Seid flexibel - Initiative zurückziehen!

SGB-Initiative für Arbeitszeitverkürzung und Jahresarbeitszeit

2001. Eine Untersuchung des SGB zeigt es selber. Für die Lohnabhängigen bedeutet Flexibilisierung der Arbeitszeiten ein Verlust an Zeitsouveränität und Prekarisierung. Die Gewerkschaftsspitzen versuchen unterdessen immer noch der Flexibilisierung fortschrittliche Seiten abzugewinnen.

Die Ergebnisse des Genfer Politologen Oesch, der im Auftrag des SGB, die Auswirkungen der Flexibilisierung in den 90er Jahren untersucht hat, sind deutlich:
Zunahme der Arbeit am Abend zwischen 20 und 23 Uhr, mehr Arbeit am Samstag und in der Nacht. Am deutlichsten ist die Zunahme der heute bewilligungsfreien Abendarbeit bis 23 Uhr. Ein Drittel der Lohnabhängigen arbeiten bereits am Samstag und von den 161 Millionen Überstunden im Jahr werden rund ein Drittel überhaupt nicht entlöhnt.
In den Kommentaren des SGB zu den eigenen Untersuchungsergebnissen ist keine Selbstkritik und Lehrprozess zu erkennen. Nach dem die ängstliche Anpassungspolitik bei der Abstimmung über die zweite Arbeitsgesetzrevision Ende 98, die die linken GegnerInnen u.a. wegen der befürchteten Flexibilisierung bekämpft hatten, bereits deutlich ihre negativen Auswirkungen zeigt, wäre eine vertiefte Diskussion über die gescheiterte Stradegie notwendig.
Doch es soll nicht sein. Härtnäckig versucht der SGB trotz der eindeutigen Entwicklung auch ihre Arbeitszeitinitiative mit Jahresarbeitszeit zu rechtfertigen und als Mittel gegen die Flexibilisierung umzudeuten. Gerade das Gegenteil wird sie bewirken. Die GewerkschafterInnen des GBI-Manifestes fordern deshalb eine ersthafte Diskussion über den Rückzug der Initiative, die voraussichtlich im Frühling 2002 zur Abstimmung gelangt.

Urs Diethelm

Die Stellungsnahme ist in SoAL/Solidarität Mai 2001 erschienen.

 

Interview mit Ursi Urech

Du tritts für ein Nein zur Initiative ein. Ist denn eine Arbeitsverkürzung schlecht?

Das Bedürfnis nach Arbeitszeitverkürzung ist bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern enorm und ausgewiesen, ich bin natürlich dafür. Aber die SGB-Initiative ist keine Arbeitszeitverkürzungs-Initiative sondern eine Initiative für die Jahresarbeitszeit. Die Formel 36-Std.-Woche kommt im Initiativtext nicht ein einziges Mal vor. Das ist eine rein rechnerische, eine virtuelle Grösse. Falls die Initiative angenommen wird, werden die wenigsten 36 Std. pro Woche arbeiten. Die verschiedenen Arbeitszeitmodelle, die dann laut SGB möglich sein sollen, sind eine Illusion. Damit sie wirklich durchgesetzt werden könnten, brauchen die ArbeitnehmerInnen wirkliche Mitsprache bei der Festlegung der Arbeitszeit. Und das bringt diese Initiative nicht. Der Arbeitgeber alleine wird sagen, an welchen Tagen wieviele Stunden gearbeitet wird. Solange das nicht geändert werden kann, bleibt die vom SGB versprochene Zeitautonomie eine Farce.

Warum befürchtest du negative Auswirkungen der Initiative?

Mit dem Zugeständnis der Jahresarbeitszeit wollen sich die Gewerkschaften eine Verkürzung eben dieser Jahresarbeitszeit erkaufen. Damit bieten die Gewerkschaften den Arbeitgebern etwas an, was diese selber wollen: nämlich die Jahresarbeitszeit, weil sie damit ihre Betriebe rationeller und kostengünstiger führen können. Die Arbeitskräfte werden nur dort und nur dann eingesetzt, wo es gerade Arbeit hat. Sonst können sie frei nehmen oder in den Urlaub fahren. Wie kann man Arbeitszeitverkürzung verlangen, um Arbeitsplätze zu sichern und gleichzeitig etwas vorschlagen, was genau zum kleinsten Personalbestand für hchste Leistung führt, ev. sogar zu Entlassungen?

Die Renault-Arbeiter haben diese Erfahrung machen müssen, die VW-Arbeiter ebenfalls. Wenn die Gewerkschaften die Arbeitszeitverkürzung mit der Jahresarbeitszeit verknüpfen, legitimieren sie damit die Flexibilisierungspolitik der Arbeitgeber. Wenn die Jahresarbeitszeit weiter zunimmt, wird sich das negativ auf das Familienleben und die sozialen Kontakte auswirken. Wir werden nie wissen, wann wir arbeiten müssen und wann wir frei haben werden. Und wenn wir frei haben, werden Bekannte, die wir treffen möchten, dann gerade arbeiten müssen und umgekehrt.

Der SGB wirbt viel mit Frauenargumenten. Wäre es nicht toll, wenn die Männer mehr zu Hause machen würden?

Wenn die Arbeitszeit einen weiteren Flexibilisierungsschub erleidet, sehe ich eigentlich, dass die Arbeit für Menschen mit Betreuungsaufgaben noch weiter erschwert wird, weil sie nie wissen, wann sie Feierabend haben, wann sie frei haben, längere Zeit im voraus werden sie nicht mehr planen und abmachen können, weil sich die Arbeitszeit ständig ändern kann. Wahre Zeitautonomie wäre meiner Meinung nach, wenn eine Gewerkschaft für die Frauen in ihrem Bereich das Recht durchsetzen könnte, dass sie ihren Arbeitsplan falls nötig den Krippenzeiten oder dem Stundenplan in der Schule anpassen können. Das ist etwas anderes, als wenn der Arbeitgeber einem am Abend vorher die veränderte Arbeitszeit für den nächsten Tag mitteilt. Wir müssen der Flexibilisierung in diesem Sinn eine neue Bedeutung geben.

Was wäre für dich die Alternative zur Initiative?

Jahresarbeitszeit kommt - wie gesagt - den Interessen der Arbeitgeber entgegen. Die Gewerkschaften müssen sich vielmehr Überlegen, wie sie sich davor schützen können, anstatt sie selber vorzuschlagen. Wenn eine Arbeitszeitverkürzung wirklich eine Entlastung für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bringen soll, dann muss sie unbedingt in ganz kurzer Zeit eingeführt werden und nicht über neun Jahre, wie dies die SGB-Initiative tut. Die Arbeitgeber werden so nicht gezwungen, neue Leute einzustellen, sondern haben genug Zeit, um mit weiteren Rationalisierungen die gewährte Arbeitszeitverkürzung woanders wieder einzusparen. Arbeitszeitverkürzungen müssen auch generell, d.h. für praktisch alle eingeführt werden. Und sie müssen mit Neueinstellungen verbunden sein, die von den Personalkommissionen und/oder Gewerkschaften kontrolliert werden, sonst erhöht sich einfach der Arbeitsrhythmus.

Interview mit Ursi Urech, Vizepräsidentin des vpod Zürich, erschienen im Vorwärts