Eine kleine internationalistische Flamme am Leben erhalten

Von Daniel Bensaid

Nach dem Beginn der zweiten Intifada kam es letzten Herbst in Frankreich zu einer Welle von Anschlägen gegen Synagogen, Plünderungen jüdischer Geschäfte seitens arabischer Jugendlicher. Dagegen meldeten sich jüdische Intellektuelle mit einem Aufruf in Le Monde zu Wort, der die Zurückweisung dieser Gewalttaten mit einer Kritik der Politik des israelischen Staates gegenüber den PalästinenserInnen verband. Im Folgenden begründet Daniel Bensaid, Mitglied der Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR), warum er diesen Aufruf als Jude unterschrieben hat.

Die Logik des Krieges scheint zu obsiegen. Die Mehrheit der westlichen Kommentatoren hatte in der Ethnisierung der Balkankrise das monströse Produkt der Zersetzung der nationalistischen bürokratischen Regime sehen wollen (wobei sie aus ideologischen Gründen diese Regimes als kommunistisch bezeichnen). Wir vertraten, dass es sich leider um eine tiefere allgemeine Tendenz zur Ethnisierung und Konfessionalisierung der Politik handelt, um eine Folge der imperialistischen Globalisierung und die Verschleierung von Klasseninteressen. Diese Gefahr, die Hannah Arendt im ersten Band zu den Ursprüngen des Totalitarismus benannte, ist in Afrika und in bestimmten Regionen Asiens bereits manifest. Die Entwicklung des israelisch-palästinensischen Konflikts lässt ein ähnliches Abgleiten befürchten.

Befreiungskämpfe oder Religionskriege
Im international reaktionären Kontext der liberalen Konterreform nehmen nationale Befreiungskriege immer öfter die Erscheinungsform von Religionskriegen an. Die politischen Konflikte schlagen um in Kämpfe zwischen Stämmen oder anderen verschiedenartig definierten Gemeinschaften. Die enttäuschten demokratisch nationalen Forderungen führen zu einer Abwendung von laizistischen und staatsbürgerschaftlichen Definitionen der Nation und suchen ihre Begründungen in irgendwelchen Abstammungsmythen.
Dieser Naturalismus oder Biologismus führt zu einer zoologischen Konzeption der Nation. Wohin soll das führen, wenn heute israelische religiöse Führer die Vetreibung der PalästinenserInnen mit dem chronologischen Vorrang des Tempels von Salomon oder des Josephsgrabs gegenüber den heiligen Stätten des Islam begründen? Wird morgen irgendein Papstanhänger die Israelis von heute anklagen, an ihnen klebe noch immer das Blut des Gekreuzigten?
Dieser Konfikt muss repolitisiert werden, um ihn zu entkonfessionalisieren. In dem zugrunde liegenden Konflikt stehen sich in Wirklichkeit nicht zwei geschlossene Religionen oder Identitäten gegenüber. Der Konflikt durchzieht vielmehr beide Gemeinschaften.
Je mehr an alle Jüdinnen und Juden appelliert wird, hinter dem Staat Israel und seinen Regierenden zusammenzustehen, je mehr die gesamte Diaspora mit dem jüdischen Staat und alle Jüdinnen und Juden mit dem Zionismus identifiziert werden, desto mehr werden junge PalästinenserInnen und ArberInnen in den Irrtum getrieben, israelische Botschaften und Synagogen in einen Topf zu werfen und Antizionismus mit Antisemitismus zu vermengen.
Darum habe ich in Frankreich als Jude- einen Aufruf von 200 Jüdinnen und Juden in Solidarität mit den Rechten der PalästinenserInnen unterschrieben. Ohne jede Absprache entstanden ähnliche Initiativen in den USA, in Grossbritannien, Kanada und Australien. Der Ansatz ist ungewöhnlich (vor zwanzig Jahren hätte ich mir so etwas gar nicht vorstellen können) und sollte eine Ausnahme bleiben.

"Als nichtjüdischer Jude"
Persönlich verstehe ich mich zuerst als laizistischen und internationalistischen Aktivisten und als Staatsbürger des Landes, in dem ich lebe und arbeite. Als Jude bezeichne ich mich nur unter zwei Umständen: Gegenüber Antisemiten, in der Erinnerung an die Leiden der Vergangenheit, und gegenüber Zionisten, die vorgeben, in meinem Namen zu sprechen.
Natürlich gerät man dabei in Widersprüche. Doch diese Widersprüche sind ein Produkt der Geschichte. Der Massenmord der Nazis an den Jüdinnen und Juden war eine hundertprozentig europäische Tragödie, so wie die Dreyfus-Affäre eine hundertprozentig französische Angelegenheit war. Dieser Massenmord hat die Unausweichlichkeit der Assimilation und der Antisemitismus in der stalinistischen Sowjetunion hat die sozialistischer Emanzipation der Jüdinnen und Juden dem Zweifel ausgesetzt. Die Gründung des Staates Israel war Vergegenständlichung der - rationalen und irrationalen Ängste der Diaspora. Die Geschichte hat entschieden, die Judenfrage, in morbider Weise, erneut zuzuspitzen.
Darum zwingen mich gewisse konkrete Situationen, mich selbst als Juden zu bezeichnen, nicht als Ausdruck irgendeiner Wesenhaftigkeit oder Naturbedingtheit, sondern als Notwendigkeit in einer bestimmten gesellschaftspolitischen Konstellation. Als nichtjüdischen Juden gewissermassen, im Sinn einer Herausforderung.
Dazu fühle ich mich heute durch den Diskurs der israelischen Führung und der offiziellen Sprecher der jüdischen Gemeinschaften gedrängt, die alle Opfer des Massenmords an den Jüdinnen und Juden vereinnahmen wollen.
Die jüdischen Kämpfer der internationalen Brigaden in Spanien, einschliesslich derer der Botwin-Brigade, setzten sich nicht für die Gründung eines jüdischen Staates auf dem Boden Israels ein. Sie kämpften, um sich dem Faschismus entgegenzuwerfen, zweifellos als Jüdinnen und Juden, aber auch, untrennbar davon, mehrheitlich als KommunistInnen, als emigrierte Opfer der grossen Krise, als Ausgegrenzte der Erde, als ProletarierInnen.
Die kommunitaristische Logik führt zur Auslöschung aller anderen Zugehörigkeit, zur Verwischung der Gegensätze innerhalb der Gemeinschaft. Man lese "Le fumier de Job" von Bernard Lazare. Durch die Dreyfus-Affäre auf sein Judentum zurückgeworfen, wusste Lazare aus eigener Erfahrung sehr gut, dass die jüdische Gemeinschaft- vom Klassengegensatz zerrissen war. Er hatte die Feigheit und Scheinheiligkeit der jüdischen Bourgeoisie und der religiösen Hierarchie am Werke gesehen. Lazare war entschieden kein Zionist; er sagte: "Unser Vaterland besteht aus so vielem, aus so vielen Erinnerungen, aus so vielem Bedauern, aus so vielen Freuden, Tränen, Schmerzen, dass ein kleines miserables Stück Boden es nicht tragen könnte".

Gegen das Staatsmonopol der Erinnerung
Dieser Aufruf setzt sich für die Rechte der PalästinenserInnen ein und verurteilt ebenso klar jedes Abgleiten in Rassismus oder konfessionelle Konfrontation, jede rassistische Tat, jeden rassistischen Diskurs, insbesondere Anschläge auf Synagogen und Angriffe auf jüdische Schulen. So bescheiden diese wechselseitigen symbolischen Gesten auch sind, sie streuen doch etwas Sand ins Getriebe der kommunitarischen Eskalation und halten eine kleine internationalistische Flamme am Leben. Diese Auseinandersetzung geht weit über den tragischen Konflikt im Mittleren Osten hinaus.
Ich beabsichtige mit diesen Zeilen meine Beunruhigung angesichts der um sich greifenden religiösen oder ethnischen Bezugnahmen und meine Unterstützung für die berechtigten Forderungen des palästinensischen Volkes auszudrücken. Ich beanspruche nicht, eine wundersame Lösung des Problems aus dem Hut zu zaubern. Doch wie Karl Kraus sagte, soll man sich in einer unübersichtlichen Situation für das Wahre entscheiden. Und wahr ist, dass die seit 1967 besetzten Gebiete palästinensische Gebiete sind, und dass sich die israelische Armee in ihnen wie eine Besatzungsarmee verhält. Wahr ist, dass zuerst die UNO-Resolutionen umgesetzt, die jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten aufgelöst werden müssen. Das Recht der PalästinenserInnen auf einen eigenen souveränen Staat und das Rückkehrrecht der 1948 Vertriebenen muss anerkannt werden. Das alles wäre vermutlich nicht ausreichend, aber doch ein wichtiger Schritt in Richtung Frieden.
Denn auf längere Sicht ist der dem Staat Israel innewohnende Widerspruch explosiv: einerseits ein halbkonfessioneller jüdischer Staat zu sein, andererseits seine Selbstdarstellung als überkonfessioneller demokratischer Staat. Dieser Widerspruch nährt die Logik weiterer Ausgrenzungen und gar erneuter Transfers- von Bevölkerungsteilen, was von einigen israelischen Politikern und Militärs schon heute ins Gespräch gebracht wird. Doch Apartheidpolitik, ethnische und territoriale Säuberung samt der Errichtung von Bantustans sind Grundlagen für künftiges Wiederaufflammen des Konflikts. So untergräbt man die Bedingungen für einen dauerhaften Frieden und, im Gegensatz zu dem, was die zionistischen Führer behaupten, wahrt man so nicht die Sicherheit der in Israel lebenden Jüdinnen und Juden - ganz im Gegenteil.

Entzionisierung des Staates Israel
1967 erschien das Buch von Nathan Weinstock mit dem symbolträchtigen und prophetischen Titel "Das Ende Israels?". 1970 sah derselbe Weinstock die Tatsache einer israelischen Nationbildung als gegeben an, unterstrich aber zugleich, die Zukunft der Region hinge von einer Entzionisierung des Staates Israel ab, das heisst von der Auflösung der bestehenden politisch-gesellschaftlichen Strukturen.
Ein wirklicher Friedensprozess beinhaltet die Anerkennung gleicher Bürgerrechte für ArberInnen und Jüdinnen und Juden. Er setzt die Anerkennung des Rechts der PalästinenserInnen auf Selbstbestimmung und Souveränität voraus. Ob die Koexistenz beider Völker die Form zweier getrennter überkonfessioneller und demokratischer Staaten annimmt, einer Föderation oder eines binationalen Staates, ist eine historisch offene Frage. Verschiedene institutionelle Lösungen sind denkbar. Damit sie auf die Tagesordnung kommen können, muss damit begonnen werden, das den PalästinenserInnenn angetane Unrecht wiedergutzumachen.
Die israelische Führung hingegen verfestigt Gefühle, die denjenigen der Insassen einer belagerten Festung gleichen. Für die israelische Bevölkerung selbst stellt dies eine tragische Sackgasse dar. Darum ist es notwendig, gerade als Jüdinnen und Juden diese Politik zu bekämpfen, getrieben von der Sorge, dass eine erneute Katastrophe droht.

Übersetzung aus dem Französischen von Manuel Keller, SoZ

Daniel Bensaid ist Mitglied der LCR/IV. Internationale in Frankreich