Immer wieder Gewalt

(2003) Das Thema Gewalt ist weiterhin aktuell. Meistens werden Gewalttätigkeiten auf individuelle Ursachen zurückgeführt. Dabei ist Gewalt durch und durch patriarchal geprägt. Sie entsteht aus Machtverhältnissen und dient dazu, diese zu festigen. Gerade die Gewalt gegen Frauen zeigt dies deutlich. Nach wie vor gilt es, die patriarchalen Strukturen, die immer wieder neu Gewalt produzieren, sichtbar zu machen und aufzubrechen – auch in der Linken.

Wenn die bekannte Schauspielerin Marie Trintignant von ihrem Freund zu Tode geprügelt wird, sind die Zeitungen voller Meldungen über diese „besonders brutale Tat“. Im Zusammenhang mit Kinderpornographie wird über die „Exzesse“ einzelner „irregeleiteter“ Männer gerätselt. Nach G8-Gipfeln, WTO-Konferenzen, WEF-Treffen oder anderen Events der Gewaltverwalter wird über die „sinnlose Gewalt“ der Jugendlichen debattiert, wobei diese im medial vermittelten Bild mitunter geellschaftsbedrohende Dimensionen annimmt. Die alltägliche Gewalt, insbesondere gegen Frauen, wird hingegen selten zum Thema. Ebenso werden die sozialen und ökonomischen Machtstrukturen, die Gewalt hervorbringen und die fast sämtliche gesellschaftlichen Bereiche durchdringen, kaum mehr öffentlich diskutiert. Offenbar lassen sie sich medial nicht so leicht ausschlachten wie die vermeintliche Einzeltat. So hat sich die Debatte über den Zusammenhang zwischen Patriarchat und Gewalt gegen Frauen in den letzten Jahren immer stärker in professionelle Institutionen und universitäre Zirkel zurückgezogen. Patriarchale Gewalt, die ganz unterschiedliche Formen annehmen kann, dient dazu, den Opfern grundlegende Rechte physischer und sychischer Integrität vorzuenthalten und die Macht über sie abzusichern. Betroffen sind sowohl Frauen und Kinder als auch Männer. In den folgenden Überlegungen soll die Situation der Frauen im Vordergrund stehen.

Gewalt gegen Frauen – kein individuelles Problem

Mit Hilfe von Gewalt kann mann die weibliche Sexualität und Fruchtbarkeit kontrollieren, die ungerechte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern aufrechterhalten und sich die Arbeitskraft der Frauen aneignen. Der so ausgeübte Druck wird in der Regel auch durch Religion, „Sitte“ und Rechtspraxis abgesegnet. Oft ist er so stark, dass die Betroffenen ihre angebliche Minderwertigkeit verinnerlichen. Gemäss Zahlen des Europarats ist die so genannte Beziehungsgewalt der Hauptgrund für die Sterblichkeit und Invalidität europäischer Frauen zwischen 16 und 44 Jahren – also noch vor Krebs, Verkehrsunfällen oder
Krieg. 20 bis 50 Prozent aller Frauen erleiden im Verlaufe ihres Lebens Gewalt in ihrer Beziehung. Weltweit wurde mindestens ein Drittel der Frauen bereits einmal geschlagen, zu sexuellem Kontakt gezwungen oder misshandelt, meistens durch eine Person aus
dem näheren Umfeld. Eine von zehn Frauen wurde mindestens schon einmal in ihrem Leben vergewaltigt (UNICEF). Frauen werden Opfer von Verweigerung individueller Grundrechte, Einsperrung, Zwangsheirat, Verbrechen zur Wiederherstellung der „Ehre“, Genitalverstümmelung usw. Über hundert Millionen Mädchen sterben frühzeitig, weil die Söhne bevorzugt behandelt werden. Sexuelle Belästigung (auch am Arbeitsplatz), Versklavung sowie Menschenhandel im Sexgewerbe und in der Schwarzarbeit betreffen vor allem Frauen. Weltweit werden jährlich etwa vier Millionen Frauen und Mädchen an Zuhälter, Sklavenhändler oder zukünftige Ehemänner verkauft. In Südostasien wurden im Zeitraum von zehn Jahren etwa 70 Millionen Frauen und Kinder Opfer des Sexgeschäfts. Die „Konsumenten“ leben auf der ganzen Welt. Der Profit aus Zuhälterei und Sextourismus übersteigt heute die Einkünfte aus Waffen- und Drogenhandel. 90 Prozent der Betroffenen dieser Geschäfte sind Frauen bis weit ins Kindesalter.

Patriarchaler Staat

Wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, wird der Staat häufig zum Komplizen – mit einer patriarchalen Rechtsmoral, die Frauen ignoriert, und mit einer Rechtspraxis, die eine Täter-Opfer-Umkehrung begünstigt. Weltweit bestehen noch immer zahlreiche Ungerechtigkeiten. Die Gewalt gegen Frauen wird bagatellisiert. Die Justiz verlangt von der Frau nicht erbringbare Beweise oder sieht die spezifischen Gewaltformen in ihrem patriarchal geprägten Rechtssystem gar nicht als Straftat vor. Vielfach überlässt sie die Opfer direkt den Familienpatriarchen zur Selbstjustiz. Ganz zu schweigen von der fehlenden Unterstützung des Opfers bei möglichen psychischen Problemen wie Trauma, Scham- und Schuldgefühlen oder Ohnmacht und sozialer Isolation. Viele Opfer sind vom Täter abhängig, weil er Ehemann, Vater der gemeinsamen Kinder, Verwandter oder Arbeitgeber ist. Dieses Machtverhältnis ist von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, die Gewalttätigkeiten zu analysieren und zu verhindern.

Globalisiertes Patriarchat

Globalisierung, Umstrukturierungen und neoliberale Ideologie haben zu prekären und deregulierten Verhältnissen geführt und dadurch (noch) bestehende Sicherheiten in Frage gestellt. Mit der Verlagerung von Firmen in Niedriglohnländer sind dort viele Frauen in den Lohnarbeitsmarkt eingetreten. Sie zahlen dabei jedoch oft einen immensen Preis in Form des Verlusts ihrer Gesundheit, extremer Ausbeutung sowie Missachtung ihrer Würde und Grundrechte (Arbeits- oder Menschen-rechte).Viele MigrantInnen haben keinen sicheren Aufenthaltsstatus – jener der Frauen hängt in der Mehrzahl der Fälle vom Zivilstand ab – und sind Willkür aus-gesetzt, gegen die sie sich kaum wehren können. Unter solchen Umständen steigt für Frauen das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden.

Patriarchat und linke Politik

In linken Kreisen gehören feministische Forderungen zwar immer noch zum guten Ton, eine umfassende Infragestellung aktueller
Lebensverhältnisse aus feministischer Sicht wird aber kaum mehr als gesamtpolitisch relevant betrachtet. Patriarchale Pachtausübung und Gewalt mitsamt ihrer Funktion zur Strukturierung sozialer Verhältnisse muss innerhalb der Linken (und natürlich über diese hinaus) neu ins Bewusstsein gebracht und in der politischen Arbeit sichtbar gemacht werden. Selbstverständlich müssen Gewalttätigkeiten benannt und durch strenge Bestrafung dem Status des Kavaliersdelikts bzw. der Ba-gatellisierung entzogen werden. Dazu gehört ebenso, dass die Opfer sofortigen Schutz erhalten und zu ihrem Recht kommen. Die alleinige juristische Betrachtungsweise tendiert jedoch dazu, einen Täter in moralischer Weise zu individualisieren. Dieselbe Individualisierungslogik drängt den Opfern Schuldgefühle auf und verdeckt die strukturellen Voraussetzungen, mit deren
Rückendeckung der Täter handelt, seien dies ökonomische Abhängigkeiten, traditioneller Täterschutz oder die alltägliche Verweigerung von Freiräumen und Autonomie von Frauen. Die juristische Sichtweise gibt auch keine Antwort auf den Umstand, dass die meisten Täter aus dem nächsten Umfeld der Opfer stammen. Antworten und Massnahmen müssen also über die individuellen Verhältnisse einer konkreten Tat hinausgehen und jene Machtstrukturen aufdecken, welche die Voraussetzungen patriarchaler Gewalt bilden. Unter anderem heisst dies auch, den feministischen Blick in alle politischen Forderungen einfliessen zu lassen (z.B. Sozialversicherungen, Krieg, Migration usw.). Auf der Ebene der einzelnen Gruppierung gilt es, pro-blematische
Machtverhältnisse und Geschlechterdis-kriminierung durch geeignete Strukturen möglichst von Beginn weg zu verhindern (z.B. Rotationsprinzip, Quoten in Führungsstrukturen etc.). Das kollektive Funktionieren muss immer wieder reflektiert und nötigen-falls
korrigiert werden. Zudem sind auch linke Gruppen intern nicht vor Gewalt gefeit. Deshalb sollten sie Regelungen treffen, wie im Falle eines Übergriffs oder einer Gewalttat vorgegangen wird und wer zuständig ist (z.B. je nach Tat Möglichkeit eines Frauengremiums). Das Problem der Gewalt ist nicht in erster Linie eine Frage der Moral. Insbesondere nicht, wenn wir beden-ken, dass die Moral ja selbst einer durch und durch patriarchalen Kultur entspringt und somit keine „neutrale“ Haltung ist. Oder wie es Andrea Trumann formuliert: „Es [das Problem patriarchaler Strukturen] kann nicht individuell, sondern nur kollektiv gelöst werden, durch die Aufhebung einer Gesellschaft, die die Bedürfnisse der Menschen in einer Weise strukturiert, dass ihre Beherrschung überhaupt notwendig ist.“

Anmerkungen:
Wichtige Anregungen zu diesem Text lieferte das Sozialistische Forum vom Mai 2003 sowie der Artikel Femmes et Violences von Claire Magnin in SolidaritéS, Nr. 29, 06/2003. Von dort stammenauch einzelne Textausschnitte.
Lesetipp: Trumann Andrea: Feministische Theorie – Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus. Schmetterling Verlag, 2002.

aus SoAL/Solidarität Bulletin September 03