Frauen schließlich siegreich sein wird.

6. Die Formen, in denen wir arbeiten, könne sich ziemlich voneinander unterscheiden und hängen von den konkreten Bedingungen ab, in denen sich unsere Organisationen befinden. Es müssen dabei Faktoren in Betracht gezogen werden, die die Stärke unserer eigenen Kräfte einschließen; die Größe, Beschaffenheit und der politische Stand der Kräfte der Frauenbefreiung; die Stärke der liberalen, sozialdemokratischen, stalinistischen und zentristischen Kräfte, gegen die wir ankämpfen müssen; und der allgemeine politische Zusammenhang, in dem wir arbeiten. Ob wir Frauenbefreiungsgruppen auf einem breiten sozialistischen Programm organisieren, innerhalb existierender Organisationen der Frauenbefreiungsbewegung arbeiten, Aktionsbündnisse zu besonderen Themen aufbauen, innerhalb von Gewerkschaftsausschüssen arbeiten, mehrere dieser Aktivitäten miteinander verbinden oder innerhalb völlig anderer Formen arbeiten sollten, sind taktische Fragen. Unsere Taktik ist durch unser strategisches Ziel, festgelegt, Kräfte zu erziehen und in die Aktion zu führen, die weitaus größer sind als wir selbst, um den klassenkämpferischen Flügel der Frauenbefreiungsbewegung zu stärken und den besten Kader in die revolutionäre Partei aufzunehmen. Egal, welche organisatorische Form wir annehmen werden, die grundlegende Frage, über die es zu entscheiden gilt, bleibt dieselbe: Welche besonderen Themen und Forderungen sollten unter den gegebenen Umständen aufgegriffen werden, um Frauen und deren Verbündete am wirksamsten für den Kampf zu mobilisieren?

7. Es gibt keinen Widerspruch, wenn wir auf der einen Seite den Aufbau von reinen Frauenorganisationen, die für die Befreiung der Frauen kämpfen oder spezifische Forderungen, die sich auf die Unterdrückung der Frauen beziehen, unterstützen und auf der anderen Seite gleichzeitig den Aufbau von breiten Aktionseinheiten propagieren, die sowohl Frauen als auch Männer zum Kampf um dieselben Forderungen vereinen. Kampagnen für das Recht auf Abtreibung haben ein gutes Beispiel dafür geliefert. Frauen werden das Rückgrad solcher Kampagnen bilden, aber da der Kampf im Interesse der gesamten Arbeiterklasse liegt, ist es unser Ziel, die Unterstützung von allen Organisationen der Arbeiterklasse und der Unterdrückten für diese Bewegung zu gewinnen.

8. Unsere Perspektive, die darin besteht, die Masse der Frauen zu mobilisieren, kann in der gegenwärtigen Periode am besten durch gemeinsame Kampagnen erreicht werden, die die breitest mögliche Unterstützung zu bestimmten konkreten Forderungen herbeiführen. Dies gilt umso mehr, wenn man die relative Schwäche der Sektionen der Vierten Internationale und die relative Stärke der Liberalen und unserer reformistischen, klassenkollaborationistischen Gegner berücksichtigt. Für viele Frauen und Männer war die Teilnahme bei den durch solche Kampagnen organisierten Aktionen der erste Schritt hin zur Unterstützung der politischen Ziele der Frauenbefreiungsbewegung gewesen. Die gemeinsamen Kampagnen gegen das Verbot der Abtreibung in Frankreich, den Vereinigten Staaten und Britannien bieten ein gutes Beispiel dieser Art von Aktion.
Durch solche Einheitsfrontaktionen können wir die größtmögliche Kraft gegen die bürgerliche Regierung entfalten und den Arbeiter/innen ihre eigene Macht erfahrbar machen. Soweit die liberalen "Freunde" der Frauen, die Stalinisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsbürokraten, die Unterstützung einer solchen gemeinsamen Kampagne für die Bedürfnisse der Frauen verweigern, werden sie sich isolieren und sich durch ihre Untätigkeit und Gegnerschaft oder ihre Bereitschaft, die Bedürfnisse der Frauen bei ihrer Suche nach Verbündeten in den angeblich "fortschrittlichen" Teilen der herrschenden Klasse selbst bloßstellen. Und wenn der Druck der Massen sie tatsächlich zur Unterstützung solcher Aktionen zwingt, kann das nur die Anziehungskraft dieser Kampagnen für die Massen verbreitern und die Widersprüche innerhalb der reformistischen Kräfte verschärfen.

9. Solche Einheitsfrontaktionen sind von besonderer Bedeutung für die Verstärkung der gegenseitigen Beeinflussung von unabhängiger Frauenbewegung und Arbeiterbewegung, da sie den größten Druck auf Arbeiterbürokraten ausüben, der diese zum Reagieren zwingt.
Da unsere Orientierung im Aufbau einer Frauenbewegung besteht, die in Bezug auf Zusammensetzung und Führung im wesentlichen aus Arbeiterfrauen besteht, und da es wechselseitige Beziehungen zwischen dem Kampf für die Frauenbefreiung und der Umwandlung der Gewerkschaften in Instrumente zur wirksamen Verteidigung der Interessen der gesamten Arbeiterklasse gibt, legen wir besondere Bedeutung auf die Kämpfe der Frauen in den Gewerkschaften und am Arbeitsplatz.
Hier sind die Frauen wie auch anderswo in der kapitalistischen Gesellschaft der männlichen Vorherrschaft und der Diskriminierung als das schwächere Geschlecht ausgeliefert, das sich außerhalb seines "natürlichen Platzes" bewegt. Aber die wachsende Anzahl von Frauen unter der Arbeiterschaft und die durch die Verbreitung des feministischen Bewußtseins bedingten Veränderungen, haben bereits die Verhaltensweisen der arbeitenden Frauen verändert und ihre Neigung verstärkt, sich zu organisieren, Gewerkschaften beizutreten und für ihre Rechte zu kämpfen.
Arbeiterinnen sind in viele Kämpfe für allgemeine Forderungen einbezogen, die sich auf ökonomische Bedürfnisse und Arbeitsplatzbedingungen aller Arbeiter/innen beziehen. Sie stellen auch oft die besonderen Bedürfnisse der Arbeiterinnen in den Vordergrund, wie gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Mutterschaftsausgleich, Einrichtungen für die Kinderversorgung, bevorzugte Einstellung und Förderung von Frauen. Beide nehmen im Kampf für die Frauenbefreiung eine ebenso zentrale Stellung ein wie für die Arbeiterklasse im allgemeinen. Solchen Kämpfen und Forderungen der Arbeiterinnen wird ein größeres Gewicht zukommen, wenn sich der Klassenkampf unter dem Druck der Wirtschaftskrise weiter verschärft.
Viele Frauen, die sich solchen Kämpfen anschließen, sind noch keine Feministinnen. Sie bestehen im Gegenteil oft heftig darauf, keine Feministinnen zu sein. Sie denken einfach, daß sie einen Anspruch darauf haben, die gleiche Bezahlung wie die Männer zu erhalten oder sie sind davon überzeugt, ein Recht darauf zu haben, in einigen traditionellen "männlichen" Berufen beschäftigt zu werden. Arbeiterinnen, die in Kämpfe am Arbeitsplatz einbezogen werden, werden dort mit denselben Fragen und Bedingungen konfrontiert, die zum Aufstieg der unabhängigen Frauenbewegung geführt haben. Da sie damit beginnen, eine aktive Rolle zu spielen, Führungsverantwortung zu übernehmen, sich selbst und anderen ihre Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen, Vertrauen zu gewinnen und eine unabhängige Rolle zu spielen, entwickeln sie ein größeres Verständnis dessen, wofür die Frauenbefreiungsbewegung kämpft. Die korrekte Darstellung von klaren, konkreten Forderungen und Zielen durch die feministische Bewegung ist unerläßlich zur Erreichung und Einbeziehung von Millionen von Arbeiterinnen, deren bewußte politische Entwicklung damit beginnt, wenn sie versuchen, sich ihren Problemen als Frauen gegenüber zu stellen, die außerdem noch am Arbeitsplatz ihr tägliches Brot verdienen müssen.

10. Das zunehmende Gewicht und die wachsende Rolle der Frauen in der Arbeiterbewegung hat einen wichtigen Einfluß auf das Bewußtsein vieler Arbeiter, die anfangen, die Frauen in den Kämpfen mehr als gleichberechtigte Partnerinnen zu betrachten und weniger als schwache Geschöpfe, die verhätschelt und geschützt werden müssen. In diesem Zusammenhang haben die Forderungen nach einer bevorzugten Einstellung, Schulung und Arbeitsförderung für Frauen in den traditionell männlich beherrschten Bereichen der Wirtschaft eine besondere Bedeutung: a) Sie stellen die Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse entlang der Geschlechtertrennung infrage, eine Spaltung, die von den Bossen betrieben und aufrechterhalten wird, um die Arbeiterklasse zu schwächen und die Löhne und Arbeitsbedingungen der gesamten Klasse niedrig zu halten. b) Sie helfen, sowohl den Arbeitern als auch den Arbeiterinnen die materiellen Auswirkungen der Diskriminierung gegen Frauen richtig zu würdigen und zeigen die Notwendigkeit bewußter Maßnahmen auf, um die Auswirkungen von Jahrhunderte langer erzwungener Unterordnung zu überwinden.
c) Wenn die Frauen damit beginnen, die traditionelle Arbeitsteilung entlang der Geschlechtertrennung niederzureißen und ihr gleiches Recht auf Arbeit und ihre Fähigkeit "männliche" Berufe genauso auszuführen wie Männer, werden sexistischen Verhaltensweisen und Vorurteilen innerhalb der Arbeiterklasse der Boden entzogen und die gesellschaftliche Arbeitsteilung in allen Bereichen infrage gestellt.
Kämpfe, die den Frauen die Tore öffnen, um in Bereiche der Erziehung, in Berufe und Führungspositionen einzudringen, die vorher von Männern beherrscht waren, werfen in der deutlichst möglichen Weise die Aufhebung des untergeordneten sozialen Status der Frauen auf. Zusammen mit Forderungen, die auf die Vergesellschaftung der Hausfrauenarbeit ausgerichtet sind, wie z.B. die Ausweitung und Verbesserung der Kindergärten, hinterlassen sie einen machtvollen Eindruck innerhalb der Arbeiterklasse.

11. Solche Forderungen haben auch eine besondere Bedeutung als Teil des Kampfes zur Umwandlung der Gewerkschaften in revolutionären Instrumente des Klassenkampfes und stellen die sexistischen Vorurteile der Arbeiterbürokratie infrage. Die Gewerkschaftsbürokratie stützt sich auf die privilegiertesten Schichten der älteren Arbeiter, die Forderungen nach bevorzugter Behandlung von Frauen gewöhnlich als Bedrohung ihrer unmittelbaren Vorrechte betrachten. Die konservativsten Elemente der Bürokratie sind darum die unerbittlichsten Gegner dieser Forderungen, die von den unterdrücktesten und ausgebeutetsten Teilen der Arbeiterklasse aufgestellt werden und auf die Ausrottung der tiefen Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse gerichtet sind. Ein wichtiger Bestandteil unserer strategischen Orientierung, einen klassenkämpferischen linken Flügel in der Gewerkschaftsbewegung herauszubilden, besteht in dem Einsatz des zunehmenden Gewichts von Kräften wie der Frauenbefreiungsbewegung, um die wirtschaftlichen und politischen Schlüsselfrage n aufzuwerfen, zu denen die Arbeiterbewegung eine führende Rolle einnehmen muß. Die Entlarvung der reaktionären, frauenfeindlichen und darum arbeiterfeindlichen Politik der Führung der Arbeiterbewegung und der Kampf zur Veränderung dieser Politik und Führung, die sie verteidigt, ist eine der Hauptachsen unserer Orientierung auf die Gewerkschaften.

12. Es gibt viele Schwierigkeiten, Arbeiterinnen zu organisieren. Besonders wegen ihrer Unterdrückung als Frauen sind sie weniger geneigt, Gewerkschaften beizutreten oder ein starkes Klassenbewußtsein zu entwickeln. Sie stellen ihre Arbeitskraft oft nur gelegentlich zur Verfügung. Ihre doppelten Lasten aus Verpflichtungen und Alltagslasten zu Hause sind ermüdend und zeitraubend und lassen ihnen weniger Energie für politische und gewerkschaftliche Aktivitäten übrig. Die krassen Unzulänglichkeiten der Einrichtungen für die Kinderversorgung erschweren ihnen besonders die Teilnahme an Versammlungen.
Aus diesem Grunde ist der politische Kampf in den Gewerkschaften, die besonderen Forderungen der Frauen aufzugreifen, die unfähige Führung davonzujagen, die sich weigert, der damit verbundenen gesellschaftlichen und politischen Orientierung zu folgen, untrennbar mit dem Kampf für Gewerkschaftsdemokratie verbunden. Gewerkschaftsdemokratie schließt nicht nur Themen ein wie das Recht der Mitgliedschaft, über alle Fragen abzustimmen, alle Führungsgremien und alles Führungspersonal zu wählen sowie das Recht auf Tendenzbildung. Es schließt auch besondere Maßnahmen ein, die es Frauen erlauben, daran völlig gleichberechtigt teilzunehmen - Einrichtungen zur Kinderversorgung wahrend Gewerkschaftsversammlungen, das Recht, sich untereinander und getrennt zu treffen, besondere Regelungen, die es gestatten, sich während der Arbeitszeit zusammenzusetzen sowie Maßnahmen, die eine angemessene Vertretung von Frauen in allen Führungsgremien sicherstellen. Innerhalb der Arbeiterbewegung ist die Infragestellung von sexistischen Verhaltensweisen und Praktiken ein untrennbarer Bestandteil des Kampfes um Gewerkschaftsdemokratie und Klassensolidarität.

13. Wenn wir den Kämpfen der Arbeiterinnen außerhalb des Hauses solche besondere Bedeutung zumessen, so geschieht das nicht, weil wir die Unterdrückung, die von den Hausfrauen ertragen werden muß, geringschätzen. Aus dem Verständnis dieser Probleme haben wir im Gegenteil ein Programm entworfen, das Antwort auf die tiefgreifenden Probleme gibt, denen sich Frauen zu Hause gegenübergestellt sehen, deren überwältigende Mehrheit Arbeiterfrauen sind, die einen Teil ihres Lebens auf dem Arbeitsmarkt zusätzlich zu ihren häuslichen Verpflichtungen verbracht haben. Wir bieten eine Perspektive, wie die nervtötende Plackerei der Hausarbeit überwunden werden kann, die jeder einzelnen Frau aufgezwungene Isolation, die wirtschaftliche Abhängigkeit der Hausfrauen und die Angst und Unsicherheit, die all dies hervorruft. Wir stellen unser Programm der Vergesellschaftung der Hausarbeit, der Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsmarkt auf gleichberechtigter Basis den Alternativen gegenüber, die von der Reaktion angeboten werden: die Verherrlichung von Hausarbeit und Mutterschaft und Vorschläge, Frauen für ihre häusliche Sklaverei durch Lohn für Hausarbeit zu entschädigen oder ähnlich verlockende Pläne.
Da der krisenhafte Kapitalismus immer mehr die wirtschaftlichen Lasten in die einzelne Familie hineinverlagert, sind es oft die Hausfrauen, die dafür verantwortlich sind, das Familieneinkommen derart zu strecken, um die nötigsten Dinge besorgen zu können und es sind die ersten, die auf die Straße gehen, um gegen Lebensmittelverknappung und schwindelerregende Inflation zu protestieren. Solche Bewegungen können einen ersten Schritt zur Heranbildung politischen Bewußtseins und kollektiver Handlung von Tausenden von Frauen bilden. Sie bieten eine Öffnung und fordern die Arbeiterbewegung heraus, sich einzureihen und behilflich zu sein, solche Proteste, die sich mit einer explosiven Geschwindigkeit entwickeln können, mit einer Führung und Richtung durch Forderungen für gemeinsame Preisüberwachungskomitees aus Produzenten und Konsumenten als eine gemeinsame Grundlage für die Arbeiterbewegung, protestierende Hausfrauen und andere Konsumenten zu versehen.
Hausfrauen sind jedoch nicht wie Arbeiterinnen durch den Arbeitsmarkt organisiert. Ihr Platz innerhalb der Arbeiterklasse, innerhalb der Arbeiterbewegung und ihre wirtschaftliche Stellung versetzen sie in eine Lage, eine Schlüsselrolle bei der Führung von Frauenkämpfen und in Kämpfen der gesamten Arbeiterklasse zu spielen.

14. Wir befassen uns mit allen Aspekten der Frauenunterdrückung. Als eine politische Partei, deren Grundlage ein Programm ist, das die historischen Interessen der Arbeiterklasse und der Unterdrückten repräsentiert, ist es jedoch unsere Ausgabe, der Frauenbewegung dabei zu helfen, sie in eine politische Aktion zu führen, die auf eine wirksame Weise die Abschaffung des Privateigentums herbeiführt, in der die Unterdrückung verwurzelt ist. Gegenüber allen Erscheinungen der Frauenunterdrückung streben wir danach, Forderungen und Aktionen m entwickeln, die die gesellschaftliche und wirtschaftliche Politik der Bourgeoisie infrage stellt und die Lösungen aufzeigt, die möglich wären, wenn es da nicht die Tatsache gäbe, daß über alle gesellschaftliche Politik auf der Grundlage der Profitmaximierung entschieden wird.
Unsere Herangehensweise an die Frauenbefreiungskämpfe als eine äußerst wichtige politische Frage bringt uns oft mit den kleinbürgerlichen radikalfeministischen Strömungen in Konflikt, unter denen sich separatistische Lesbengruppen befinden, die die Entwicklung eines neuen individuellen "Lebensstils" der politischen Aktion gegenüberstellen, die gegen den Staat gerichtet ist. Sie geben dem Mann anstelle des Kapitalismus die Schuld. Sie stellen der Organisierung gegen die bürgerliche Regierung, die die Institution der Klassengesellschaft verteidigt und aufrechterhält, die für die männliche Vorherrschaft und Unterdrückung der Frauen verantwortlich sind, die Reformierung der Männer als Individuen gegenüber, indem sie versuchen, sie weniger sexistisch zu machen. Sie versuchen, utopische "Gegeninstitutionen" inmitten der Klassengesellschaft aufzubauen.
Als Revolutionäre erkennen wir an, daß die Probleme, viele Frauen auf diese Art zu lösen versuchen, real vorhanden sind und sie ganz in Anspruch nehmen. Unsere Kritik ist nicht gegen einzelne gerichtet, die einen persönlichen Ausweg aus dem unerträglichen Druck finden wollen, den die bürgerliche Gesellschaft ihnen auferlegt. Aber wir weisen darauf hin, daß es für die Masse der Arbeiter und Arbeiterinnen keine "individuelle" Lösung gibt. Sie müssen gemeinsam für die Veränderung der Gesellschaft kämpfen, bevor sich ihr "Lebensstil" in bedeutsamer Weise ändert. Schließlich gibt es keine rein private Lösungen für irgendeinen von uns. Individuelle Fluchtversuche sind eine Form des Utopismus, die nur in der Desillusion und der Zerstreuung der revolutionären Kräfte enden können.

Unsere Klassenunabhängigkeit

1. Politische Unabhängigkeit ist der dritte Aspekt unserer Klassenkampfstrategie gegen die Unterdrückung der Frau. Wir stellen keine Forderung, keine Aktion und keinen Kampf der Frauen zurück oder ordnen um den politischen Bedürfnissen von bürgerlichen oder reformistischen Kräften unter mit ihrem parlamentarischen Schattenboxen und ihren Wahlmanövern.

2. Wir kämpfen dafür, die Organisationen und Kämpfe zur Befreiung der Frau von allen bürgerlichen Kräften und Parteien unabhängig zu halten. Wir setzen uns Versuchen entgegen, den Kampf der Frauen umzubiegen in die Bildung von Interessengruppen innerhalb kapitalistischer Parteien oder bürgerlicher Politik, wie es in den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien geschehen ist. Wir sind ebenfalls gegen die Gründung einer politischen Frauenpartei, wie sie in Belgien entstanden ist und von einigen feministischen Gruppen in Spanien sonstwo vertreten wird. Die Wahl von mehr Frauen in öffentliche Ämter auf einem bürgerlich-liberalen oder radikalen kleinbürgerlichen Programm kann - wiewohl sie ein Ausdruck veränderter Haltungen ist - nichts beitragen zur Vertretung der Interessen der Frauen. Die Befreiung der Frau ist Teil des historischen Kampfes der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus. Wir bemühen uns, diese Verbindung in eine bewußte zu vermitteln, sowohl von der Seite der Frauen als auch der Arbeiterklasse. Aber "wir weisen Unterstützung von bürgerlichen Persönlichkeiten und Politikern nicht zurück, wenn sie ihre Übereinstimmung mit unseren Forderungen oder Zielen ausdrücken. Dies stärkt unsere Seite, nicht ihre. Es ist ihr Widerspruch, nicht unser.

3. Wir weisen die reformistische Perspektive der stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien zurück. Politik und Verhalten dieser beiden Strömungen innerhalb der Arbeiterbewegung beruhen auf der Erhaltung der Institutionen des bürgerlichen Systems, einschließlich der Familie, unabhängig von Lippenbekenntnissen, die sie dem Kampf der Frauen gegen ihre Unterdrückung zollen mögen. Beide sind bereit, die Bedürfnisse der Frauen jedem möglichen klassenkollaborationistischen Handel zu opfern, den sie gerade am Aushandeln sind, ob mit der spanischen Monarchie, den italienischen Christdemokraten oder den bürgerlichen Oppositionsparteien in Westdeutschland oder Britannien. Die Stalinisten werden niemals müde, den Frauen zu erzählen, daß der Weg zum Glück zunächst einmal zur "fortschrittlichen Demokratie" oder dem "antimonopolistischen Bündnis" führt. Sie raten den Frauen, nicht mehr zu verlangen, als die "Demokratie" (d.h. der Kapitalismus) zugestehen kann. Die Sozialdemokraten, besonders wenn sie Sparprogramme im Dienst der Bourgeoisie durchsetzen, zögern keine Minute, Kürzungen von Sozialleistungen durchzusetzen, die von der herrschenden Klasse verlangt werden, Maßnahmen also, die meistens die Frauen am härtesten treffen.

4. Nur durch einen kompromißlosen programmatischen und organisatorischen Bruch mit der Bourgeoisie und allen Formen der Klassenzusammenarbeit können die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten, einschließlich der für ihre Befreiung kämpfenden Frauen, als eine machtvolle und mit Selbstvertrauen versehene Kraft mobilisiert werden, die die sozialistische Revolution bis zum Ende führen kann. Die Aufgabe der revolutionär-marxistischen Partei besteht darin, die arbeitenden Massen einschließlich der Frauenbewegung durch Aktion und Propaganda in dieser Klassenkampf-Perspektive zu schulen.

Aufgaben der Vierten Internationale heute

1. Der neue Aufstieg der Frauenbewegung hat sich auf Weltebene ungleichmäßig vollzogen, und feministisches Bewußtsein hatte verschieden große Auswirkungen. Aber die Geschwindigkeit, mit der revolutionäre Ideen und Lehren aus Kämpfen von einem Land zum anderen, von einem Sektor der Weltrevolution zum anderen übermittelt werden, sichert die andauernde Ausbreitung der Frauenkämpfe. Die um sich greifende Infragestellung der traditionellen Rolle der Frau schafft ein für die marxistische Schulung und Propaganda günstiges Klima, ebenso für konkrete Aktionen zur Unterstützung der Frauenbefreiung. Durch unsere Presse und Propaganda-Aktivitäten hat die Vierte Internationale wachsende Möglichkeiten, Wurzel und Natur der Unterdrückung der Frau ebenso wie unser Programm zur Ausmerzung dieser Unterdrückung zusammen mit der Klassengesellschaft, in der sie wurzelt, sowie die revolutionäre Dynamik der Kämpfe zur Befreiung der Frau zu erklären.

2. Die Teilnahme unserer Sektionen und sympathisierenden Organisationen an der Frauenbewegung in zahlreichen Ländern hat gezeigt, daß beträchtliche Möglichkeiten bestehen, Aktionen und Kampagnen um die Probleme, die im Kampf gegen die Unterdrückung der Frau auftauchen, organisieren und führen zu helfen. Solche Kampagnen gewähren oftmals Gelegenheiten besonders für unsere Genossinnen, wertvolle Erfahrungen zu sammeln und eine führende Rolle in der Massenbewegung zu spielen. Sie stellen oft einen Weg dar, durch den sogar eine relativ kleine Zahl von Genossinnen und Genossen eine wichtige politische Rolle spielen und Einfluß in viel breiteren Kreisen gewinnen kann. Unsere Unterstützung für die und aktive Teilnehme an der Frauenbefreiungsbewegung hat uns bereits viele neue Mitglieder zugeführt. Die Orientierung der Sektionen und sympathisierenden Organisationen der Vierten Internationale bestellt darin, unsere Kräfte dem Aufbau der Frauenbewegung und von Aktionskampagnen am spezifische Punkte wie Abtreibung, Kindererziehung und andere Aspekte unseres Programms zu widmen.
Wir unterstützen ebenso die internationale Solidarität in der Frauenbewegung und, wo möglich, die internationale Koordinierung von Aktionskampagnen um gemeinsame Fragen.

3. Zusätzlich zur Teilnahme an all den verschiedenen unabhängigen Organisationsformen, die als Teil der Frauenradikalisierung entstanden sind, müssen wir die Propaganda und Aktivitäten für die Befreiung der Frau in alle unsere Arbeitsbereiche integrieren, von den Gewerkschaften bis zu den Universitäten. Besonders unter der Jugend - Studenten und Studentinnen, Arbeiter und Arbeiterinnen und junge Hausfrauen - werden wir die größte Aufnahmebereitschaft für unsere Ideen und unser Programm finden sowie die Bereitschaft zur Aktion.
Die Arbeit zur Befreiung der Frau betrifft nicht nur die Genossinnen allein, obwohl sie diese anleiten müssen. Wie bei jeder anderen Frage muß unsere gesamte Mitgliedschaft und die gesamte Parteiführung mit dieser Arbeit vertraut sein, kollektiv an der Ausarbeitung unserer politischen Linie teilnehmen und Verantwortung übernehmen zur Verbreitung unserer Propaganda und unserer Kampagnen in sämtlichen Bereichen des Klassenkampfes, in denen wir aktiv sind.

4. Zur Organisierung und Durchführung systematischer Frauenarbeit sollten die Sektionen der Vierten Internationale Kommissionen oder Arbeitsgruppen einrichten, die aus Leuten bestehen, die die Arbeit tragen. Zu solchen Kommissionen können sowohl Genossen als auch Genossinnen mitarbeiten, je nach den Aktivitäten, in denen wir engagiert sind.

5. Systematische Schulung über die Geschichte der Unterdrückung der Frau und ihrer Kämpfe dagegen mit allen theoretischen und politischen Fragen, die damit verbunden sind, sollten innerhalb der Sektionen der Vierten Internationale durchgeführt werden. Diese Schulung sollte nicht auf bestimmte Schulungsveranstaltungen beschränkt werden, die von Zeit zu Zeit stattfinden, sondern muß Teil des täglichen Lebens der Organisation werden. Sie muß Teil der grundlegenden politischen Erziehung jedes Mitglieds werden in dem Maße, wie sie mit den fundamentalen Positionen des revolutionären Marxismus vertraut werden.
Wir haben nicht die Illusion, daß die Sektionen Inseln der künftigen sozialistischen Gesellschaft sein könnten, die im kapitalistischen Sumpf schwimmen oder daß einzelne Genossinnen und Genossen völlig der Erziehung und Ablichtung entgehen könnten, die von dem täglichen Kampf herrühren, in der Klassengesellschaft zu überleben. Es ist allerdings eine Bedingung für die Mitgliedschaft in der Vierten Internationale, daß das Verhalten von Genossinnen und Genossen und von Sektionen in Übereinstimmung mit den Prinzipien ist, die wir vertreten. Wir erziehen die Mitglieder der Vierten Internationale zu einem umfassenden Verständnis des Charakters der Unterdrückung der Frau und der niederträchtigen Art und Weise, in der sich zum Ausdruck kommt. Wir bemühen uns eine Organisation zu schaffen, in der Sprache, Witze, Gewaltakte und andere Formen, in denen sich die chauvinistische Bigotterie gegenüber Frauen ausdrückt, nicht geduldet werden, ebensowenig wie wir Handlungen und das Ausdrücken rassistischer Bigotterie erlauben würden, sich in der Organisation auszubreiten.

6. Genossinnen stehen in unseren Organisationen besonderen Problemen gegenüber, sowohl materieller als auch politischer Natur, die aus der Unterdrückung in der Klassengesellschaft herrühren. Oft haben sie die gleichen zeitraubenden Verantwortlichkeiten im Haushalt wie andere Frauen, besonders, wenn sie Kinder haben. Sie sind vom gleichen Mangel an Selbstvertrauen gekennzeichnet, von Schüchternheit, von Angst vor Führungsaufgaben, all den Problemen, die den Frauen von Geburt an als "natürlich" eingetrichtert werden. Diese Hindernisse zur Rekrutierung, Integration und Entwicklung einer Führung müssen innerhalb der Partei diskutiert und bewußt angegangen werden.
Wie bei allen anderen Fragen kommt auch hier der Führung die Verantwortung zu, die Führung zu Übernehmen.
a) bewußte Aufmerksamkeit muß der Schulung, politischen Weiterentwicklung und Schulung in Führungsaufgaben für Genossinnen gewidmet werden. Dies sollte ein beständiges Anliegen aller Führungskörperschaften auf sämtlichen Ebenen der Sektionen und der Internationale sein. Es sollte darauf geachtet werden, daß Frauen ermutigt werden und - noch wichtiger - ihnen geholfen wird, Aufgaben zu Übernehmen, die die volle Entwicklung ihrer Fähigkeiten fördern Übernahme von Schulungskursen, Schreiben von Artikeln, Übernahme von politischen Berichten, Funktionen als öffentliche Sprecherinnen und Kandidatinnen für die Organisation und Leitung von Arbeitsbereichen. Nur durch solche bewußt ergriffene Maßnahmen können wir die Entwicklung unseres Frauenkaders optimieren und sicherstellen, daß - wenn sie in Leitungsfunktionen auf allen Ebenen gewählt werden - dies eine echte Bereicherung eines starken Führungskaders mit Selbstvertrauen darstellt und nicht eine künstliche Maßnahme, die sich sowohl für die betreffenden Genossinnen als auch für die Organisation als ganzes schädlich auswirken könnte.
Innerhalb dieses allgemeinen Rahmens der bewußten Herausbildung einer Führung versuchen wir die Zahl der Frauen in den zentralen Leitungsgremien der Sektionen, sympathisierenden Organisationen und der Internationale zu erhöhen.
b) Die Partei kann nicht materiell dafür verantwortlich sein, die ökonomischen und sozialen Ungleichheiten unter Genossinnen und Genossen auszumerzen, die durch den Kapitalismus verursacht werden.
Was uns zusammenschweißt, ist unsere gemeinsame Entschlossenheit, das System zu zerstören, das Ungleichheit verewigt, unsere Übereinstimmung bezüglich des Programms zur Erreichung dieses Ziels und unsere Loyalität zur Partei, die auf diesem Programm aufgebaut ist. Die Partei selbst kann nicht das Instrument zur Lieferung jener Sozialleistungen werden, die zu liefern der Kapitalismus nicht in der Lage ist - ohne ihren Zweck und Charakter als politische Organisation zu verlieren.
Aber wir müssen uns die besonderen Lasten und Hindernisse bewußt sein, die aus sozialer und ökonomischer Ungleichheit resultieren, besonders für Genossinnen und Genossen aus unterdrückten Nationalitäten und Frauen. Wir müssen diese Hindernisse einkalkulieren und den Genossinnen helfen, Lösungen zu finden zur Ausgleichung ihrer speziellen Probleme und Verantwortlichkeiten.
Insbesondere für Genossinnen sind die Schwierigkeiten, die aus der grotesken Unzulänglichkeit staatlicher Kindertagesstätten herrühren, oft ein Hindernis für ihre volle Teilnahme an Sitzungen und Aktivitäten. Es liegt nicht in der Verantwortung der Partei, als allgemeine Politik die Organisierung der Kinderverwahrung zu übernehmen, noch kann die Partei ihren Genossinnen und Genossen die Pflicht zum Kinderhüten auferlegen. Wo nötig, sollten die Leitungsgremien das Problem diskutieren und den betroffenen Genossinnen und Genossen kollektiv helfen, eine Lösung zu finden.
Zugleich versuchen wir in unseren öffentlichen Aktivitäten und unseren Interventionen in die Massenbewegung breitere soziale Kräfte auf die besonderen Probleme aufmerksam zu machen, denen Frauen in Bezug auf Kinderhüten gegenüberstehen und dafür sorgen, daß Kinderstätten für solche Aktivitäten vorgesehen sind.
c) Unempfindlichkeit gegenüber der Tiefe der besonderen Probleme, denen Genossinnen gegenüberstehen, mangelndes Verständnis für die politische Bedeutung der Frauenbewegung und ihren Stellenwert im Klassenkampf, zu langsames Antworten auf den Aufschwung der feministischen Bewegung oder Zögern bei der Einteilung von Genossinnen zur Frauenarbeit und deren Integration in alle Bereiche unserer Arbeit kann zu einer Explosion von negativen Gefühlen bei den Genossinnen und Genossen führen, besonders bei Frauen, die sich frustriert fühlen von der sexistischen Haltung, die meistens hinter solchen politischen Fehlern liegt. Dies ist einigen Sektionen der Vierten Internationale in den letzten Jahren geschehen, was uns dazu geführt hat, daß wir einige wertvolle Genossinnen und Genossen verloren und einige politische Gelegenheiten verpaßt haben.
Ein anderes Resultat war, daß Genossinnen in einigen Sektionen das Recht verlangt haben, sich in Gruppen zu treffen, von denen alle männlichen Genossen ausgeschlossen sind, um die politische Linie und die interne Situation der Partei zu diskutieren.
Innerhalb der Massenbewegung unterstützen wir und kämpfen wir für das Recht von Frauen, solche Gruppen zu bilden. Unsere Position resultiert aus der Tatsache, daß andere Organisationen nicht auf einem revolutionär-marxistischen Programm aufgebaut sind, das die historischen Interessen der Frauen und der Arbeiterklasse ausdrückt. Ihre Führungen werden nicht demokratisch gewählt, um ein solches Programm umzusetzen. Es gibt beispielsweise einen Widerspruch zwischen den Interessen der Gewerkschaftsbürokratie und jenen der Mitglieder und der Frauen. In dieser Situation wird das Recht, eine Frauengruppe zu organisieren, eine Frage elementarer Demokratie und Teil des Kampfes, die Gewerkschaft auf einen klassenkämpferischen Kurs zu bringen.
In einer revolutionär-marxistischen Partei aber, was auch ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten sein mögen, gibt es keinen eingebauten Widerspruch zwischen Programm, Führung und Basis. Die Organisierung von reinen Frauengruppen steht damit im Widerspruch zum politischen Charakter der Partei und unseren demokratisch-zentralistischen Organisationsprinzipien, die aus diesem Programm abgeleitet sind.
Die revolutionär-marxistische Partei kann die historischen Aufgaben, die sie sich gestellt hat, nur lösen, wenn sie in der Lage ist, in ihren Reihen und in ihrer Führung die bewußtesten und kämpferischsten Elemente der Arbeiterklasse und besonders ihrer unterdrücktesten und ausgebeutetsten Schichten zu vereinen. Dazu muß sie die tiefen vom Kapitalismus hervorgerufenen Spaltungen überwinden und einen Kader zusammenschweißen, der tiefes Vertrauen in seine gemeinsame Verpflichtung und sein gemeinsames Verständnis der Aufgaben hat. Dies ist im Programm der revolutionär-marxistischen Partei konkretisiert, daß die Erfahrungen, Forderungen und Wechselbeziehungen zwischen den Kämpfen aller Ausgebeuteten und Unterdrückten zusammenfaßt und sie in eine strategische Marschlinie hin zur proletarischen Revolution integriert.
Aus diesem Programm leiten wir unsere organisatorischen Nonnen ab. Die Partei hat nur ein Programm und nur eine Kategorie von Mitgliedern, mit gleichen Rechten und Pflichten für jeden Genossen und jede Genossin, für Schwarze wie Weisse, Arbeiter oder Kleinbürger, jung oder alt, gelehrt oder analphabetisch. Das politische Programm der Partei und ihre Interventionslinie müssen demokratisch diskutiert und entschieden werden, wobei sämtliche Mitglieder teilnehmen und Verantwortung bei der Umsetzung übernehmen. Alle internen Gliederungen, Kommissionen, Tendenzen und andere Formationen müssen demokratisch organisiert werden, d. h. offen für alle Mitglieder sein, die zu einer bestimmten Arbeit eingeteilt werden oder alle Mitglieder, die mit der Plattform einer Tendenz übereinstimmen, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Alter, Sprache, Klassenursprung oder was auch immer.
Die Forderung nach internen Treffen, an denen ausschließlich Genossinnen teilnehmen können, die in einigen Sektionen aufgetaucht ist, hat ihren Ursprung in sehr realen Problemen. Aber wiederholte Erfahrungen haben gezeigt, daß solche Formationen nicht helfen, die Probleme zu lösen, die Ausgangspunkt ihrer Gründung waren; sie lösen im Gegenteil eine zentrifugale Dynamik aus, die den Eindruck hervorruft, als ob die Partei ein lockerer Zusammenschluß von einander entgegengesetzten Interessengruppen sei. Häufig vertiefen sie die Frustrationen der betreffenden Genossinnen und beschleunigen ihre Abwendung von der Organisation, anstatt ihr entgegenzutreten.
Starker Druck zur Organisierung solcher Gruppen ist ein Gefahrenzeichen dafür, daß die Führung dabei versagt hat, die Partei über alle Aspekte des Kampfes für die Befreiung der Frau und seines Stellenwerts in der Arbeit der Partei zu erziehen. Die Probleme werden nicht dadurch gelöst werden, daß man die Genossinnen, die nach einer Lösung suchen, verurteilt. Die Antwort muß grundlegender politischer Natur sein, nicht organisatorisch, und die Führung muß die Verantwortung übernehmen, zu erziehen und zu führen.
Die existierenden Probleme können nur durch eine umfassende politische Diskussion gelöst werden, die fuhrt zu (a) der Entwicklung konsistenter Arbeit in puncto Frauenbefreiung, integriert in alle Bereiche unserer Aktivitäten, (b) bewußten Maßnahmen der Kaderentwicklung, die die Genossinnen integriert und sexistische Gewohnheiten und Haltungen überwindet.
Der Prozeß der internen Schulung unserer eigenen Mitglieder wird damit Hand in Hand gehen und durch die wachsende Einbeziehung unserer Sektionen in den Kampf für die Befreiung der Frau erleichtert werden. Die Auswirkungen dieses Kampfes auf das Bewußtsein und die Haltungen von Genossinnen und Genossen ist bereits tiefgreifend. Die Umformung des Frauenkaders der International, die unsere Teilnahme am Kampf für die Befreiung der Frau widerspiegelt, ist eine Entwicklung von historischer Bedeutung. Das wachsende Selbstvertrauen, die politische Reife und die Führungsqualitäten der Genossinnen der Vierten Internationale stellen eine bedeutsame Erweiterung der tatsächlichen Kräfte für die revolutionäre Führung auf Weltebene dar.
Der neue Aufschwung der Frauenkämpfe auf internationaler Ebene und das Auftauchen einer starken Frauenbewegung bevor der revolutionäre Kampf um die Macht begonnen hat, ist eine Entwicklung von erstrangiger Bedeutung für die Weltpartei der sozialistischen Revolution. Er vergrößert die politische Kraft der Arbeiterklasse und die Wahrscheinlichkeit, daß die internationale Revolution ihre Aufgabe des sozialistischen Neuaufbaus erfolgreich bis zu Ende führen kann. Der Aufschwung der Bewegung zur Befreiung der Frau ist eine zusätzliche Garantie gegen die Degeneration künftiger Revolutionen.
Der Kampf zur Befreiung der Frau aus den Fesseln, in die sie die Klassengesellschaft gelegt hat, ist ein Kampf zur Befreiung aller zwischenmenschlichen Beziehungen vom ökonomischen Zwang und ein Kampf, um die Menschheit auf die Stufe einer höheren sozialen Ordnung zu heben.
April 1978

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Der vorliegende Resolutionsentwurf der Vierten Internationale zur Frauenbefreiung ist nicht der erste Text einer revolutionären Internationale, der sich speziell mit der "Frauenproblematik" beschäftigt. Er unterscheidet sich aber von den auf den Kongressen der Dritten (Kommunistischen) Internationale angenommenen Resolutionen insofern, als er der spezifischen Unterdrückung der Frauen als Geschlecht Rechnung trägt. Das Interesse der Dritten Internationale galt im wesentlichen der ökonomischen Überausbeutung des weiblichen Teils des Proletariats. Was weiterer Ausarbeitung bedurfte, war die systemstabilisierende Rolle der Kleinfamilie im Kapitalismus und dessen Fähigkeit, diese zu seinen Gunsten zu gebrauchen. Wenn es aber der Arbeiterbewegung nicht gelingt, den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen zu ihrem eigenen Kampf zu machen, wird sie dazu beitragen, die Spaltung der Arbeiterklasse in Männer und Frauen aufrechtzuerhalten - eine Spaltung, die nur den Interessen der kapitalistischen Klasse dient, die den Kampf für eine siegreiche sozialistische Revolution erschwert, wenn nicht verunmöglicht.
Keine Befreiung der Frau ohne Sozialismus - kein Sozialismus ohne Befreiung der Frau.