Genitalverstümmelung und der neokoloniale Blickwinkel

Die Auseinandersetzung mit der Frage der Genitalverstümmelung hat eine lange Geschichte, die überlagert ist vom Problem eines kolonialistischen Blickwinkels der EuropäerInnen auf gesellschaftliche Probleme anderer Länder. Der folgende Beitrag stand im Zusammenhang mit einer Ausstellung der SoAL/Solidarität zum Weltfrauenmarsch 2000. Er stützt sich wesentlich auf ein Buch von Aida Seif El Dawla.

"Der Kampf gegen Genitalverstümmelung ist ein Kampf für die Befreiung der Frauen und der Männer von einem Wertesystem, dass sie beide regiert. Für eine Änderung dieses Wertesystems zu arbeiten bedeutet, sich für eine Änderung der Gesellschaft im Ganzen einzusetzen."1
Bereits die Kolonialmächte wollten die Praxis der Genitalverstümmelungen abschaffen. In den Befreiungskriegen wurde sie deshalb unter dem Stichwort der selbstbestimmten Identität und Kultur von den AfrikanerInnen wieder betont. Genitalverstümmelung ist Bestandteil der Kultur einzelner Gesellschaften. Wird die Kultur einer bestimmten Gruppe angegriffen, reagiert diese im Allgemeinen damit, sie zu verteidigen. Wenn Mütter, die ihre Töchter beschneiden lassen, als Barbarinnen beschimpft werden, werden sie in die Enge getrieben und halten dennoch an der Praxis fest. GegnerInnen der Genitalverstümmelung in Europa müssen deshalb vorsichtig sein im Bezug auf ihr Urteil und ihre Unterstützung, denn falsche Unterstützung kann extrem kontraproduktiv wirken.
Für die Menschen, die Genitalverstümmelung in ihrem Land bekämpfen, bedeutet es eine grosse Belastung, wenn sie zusätzlich gegen die von der so genannt Ersten Welt geschaffenen rassistischen Klischees von "Barbaren" ankämpfen müssen. "Der Kampf findet schon an mehreren Fronten statt. Er braucht keine zusätzlichen Konflikte."

Der Kontext Armut

Nicht nur körperliche Unversehrtheit ist ein Menschenrecht, sondern auch der Zugang zur medizinischen Grundversorgung. In armen Regionen, wo es keine Krankenhäuser gibt, ist die Beschneiderin als heilkundige Person oft die einzige Hilfe für Frauen. Wenn Frauen gezwungen werden, sich zwischen den beiden Rechten zu entscheiden, nehmen sie meist die Genitalverstümmelung in Kauf, weil ihnen die medizinische Versorgung wichtiger ist. "Wenn dieselben Organisationen, welche finanzielle Unterstützung für die Verhinderung von Genitalverstümmelung geben, gleichzeitig finanzielle Hilfe für die Privatisierung des öffentlichen Gesundheitssektors leisten, kann ich diese Art von Unterstützung nicht auf der Basis von Menschenrechten verteidigen."
Diese Kernaussage spricht den heutigen Wirtschaftsimperialismus à la IWF?
Strukturanpassungsprogramme (2) an. Die hohe Verschuldung der afrikanischen Staaten verhindert ganz direkt (auch ohne die Strukturanpassungsprogramme) eine Verbesserung des Gesundheitswesens und der Schulbildung. Wir müssen uns also auch im Hinblick auf Genitalverstümmelung für die Entschuldung der armen Länder einsetzen.
"Positive Diskriminierung"
Ein weiteres Konzept in der Entwicklungszusammenarbeit ist das der so genannten "positiven Diskriminierung". Das bedeutet, Entwicklungshilfe mit der Forderung zu koppeln, dass die Regierungen ein Verbot der Genitalverstümmelung einführen. Damit werden aber nur diejenigen bestraft, die auf die Hilfsgelder angewiesen sind. Konkret führt es zu mehr Hunger und einer schlechteren medizinischen Versorgung und Schulbildung.
"Alles was damit erreicht wird, ist, Beschneidung in eine Waffe zu verwandeln, die gegen die Interventionen des Nordens benutzt wird."
Ausserdem widerspricht diese Politik der Idee des "Empowerment" von Frauen. Darunter ist zu verstehen, dass durch verbesserte Ausbildung eine grössere ökonomische Unabhängigkeit erzielt und das Selbstbewusstsein der Frauen gestärkt werden soll, so dass sie sich freier entscheiden können, z.B. gegen die Beschneidung ihrer Töchter (siehe auch Kasten). Lassen sie diese nicht vornehmen, kann es sein, dass sie selbst aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Ganz sicher aber werden ihre Töchter Probleme haben, einen Ehemann zu finden. Sich ohne Mann und ohne eigene Kinder durchzuschlagen, ist in vielen betroffenen Ländern aufgrund deren spezifisch patriarchaler Kultur sehr schwierig.
Welche Unterstützung
Für Aida Seif El Dawla ist konsequente Hilfe die Hilfe auf eine konkrete Anfrage um Hilfe. Uns bleibt, die lokalen einheimischen Projekte finanziell und strukturell bestmöglich zu unterstützen. Wer hier bei uns tätig werden will, kann sich in Zusammenarbeit mit den Frauen aus betroffenen Ländern insbesondere auf Aufklärungsarbeit über die gesundheitlichen Risiken, Beratungsstellen und Gesetze konzentrieren.
Wichtig ist auch, Beschneidung als frauenspezifischen Fluchtgrund endlich anzuerkennen. Dieser sollte jedoch nicht nur für unbeschnittene Mädchen gelten. Denn meistens ergreifen die betroffenen Mädchen die Flucht in Begleitung ihrer Mütter. Das Recht auf Asyl muss also auch für die Mütter oder andere Begleitpersonen gelten.

1 Alle Zitate aus: Aida Seif El Dawla (Ägypten) aus "Genitalverstümmelung: Menschenrechtsverletzung durch Tradition und Unterentwicklung" (Friedrich Ebert Stiftung)
2 Arme Länder erhalten vom IWF (Internationaler Währungsfonds) Kredite, jedoch mit der Auflage, Strukturanpassungsprogramme durchzuführen. Diese beinhalten Sparmassnahmen im gesamten öffentlichen Dienst (Bildung, Gesundheit etc.) sowie Steuererleichterungen für Unternehmen und weitere Massnahmen. Sie setzen auf makroökonomischer Ebene an und vernachlässigen die Folgen für die betroffenen Menschen.

Mehr zur Praxis der Genitalverstümmelung:
www.fes.de/fulltext/iez/00726008.htm
Charlotte Beck-Karrer, "Löwinnen sind sie", eFeF-Verlag, Bern 1996


Zum Beispiel Gambia
In Gambia gibt es den Verein APGWA, den "Verein zur Förderung von Mädchen und Frauen in Gambia". Er setzt sich für gleiche Bildungschancen, Gesundheitsvorsorge für Frauen sowie für rechtliche Unabhängigkeit gegenüber Ehemännern und Vätern ein. Daneben bekämpft er die Genitalverstümmelung an Frauen (FGM, Female Genital Mutilation). Das geschieht mit Hilfe von Workshops über die Problematik von Genitalverstümmelungen, unter anderem in Dorfversammlungen. Manche Beschneiderinnen sind erschüttert, wenn sie von den negativen Konsequenzen für die Gesundheit der Frauen erfahren. Bis anhin haben sie die bei Menstruation und Geburt auftretenden Komplikationen als normale Frauenleiden betrachtet und nicht mit der Genitalverstümmelung in Verbindung gebracht. Doch wie sollen sie ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn sie ihren Beruf aufgeben müssen? Um diese Frage zu beantworten, hat APGWA ein Projekt entwickelt, in dem Frauen den Gartenbau lernen können. Den Überschuss können sie auf dem Markt verkaufen. Andere Frauen färben Stoff und verkaufen ihn. Daneben sind die ehemaligen Beschneiderinnen immer noch als Heilkundige tätig. Dadurch behalten die Frauen ihren hohen sozialen Status, den sie auch schon früher innehatten.

Artikel aus Buelletin Nr. 35/18 (Okt. 2000)