Nichts ist erledigt

Die feministische Bewegung hat vieles in Gang gesetzt, auch innerhalb der Linken. Es gab rege Auseinandersetzungen, und verschiedenste Projekte wurden initiiert. An strukturellen Veränderungen ist aber wenig sichtbar, auch wenn patriarchale Herrschaftsformen ihr Gesicht verändert haben. Feministische Thesen und Kritik scheinen zwar in der Linken wahrgenommen worden zu sein, ihr Niederschlag in politische Theorie und Praxis lässt aber, von punktuellen Ansätzen abgesehen, auf sich warten. Nichts ist erledigt, wie Maria Mies, feministische Soziologin und Aktivistin in der Anti-Globalisierungsbewegung, treffend sagt.

Einen Besuch von Maria Mies in Basel im Jahr 2002 nahm die SoAL zum Anlass, ihren Ansatz zur feministischen Theorie erneut und kritisch zu diskutieren.
In ihrer ab den 70er-Jahren entwickelten Kritik lehnen sich Maria Mies und andere Feministinnen an Rosa Luxemburg und deren Analyse des Kapitalismus an (R.L.: „Die Akkumulation des Kapitals“). Darin wird die traditionelle marxistische Theorie dafür kritisiert, den Zusammenhang von Kapitalismus und Kolonien nicht genügend umfassend erkannt zu haben. Maria Mies erweitert diese Kritik und diagnostiziert für weitere Bereiche ähnliche Ausbeutungsverhältnisse, wie sie für die Kolonien gelten. Sie nennt dabei insbesondere die fast vorwiegend von Frauen geleistete Haus- und Familienarbeit, die Subsistenzproduktion der Menschen ausserhalb der industriell hochentwickelten Länder und die Natur. Wie Luxemburg folgert Mies, der Kapitalismus könne nicht ohne diese „Zufuhr von aussen“ funktionieren und müsse sich dazu diese Bereiche immer wieder gewaltsam neu aneignen. Aus dieser Analyse sei das auch in der Linken vertretene Ziel der „nachholenden Entwicklung“ im Wesentlichen aufzugeben.

Subsistenz statt Wachstumsglaube
Maria Mies setzt dem die „Subsistenzperspektive“ entgegen. Zur Subsistenz zählt sie alle Arbeiten und Bereiche, die von dem, was üblicherweise als Ökonomie gilt, nicht „wahrgenommen“, aber sehr wohl ausgebeutet werden. Darunter fasst sie informelle Arbeitsverhältnisse, Hausarbeit, die Arbeit der Subsistenzbauern und -bäuerinnen im Süden, Kolonien im klassischen Sinn und die Natur. Subsistenzproduktion soll vor allem als Gegenbegriff zur kapitalistischen „Tauschwertproduktion“ verstanden werden. Die Subsistenz meint die Produktion des „guten Lebens“ im umfassenden Sinn. Der Begriff Subsistenz bleibt in Mies‘ Darstellung aber widersprüchlich und unscharf, was eine Schwierigkeit in der Vermittlung ihrer Perspektive bildet.
Ihre konkreten Forderungen sind: die Auflösung der hierarchischen Arbeitsteilung; eine neuerliche Verwurzelung der Menschen, indem sie in nicht entfremdeten Verhältnissen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse leben und arbeiten; die Rückgewinnung der Kontrolle über Land, Nahrung, Wasser und sämtliche Bereiche zur Deckung der Grundbedürfnisse; die Durchbrechung der ganzen heutigen Wirtschaftslogik, insbesondere die Fixierung des gesamten Lebens auf Wachstum und Konkurrenz. Mies stellt offen in Frage, warum z.B. in Südafrika für das reiche Europa produziert werden soll. Sie plädiert für lokale Produktion, die erst bei anfallenden Überschüssen in einen überregionalen Austausch eintritt.

Subsistenz statt Hausfrauisierung
Maria Mies stellt in der aktuellen Entwicklung die Gegentendenz zu ihren Forderungen fest. Sie beobachtet, dass die globalen Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse sich den Formen analog der Hausarbeit annähern. Dafür verwendet sie den Begriff der „Hausfrauisierung“. In flexibilisierten und deregulierten Jobs wird getan, als ob hinter der arbeitenden Person – oft Frauen – noch ein männlicher Lohnarbeiter als Ernährer stehe. Gerade aber diese Einkommen tragen oft wesentlich zur Existenz der Lebensgemeinschaften bei.
Maria Mies‘ Radikalität jenseits von patriarchal-staatlichen Gleichstellungsbüros und regierungsamtlich verordnetem Gender Mainstreaming besticht in ihrer grundsätzlichen Systemkritik. Die Umsetzung ihrer Perspektive sieht sie als kontinuierlichen Prozess der Eigenermächtigung der Menschen in der Subsistenz. Sie weist in der Diskussion aber die Auseinandersetzung über mögliche Gegengewalt des Kapitals, das in seiner Logik alle Bereiche gewaltsam zu durchdringen und die Verhältnisse wieder unter Kontrolle zu bringen versucht, als patriarchal-militaristische Fragestellung zurück. Befremdend ist auch Mies‘ verbale Ablehnung marxistischer Analysemethoden, die sie in ihren Polemiken auf Vulgärvarianten reduziert, obwohl sie sich selbst aber wesentlich auf marxistische Terminologie und Methodik stützt. Die daraus auch während ihrem Besuch in Basel von verschiedenen Seiten verursachten „Verwirrungen“ dürften für jüngere und neuere Interessierte wenig Anknüpfungspunkte bieten.

Patriarchat und Kapitalismus
In Mies‘ Analyse fehlt zudem das Patriarchat als selbständige Herrschaftsform – nicht im Sinne einer Abspaltung und Auftrennung, sondern als Antithese zum „Nebenwiderspruch-Ansatz“ –, mit seinem Komplizenverhältnis, aber eben auch seinen Widersprüchen zum Kapitalismus. Mies’ Darstellung entspricht in wesentlichen Punkten eher wieder einer Gleichsetzung von Kapitalismus und Patriarchat als dem Versuch, das Zusammenwirken von beiden in ihrer historisch spezifischen Form zu erfassen, wie dies aus dem Umfeld und in Anschluss an subjekttheoretisch orientierte Feministinnen versucht wird. Gerade wenn als Perspektive die Entkoppelung von Arbeit und Entlohnung – oder in der klassischen marxistischen Terminologie die Überwindung der Lohnarbeit – gesehen wird, braucht es neben der rein antikapitalistischen auch eine antipatriarchale Strategie. Mies verharrt damit – unter umgekehrten Vorzeichen – in derselben verkürzten Logik wie die Strategie, alle Frauen einfach in die Lohnarbeit einzubinden.
Wie sich in den Diskussionen zeigte, provozieren feministische Finger auf blinde Flecken traditionell linker Theorie und Praxis weiterhin Reizstoff. Schon lange geführte Diskussionen scheinen auf beiden Seiten noch nicht genügend Niederschlag und fruchtbare Kombinationen gefunden zu haben.

erschienen im SoAL/Solidaritätsbulletin 38/21 vom Sept. 02