Hausarbeit: Einfach unbezahlbar ...

Dass Mami kocht und Papa arbeitet, ist ja eigentlich ganz normal, oder? Einige Gedanken zur historischen Entwicklung der Hausarbeit in Westeuropa und ihrer Bedeutung sowie der politischen Auseinandersetzungen über diese Frage.

Die Familie, wie wir sie alle kennen, ist als Form des Zusammenlebens geschichtlich eine relativ junge Erscheinung. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts konstituierte sich mit der Entstehung des Bürgertums auch eines ihrer ideologischen Kernstücke, die "bürgerliche Familie". Diese zeichnete sich im Gegensatz zu jener der feudalistischen Zeiten durch eine neuartige Organisation beziehungsweise Auflösung des familiären Arbeitszusammenhangs aus: Wohn- und Arbeitsbereiche wurden nun klar voneinander getrennt, durch die Herauslösung des Wohnbereichs entstand das so genannt Private. Diesen Bereich des Privaten hatten die Frauen zu übernehmen, während die Männer sich der ausserhäuslichen Arbeit zuwandten. Erst auf der Basis dieser geschlechtlichen Arbeitsteilung konnte sich die kapitalistische Produktionsweise richtig entfalten.

Die Hausfrau

Mit der raschen Ausbreitung dieser Produktionsweise wurde bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert die Familie mit der Frau als Hausfrau und dem Mann als Ernährer zur Normalität. Das Leben einer Hausfrau in einem bürgerlichen Haushalt unterschied sich vom Leben in einem Arbeiterhaushalt deutlich. Für die bürgerliche Hausfrau war körperliche Arbeit verpönt. Diese wurde von Hausmädchen und Dienstboten verrichtet, während sich die Haushälterin vorwiegend ihrer Mutterrolle und repräsentativen Angelegenheiten zu widmen hatte. Ganz anders der Alltag einer Arbeiterfrau: Durch das Sinken der Reallöhne ihrer Männer um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren immer mehr Frauen neben der häuslichen Reproduktionsarbeit zu ausserhäuslicher Lohnarbeit gezwungen. Konnte eine Frau wegen den Kindern das Haus nicht verlassen, so verrichtete sie häufig Heimarbeit.

Trautes Heim - Unglück allein

Während für die Hausfrau die Arbeit im "Privaten" vorwiegend eine grosse Belastung darstellte, mass ihr der Ehemann zunehmende Bedeutung bei. Vor allem für den männlichen Arbeiter entwickelte sich das Private immer mehr zu einer Sphäre der Selbstverwirklichung ausserhalb der fremdbestimmten Arbeit. Auch die bürgerlichen Frauen waren mit diesem Problem konfrontiert: Da sich die familiären Beziehungen nicht mehr in einem gemeinsamen Arbeitszusammenhang widerspiegelten, wurden sie immer mehr in eine vergeistigte Innenwelt verlagert. Ebenso wie die Hausfrau gut zu kochen und das Haus sauber zu halten hatte, existierte nun ihr gegenüber auch das Verlangen nach der Herstellung eines bestimmten emotionalen Klimas, in welchem sich die Ehemänner wieder von der Belastung durch die Lohnarbeit erholen konnten. Diese Betreuungsansprüche psychosozialer Art waren neue Aspekte der Reproduktion und bedeuteten für die Frauen eine zusätzliche Belastung. Diese neuen Anforderungen waren mit ein Grund, wieso sich für die Hausfrauen die seit Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Verkleinerung der Familie nicht als Entlastung auswirkte. Im Gegenteil: Die Kinder waren nun länger in der Schule und entfielen als allfällige HelferInnen für Hausarbeiten. Da sich durch veränderte Ansprüche in der Arbeits- und Lebenswelt die Erziehung der Kinder immer komplexer gestaltete, bedeuteten Kinder eine wachsende Beanspruchung der Mutter.
Eine weitere Veränderung ergab sich durch die allmähliche Steigerung des Lebensstandards: Der damit einhergehende Massenkonsum erschloss die Familie immer mehr als Stätte des Konsums. Dies war eine äusserst wichtige Komponente für die weitere kapitalistische Expansion. Auch diese Entwicklung bedeutete für die Hausfrau eine Mehrbelastung: Die Konsumarbeit. Fähigkeiten wie Markenkenntnisse, Zeitorganisation und finanzielle Haushaltsplanung wurden immer wichtiger.Eine andere Folge dieses einsetzenden Massenkonsums war die allmähliche Angleichung der Lebensstile der ArbeiterInnenklasse und der bürgerlichen Haushalte, die jedoch erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend durchgesetzt war.
Im Zusammenhang mit der Erschliessung der Familie als Konsumsubjekt zeigt sich auch sehr deutlich der blosse ideologische Charakter vom Bild des Privaten als einer von der Sphäre der Lohnarbeit abgetrennten, geschützten Insel: Der Kapitalismus hat es immer verstanden, seine Anforderungen an die Reproduktion bis ins tiefste "Private" durchzusetzen, ein Mittel dafür war die Etablierung des Massenkonsums.

Doppelt belastet - doppelt ausgebeutet

Bis zum Ersten Weltkrieg war in Westeuropa rund ein Drittel aller Frauen erwerbstätig. Der Krieg schliesslich bedeutete für die Frauen eine ungeheure Steigerung ihrer Doppelbelastung: Im Haushalt hatten sie mit kriegsbedingtem Mangel zu kämpfen und mussten ausserdem grosse psychische Betreuungsarbeit leisten. Wegen dem Mangel an männlichen Arbeitskräften in der Kriegsindustrie stieg der Anteil der erwerbstätigen Frauen sprunghaft. Um dies überhaupt zu ermöglichen, wurden gewisse Reproduktionsarbeiten vergesellschaftlicht, beispielsweise durch die Einrichtung von Kriegsküchen. Nach Kriegsende zeigte sich jedoch die wahre Natur weiblicher Erwerbsarbeit im Kapitalismus, nämlich die Funktion von Frauen als "Reservearmee" billiger Arbeitskräfte: Mit der Heimkehr der Männer von der Front wurden die Frauen umgehend von der Fabrik zurück an den Herd gedrängt und die Institutionen vergesellschaftlichter Reproduktion wieder aufgelöst. In der wirtschaftlichen Krise der Zwischenkriegszeit hat sich diese Tendenz noch verstärkt und wurde teilweise sogar institutionalisiert.

Kampf den Sisyphusarbeiten

Die Bürde der Hausarbeit beschäftigte logischerweise die Frauenbewegung dieser Zeit. Im ersten Drittel unseres Jahrhunderts entstanden in dieser Bewegung verschiedene Strömungen mit unterschiedlichen sozialreformerischen Forderungen, welche das Leben und die Arbeitsbedingungen der Hausfrau verbessern sollten. Die erste dieser Strömungen vertrat die Forderung nach Entlohnung der Hausarbeit. Ihre Vertreterinnen definierten die Hausarbeit als "Basisarbeit", also als Grundvoraussetzung für die männliche Erwerbsarbeit. Zusätzlich verstanden sie die generative Reproduktionsarbeit, also das Aufziehen von Kindern, als produktive und daher gesellschaftlich nützliche Arbeit. Daher sollte die Hausfrau vom Arbeitgeber des Mannes direkt entlohnt werden.
Die zweite Strömung vertrat die Forderung nach der Auflösung des Modells "Ein Haushalt - eine Küche", beziehungsweise nach der Auflösung der Hausarbeit überhaupt. Die Vertreterinnen dieser Strömung wollten Mehrfamiliensiedlungen mit Grossküche, Kinderhort und Wäscherei errichten, in welchen die Reproduktionsarbeit zentralisiert und professionell auf der Basis von Lohnarbeit verrichtet würde.
Die dritte Strömung engagierte sich für die Rationalisierung der Hausarbeit. Durch die Anwendung tayloristischer Methoden und neuer Technologien, also einer richtig gehenden Verwissenschaftlichung der Hausarbeit, wollten sie die physische, psychische und finanzielle Belastung durch die Hausarbeit überwinden.
Allen drei Strömungen ist als Ausdruck ihrer Zeit gemeinsam, dass sie wesentliche gesamtgesellschaftliche Aspekte der Reproduktionsarbeit wie beispielsweise die geschlechtliche Arbeitsteilung kaum in Frage stellten. Die erste Strömung wollte die Hausarbeit durch Gleichstellung mit Lohnarbeit aufwerten, lief aber gleichzeitig Gefahr, die Rolle der Hausfrau zu zementieren. Auch die zwei anderen Strömungen zielten in eine ähnliche Richtung: Durch ihre Reformen wollten sie die Frau von "lästiger materieller Hausarbeit" befreien, damit sie dann ihrer "eigentlichen Bestimmung" des Familienlebens nachgehen könnte. Diese Strömungen fassten die materielle und psychische Reproduktionsarbeit nicht als Einheit auf und orteten die zweite im natürlichen Wesen der Frau. Dennoch besassen all diese Forderungen einen gewissen emanzipatorischen Gehalt.

Alte Probleme - neue Fragen

Der Zweite Weltkrieg hatte bezüglich Mehrbelastung der Frau in etwa die gleichen Auswirkungen wie der Erste. Anders als bei diesem konnten jedoch die Frauen nach Kriegsende wegen akutem Arbeitskräftemangel nicht einfach wieder aus der Lohnarbeit zurückgedrängt werden. Dass sich ihre Funktion als Reservoir für billige Arbeitskraft aber noch immer nicht grundlegend verändert hatte, zeigte sich in den ersten grossen wirtschaftlichen Krisen der Nachkriegszeit ab Ende der sechziger Jahre, von deren Auswirkungen Frauen besonders betroffen waren.
Grundsätzlich wurde die Frage der Hausarbeit erst von der Frauenbewegung der 70er-Jahre wieder angegangen. In der kritischen Auseinandersetzung mit klassischen linken Positionen zur Hausarbeit eröffneten sich neue Fragen: Welche genaue ökonomische Funktion hat die Hausarbeit im Kapitalismus? Trägt sie zur Bildung von Mehrwert bei oder steigert sie die Profitrate? Soll Hausarbeit entlohnt werden oder wird dadurch nur die Rolle der Frau gefestigt?
Mit dem Rückgang der Frauenbewegung sind auch diese Diskussionen ein wenig abgeflacht, haben aber keineswegs an Brisanz verloren. Zusätzlich war und wird die fundierte Diskussion erschwert, da lange Zeit überhaupt kein statistisches Material zur Hausarbeit erhoben wurde.

Was frau schon immer wusste …


Erst im Umfeld der Frauenkonferenz von Peking im Jahre 1995 wurden die Berechnungsmethoden für unbezahlte Arbeit systematisiert, und letztes Jahr wurden schliesslich auch in der Schweiz Statistiken dazu veröffentlicht. Obwohl von feministischen Ökonominnen die den Statistiken zugrunde liegenden Berechnungsmethoden bemängelt wurden, bestätigten sie dennoch, was die Frauenbewegung schon lange wusste: Die Arbeitszeit im Privaten (Haus- und Betreuungsarbeit) ist in der Grössenordnung vergleichbar mit der ganzen Erwerbsarbeitszeit. Ihr in diesen Statistiken errechneter Wert beträgt 196 Milliarden Franken und entspricht somit rund vier Fünfteln der jährlichen Erwerbseinkommen der Lohnabhängigen und Selbständigen in der Schweiz. Aufgrund dieser Zahlen drängen sich unbescheidene Forderungen richtig gehend auf.
T.S.
Aus Bulletin Nr. 35/18 (Okt. 00)