Apartheid am Gotthard

2001. Vierzig schwarze Minenarbeiter aus Lesotho haben unter sklavenähnlichen Bedingungen in Sedrun einen Sondierschacht ins Gotthardmassiv getrieben. Als sie sich bei der Gewerkschaft GBI beschwerten, wurden sie kurzerhand von der Firma Shaft Sinkers AG in ihr Heimatland Lesotho ausgeschafft. Das war im Dezember 1998. Seit dem hungern sie ohne feste Arbeit und Einkommen mit ihren Familien in Lesotho und warten auf ihren Lohn und rechtliche Unterstützung. Die GBI sieht sich ausserstande, ihnen zu helfen.

Glenda Loebell von der Gruppe AAB südliches Afrika hat letzten Oktober einige ehemalige schwarze Minenarbeiter, die in Sedrun gearbeitet hatten, in Lesotho besucht. Entgegen den Versprechungen der südafrikanischen Minenfirma Shaft Sinkers gegenüber den Schweizer Medien und Gewerkschaften wurden die aufmüpfigen Minenarbeiter nach ihrer Ausschaffung aus der Schweiz nicht weiter von der Firma beschäftigt. Nach ihrer Rückkehr in Lesotho hat die Shaft Sinkers AG nach einer medizinischen Routineuntersuchung die 40 Minenarbeiter für zu krank erklärt, dass sie sie für Minenarbeiten beschäftigen kann und ihnen aber auch gleichzeitig schriftlich mitgeteilt, dass sie kein Krankengeld auszahlen wird. Da die Shaft Sinkers eine Tochterfirma der Anglo American Group ist, die alle grossen Minen in Südafrika kontrolliert, finden die 40 schwarzen Mineure nur in Kleinminen für Tausend Rand (250 Franken) im Monat Aushilfsjobs. So verkaufen die Mineure heute Früchte auf dem Markt oder versuchen als Tankstellenangestellter oder Hilfsarbeiter auf dem Land etwas Einkommen für ihrer Familien aufzubringen. «Von einem Getreidefladen kann man sich nicht ausreichend ernähren», meint Glenda über ihre Eindrücke von der prekären Lage der Mineure.
Ihre Lage ist für die entlassenen Arbeiter um so tragischer, da ihnen ihr ehemaliger Arbeitgeber noch für dortige Verhältnisse ein kleines Vermögen an unbezahlten Löhnen schuldet. Mit ihrer vier monatigen Arbeit in der Schweiz haben sie rund 60 000 Rand oder 5000 Franken pro Monat zu Gute. Von der Shaft Sinkers AG haben sie aber erst einen Bruchteil dieses Lohnes ausbezahlt bekommen. Auch haben sie von der Shaft Sinkers bezeichnenderweise keine Lohnausweise überreicht bekommen, obwohl dies durch den Schweizer Gesamtarbeitsvertrag zwingend vorgeschrieben wird und die Firma von der zuständigen Paritätischen Aufsichtskommission für die Arbeiten am Gotthard dazu verpflichet wurde. Der Arbeitsgruppe «Südliches Afrika» liegen sogar drei verschiedene Lohnabrechnungen für die entlassenen Mineure vor, die jedesmal einen anderes Lohnguthaben ausweisen. Die Anhäufung von verschiedenen Lohnabrechnungen legt die Vermutung nahe, dass die Firma Shaft Sinkers die Gewerkschaft, die Paritätische Kommission und die Betroffenen mit verschiedenen Lohnabrechnungen zu täuschen versucht. Dass es die Firma mit Lohnansprüchen ihrer Angestellten nicht so genau nimmt, zeigt auch das Beispiel des weissen Mineurs Oosthuizen, der aus Unzufriedenheit mit der Firma praktisch gleichzeitig mit seinen schwarzen Arbeitskollegen freiwillig die Arbeiten am Gotthard verlassen hatte und in Südafrika mit Hilfe seiner weissen Gewerkschaft die Firma wegen falschen Lohnabrechnungen vor einem südafrikanischen Gericht einklagte. Das Gericht hatte ihm Recht gegeben und die Firma verurteilt, dem weissen Mineur zusätzlich 62 000 Rand an ausstehenden Löhnen auszuzahlen.

Missbräuchliche Entlassungen
Nach Schweizer Arbeitsrecht und Gesamtarbeitsvertrag stehen den wegen ihrem gewerkschaftlichen Engagement fristlos Entlassen schwarzen Mineuren noch wesentlich mehr Lohn und Entschädigung zu. Zum Beispiel hatten die schwarzen Mineure von der Fremdenpolizei eine Jahresaufenthaltsbewilligung erhalten. Das ist nur möglich, wenn die Firma, die sie beantragt, auch nachweisst, dass sie die ausländischen Angestellten ein ganzes Jahr beschäftigt. Das bedeutet, dass die Mineure mindestens eine einjähriges Anstellungsverhältnis hatten. Eine frühzeitige Entlassung bei einem befristeten Arbeitsvertrag zwingt die Firma ihre Lohnzahlung fortzusetzen, auch wenn sie die Angestellten nicht weiter beschäftigt. Ebenfalls ist eine Entlassung wegen gewerkschaftlichem Engagement in der Schweiz missbräuchlich und den Angestellten würden von einem Arbeitsgericht zwischen 2 und 6 Monatslöhnen zugesprochen bekommen. Alles in allem schuldet die Firma den Mineuren nach Schweizer Recht zwischen 60 000 und 150 000 Rand zusätzlich zum Lohn von 60 000 Rand für die 4 Monate in der Schweiz.

Schuh im Arsch
Daniel Rice hatte für GBI die schwarzen Mineure in Sedrun betreut. Er berichtete dem Vorwärts, wie er die schwarzen Arbeiter in Sedrun angetroffen haben. Die Shaft Sinkers AG hatte nicht die schwarzen Mineure für 1/3 des Lohnes der auf der selben Baustelle weissen Arbeitern arbeiten lassen, die Mineure erhielten auch kein Taschengeld für ihren Aufenthalt in der Schweiz. Daniel Rice hatte deshalb Zigaretten an die mittellosen und verschüchterten Schwarzafrikaner verteilt. Sie hätten versucht mit Schuhputzen für die anderen Arbeitskollegen wenigstens das Geld für ein Getränk in der Kneipe zu verdienen.
Die Apartheidsbetroffenen wurden aber nicht nur von den ihrem Arbeitsgeber rassistisch ausgebeutet worden, sie wurden auch von der weissen GBI nach anfänglichem Medienspektakel allein gelassen. Die paritätische Kommission für den Untertagbau überprüfte zwar, ob die Mineure für die 4 Monate nach Gesamtarbeitsvertrag entlöhnt wurden, ob die Löhne auch ausbezahlt wurden, blieb die Firma bis heute eines Beweises schuldig. Nach Auskunft von Stefan Schmutz, der für die GBI für den Fall zuständig ist, hat sich die PK Untertagbau mit einem fraglichen Gutachten eines Treuhandbüros mangels anderen Dokumenten zufrieden gegeben.
Daniel Rice, der unterdessen nicht mehr bei der GBI arbeitet, fühlte sich «als Rufer in der Wüste». Der Fall der lesothischen Arbeiter ist nicht nur wegen den apartheidsmässigen Arbeitsbedingungen schockierend, sondern auch für die zunehmenden ausländischen Arbeitskräfte auf Schweizer Baustellen exemplarisch. Nach Umsetzung der bilateralen Verträge wird die Durchsetzung der Schweizer Mindeststandarts für AusländerInnen zu einem immer wichtigerem Problem. Auch wenn der zuständige Zentralsekretär der GBI, Hansueli Scheidegger, gegenüber dem Vorwärts meint, dass mit wenigen Problemen «alles im Griff sei» und Durchsetzung der Arbeitsbedingungen bei den Arbeitern aus Lesotho ein Problem von der komplexen Rechtlage in Südafrika sei, bleiben einige Fragen unklar. An den rechtlichen Schwierigkeiten in Südafrika kann es im konkreten Fall nicht allein liegen. Die Arbeitsgruppe «Südliches Afrika» hat vom in Südafrika unter GewerkschafterInnen hochangesehenen Anwaltsbüro «Cheadle, Thompson und Hayom» ein Rechtsgutachten und Kostenvoranschlag eingeholt. Das Büro kommt zum Schluss, dass die Rechte der schwarzen Mineure sehr wohl vor einem südafrikanischen Gericht mit guten Chancen geltend gemacht werden könnten. Schon am nationalen Kongress der GBI im Oktober 2000 in Luzern stellten kritische Gewerkschafter Fragen, warum die GBI keinen weiteren Rechtsschutz gewähre. Die Leitung der GBI versprach damals, dass das Dossier nochmals überprüft werde. Obwohl der Rechtsabteilung der GBI das Gutachten der südafrikanischen Anwälte vorlag, schrieben sie im Mai 2001: «Wir sehen keine Möglichkeit, die Minenarbeiter aus Lesotho in ihrem Streit gegen die Shaft Sinkers AG zu unterstützen». Christoph Häberlin, Leiter der Rechtsabteilung der GBI, wollte zu diesen Widersprüchen gegenüber dem Vorwärts keine Stellung nehmen und liess ausrichten, dass er nicht zuständig sei. Der Eindruck der «Schaumschlägerei» durch die GBI verstärkt das Beispiel der Spendenkampagne für die Bezahlung der Schulgelder der Kinder der mittellosen Mineure von Lesotho. Die GBI-Zeitung schrieb im April 2000, dass «inzwischen die Geschäftsleitung der GBI eine grössere Spende überweisen habe». Nach Auskunft der Verwalterin des Spendenkontos sind aber bisher nur 2000 Franken von der GBI angekommen. Für Stefan Schmutz von der GBI bleibt ein «ungutes Gefühl» zurück und er ist auch nicht so optimistisch wie sein Chef Hansueli Scheidegger, dass gerade für aussereuropäische ArbeiterInnen auf Schweizer Baustellen genügend Instrumente vorhanden sind, um alle Forderungen aus den Arbeitsverhältnissen praktisch durchzusetzen. Er plädiert für eine Geldgarantieleistung durch die ausländische Firmen, aus der Lohnforderungen wie bei den Arbeitern aus Lesotho gedeckt und eine direkte Auszahlung auch überprüfbar garantiert werden kann.

U.D. (erschien im sozialistischen Wochenzeitung Vorwärts)