Der Mord an Patrice Lumumba

Ein internationales Komplott 

2001. Am 17. Januar 2001 jährt sich zum 40. Mal der heimtückische Mord am ersten kongolesischen Premierminister Patrice Lumumba: ein Mord im Auftrag des belgischen Staates und anderer Imperialisten. Ein politischer Krimi.* Tagaus, tagein haben wir die Beleidigungen, die Demütigungen und die Hiebe ertragen müssen. Man hat uns erniedrigt, weil wir Neger waren. Wie können wir vergessen, dass man uns als Schwarze mit ‚Du‘ ansprach und das gewiss nicht aus Freundschaft, sondern weil das respektvolle ‚Sie‘ für Weiße reserviert war." Am 30. Juni 1960 spricht Patrice Lumumba, der neue, charismatische Premier des Kongo auf der Unabhängigkeitsfeier des Kongo. Der belgische König Baudouin ist entsetzt über die Unverfrorenheit des 35-jährigen Afrikaners. Patrice Lumumba war der Anführer der Nationalen Kongolesischen Bewegung, die 1959 an der Rebellion gegen die Kolonialmacht Belgien teilgenommen hatte. 1960 hatten die Belgier den Kongo dann aus Angst vor einem Kolonialkrieg in die Unabhängigkeit entlassen. Aus den ersten Wahlen war Lumumbas Partei als starke Kraft hervorgegangen. Der Panafrikanist wurde Premierminister. Die Belgier aber hätten eine andere, "moderate" Regierung vorgezogen. Schon elf Tage nach der Unabhängigkeit brachen Unruhen im Kongo aus. Katanga, die rohstoffreiche Provinz im Südosten des Landes, sagte sich von der Zentralmacht los. Bis heute ist Katanga die Schatzkammer des Kongo. Hier hatten belgische Staatskonzerne während der Kolonialzeit Kupfer, Uran und andere Metalle abgebaut: wichtige Rohstoffe für die Rüstungsindustrie und für die Produktion von Atombomben. Für die USA Grund genug, Katanga als strategisch wichtige Weltregion in die Karten des Kalten Krieges einzuzeichnen. Ein Garant für die westlichen Interessen war Lumumbas Gegenspieler, Moise Tschombe, der Anführer der Katanga-Sezessionisten. Folglich protegierten die Belgier Moise Tschombe. Der führte auch keine antiimperialistischen Reden wie Lumumba. Lumumba meinte es ernst mit dem Kampf gegen koloniale Ausbeutung und Diskriminierung. Als etwa die kongolesischen Soldaten die Afrikanisierung der Armee forderten, stimmte er zu. Die Belgier fürchteten um ihren Einfluss auf die Armee. Also gaben sie grünes Licht für die Sezession von Katanga. Die Belgier senden Truppen zur Stärkung Tschombes in die abtrünnige Provinz. Premierminister Lumumba spricht von einer militärischen Aggression. Die findet auch auf politischer Ebene statt. Der belgische Botschafter im Kongo schickt ein Telegramm an das Außenministerium in Brüssel: "Ich habe einem Minister Lumumbas unsere Kritik an der Haltung des Premierministers und gewisser anderer zweifelhafter Mitglieder des Kabinetts vorgehalten und ihm unsere Hoffnung nicht verheimlicht, statt Lumumba ihn an der Spitze der Armee oder an der Spitze des Landes zu sehen." Der belgische Botschafter in Leopoldville sucht also bereits zwölf Tage nach der Unabhängigkeit einen neuen, den Belgiern genehmen Premier. Die UNO intervenierte, "um den sowjetischen Bär vom kongolesischen Kaviar fernzuhalten" Lumumba hat inzwischen mit Erfolg an die UNO appelliert. Diese unterstützt die Regierung Lumumba. Jedenfalls offiziell. Tatsächlich aber will die UNO verhindern, dass Lumumba Hilfe von dritter Seite erhält, von anderen afrikanischen Staaten oder sogar von der Sowjetunion. Denn Lumumba hatte gesagt, er nehme Hilfe von jedem an, um die Aggression zu stoppen. Die UNO intervenierte also vor allem, so erklärte der amerikanische Botschafter im Kongo, "um den sowjetischen Bär vom kongolesischen Kaviar fernzuhalten". Das eigentliche Ziel der UN-Mission wird schnell deutlich: Überall im Kongo werden Blauhelme stationiert. Nur nicht in Katanga, wo belgische Offiziere die Sezession organisiert hatten. Dann aber gibt die UNO Lumumbas Drängen scheinbar nach. UNO-Soldaten werden zwar in Katanga stationiert. Gegenüber den belgischen Aggressoren aber bleiben sie passiv. Die belgischen Soldaten werden in die katangesischen Armee integriert. Mit diesem Schachzug wird es Lumumba unmöglich gemacht, die Kontrolle über Katanga militärisch wiederzugewinnen.
Patrice Lumumba protestiert und gibt nicht auf. Die Belgier, die von den USA dominierte UNO, der gesamte Westen haben sich gegen ihn verschworen — unter dem Vorwand, einen afrikanischen Kommunisten zu bekämpfen. Die westlichen Medien helfen beim Ausmalen dieses Feindbildes. Sie nennen den intellektuellen Lumumba einen "Emporkömmling", "Neger-Premier eines sogenannten Staates", "tobsüchtigen Premierminister", sie bezeichnen ihn als "Urwaldneger mit dem Ziegenbart", "Poltergeist" und "kraushaarigen Messias".
Im August 1960 schickt CIA-Direktor Dulles ein Telegramm an seinen CIA-Mann in der kongolesischen Hauptstadt Leopoldville: "Falls Lumumba an der Macht bleibt, wird die Situation im besten Falle in ein Chaos münden und im schlechtesten Falle in der Machtergreifung der Kommunisten im Kongo. Wir haben entschieden, dass seine Entfernung das wichtigstes Ziel ist und oberste Priorität hat bei unseren geheimen Aktionen." US-Präsident Eisenhower hatte persönlich empfohlen, Lumumba zu eliminieren.
Auch die Belgier greifen zu härterem Geschütz. Auf ihr Geheiß entlässt der kongolesische Staatspräsident von Brüssels Gnaden, Joseph Kasavubu, am 5.September 1960 den Premierminister Lumumba. Gegen die Verfassung und unter dem Schutz der UNO. Lumumbas ehemaliger Kampfgefährte, Joseph Mobutu übernimmt das Kommando über die Streitkräfte.

Eisenhower empfahl, Lumumba zu eliminieren

In den folgenden Tagen überstürzen sich die Ereignisse. Das Volk protestiert vehement gegen die Absetzung Lumumbas. In Senat und Parlament erhält er überwältigende Unterstützung. Patrice Lumumba reist durchs Land und erhält überall großen Zuspruch. Der belgische Außenministers schreibt an seine Mitarbeiter: "Die eingesetzten kongolesischen Autoritäten haben die Pflicht, Lumumba unschädlich zu machen." Der aber ist nicht zu packen. Schließlich drängt der Westen Armeechef Mobutu zu einem Staatsstreich.
Am 14.September 1960 übernimmt das Militär die Macht. Das Parlament wird aufgelöst. Unter dem Vorwand von "Ruhe und Ordnung" schließt die UNO Radiosender und Flughäfen. Die USA und Belgien stellen eine Million Dollar zur Verfügung, um die Soldaten auf Mobutus Seite zu ziehen. Mit Erfolg: zwei Wochen nach dem Putsch umstellen Soldaten die Residenz Lumumbas. Blauhelme der UNO formen einen inneren Kreis, Mobutus Soldaten einen äußeren. Der Premierminister ist im eigenen Land exiliert. Der Mann, der weltweit die antikoloniale Revolution personifiziert, ist gefangen.
Der Westen ist erleichtert. Aber sie haben Lumumba und seine Anhänger unterschätzt. In einer regnerischen Nacht gelingt es Lumumba, in einem Auto versteckt, den militärischen Kordon zu durchbrechen und zu fliehen. Die Kongolesen strömen auf die Straßen. In New York, Washington und Brüssel bricht Panik aus. Drei Tage lang. Dann nehmen Mobutus Soldaten Patrice Lumumba gefangen. Sie schaffen ihn und zwei seiner politischen Freunde, Okito und Mpolo, per Flugzeug zurück in die Hauptstadt Leopoldville. Dort wird der Gefesselte unter den Augen seiner Familie und der internationalen Presse auf einen Lastwagen geladen.
Man bringt die Gefangenen nach Thysville, in eine Elitegarnison Mobutus. Dort im Kerker soll Lumumba keinen Schaden mehr anrichten können und auch eine Flucht ist unmöglich. Der Westen wähnt seine Interessen gewahrt. Die CIA lässt ihre Attentatspläne fallen. Aber wiederum haben sich die Herren verrechnet.
Um die Jahreswende 1960/61 leiten die Lumumba-Anhänger eine militärische Offensive im Osten des Kongo ein. In kurzer Zeit erobern sie die Hälfte des Landes. Außerdem gelingt es Lumumba, einen Teil der Elitesoldaten auf seine Seite zu ziehen. Am 13.Januar 1961 meutern sie. Drei Tage später befiehlt der belgische Minister für afrikanische Angelegenheiten, D‘Aspremont Lynden, Lumumbas Deportation nach Katanga. Er hatte sich gegen die kompromissbereiten, kongolesische Politiker durchgesetzt. Eine Regierung der nationalen Einheit kam für ihn nicht in Frage.
Am 17.Januar 1961 werden Maurice Mpolo, Joseph Okito und Patrice Lumumba in einer DC4 der belgischen Fluggesellschaft SABENA von einer belgischen Crew in die Hauptstadt Katangas, Elisabethville, geflogen. Mobutu-Soldaten bewachen die Gefesselten. Augen, Ohren und Münder hat man ihnen zugeklebt. Während des gesamten mehrstündigen Fluges werden sie mit Füßen getreten und gefoltert. Man reißt Lumumba den Schnurrbart aus und Haarbüschel vom Kopf . Man zwingt ihn, das zu schlucken. Einigen Zuschauern aus der Crew wird übel. Der Funker bleibt ein Leben lang von diesem Erlebnis traumatisiert.
Als sie in Katanga ankommen, sind alle führenden Politiker anwesend: Tschombes "Regierung" und das belgische Schattenkabinett aus belgischen Offizieren und Verwaltungsbeamten. Unter den Augen der belgischen Autoritäten werden Lumumba und die anderen beiden in eine Villa gebracht und dort in eine improvisierte Gefängniszelle. Dort wird er von 5 Uhr nachmittags bis 10 Uhr abends festgehalten. Wieder werden sie von den Soldaten gefoltert und von den belgischen Offizieren geschlagen.
In diesen Stunden finden zwei geheime Treffen in Elisabethville statt: eins der belgischen Offiziere und eins des belgischen Schattenkabinetts. Alle Beteiligten stimmen überein, dass Lumumba sehr bald tot sein werde und dass sie nicht intervenieren werden. Am Abend erhält einer der belgischen Militärs in der Gendarmerie vom belgischen Feldkaplan eine telefonische Botschaft: "Bloß kein Blut an den Händen! Ich wiederhole: Bloß kein Blut an den Händen."

Lumumba: "Eines Tages wird die Geschichte zu sagen haben, aber nicht die von Brüssel, Paris, Washington oder der UNO"

17. Januar 1961, 22 Uhr: Der kongolesische Premierminister Patrice Lumumba und zwei seiner Gefährten liegen gefesselt auf der Ladefläche eines Jeeps. Man fährt sie in die Savanne. Im Lichte der Autoscheinwerfer werden die drei Gefangenen nacheinander geholt. Zuerst Joseph Okito, der Vizepräsident des Senats, dann Maurice Mpolo, der Informationsminister und dann Patrice Lumumba, der Premierminister des Kongo. Alle drei sind barfuss, nur mit Hose und Unterhemd bekleidet. Ihre Körper sind von schweren Folterungen gezeichnet. Drei Exekutionskommandos stehen bereit. Für jeden Gefangenen eins. Der Premier Patrice Lumumba fragt: "Man wird uns töten, nicht wahr?" — "Ja."
Fünf Tage später fährt ein belgischer Polizeikommissar mit einem Gehilfen wieder in die Savanne. Sie haben einen grausigen Befehl auszuführen. Die Männer arbeiten hart, die ganze Nacht durch. Sie haben sich Tücher vor Mund und Nase gebunden und trinken Whisky, um das Bewusstsein zu betäuben. Sie graben die Leichen der drei Ermordeten aus. Sie hacken sie in Stücke und lösen sie in Schwefelsäure auf. Die Spuren des Mordes an Patrice Lumumba sind verwischt.
Seine Frau erhält später einen Brief: "Meine liebe Gefährtin, ich schreibe dir diese Worte ohne zu wissen, ob und wann sie dich erreichen werden und ob ich noch lebe, wenn du sie liest. Seit ich für die Unabhängigkeit meines Landes kämpfe, habe ich keinen einzigen Augenblick am endgültigen Sieg der heiligen Sache gezweifelt, der meine Mitkämpfer und ich unsere Leben gewidmet haben. Aber was wir für unser Land gewünscht haben — ein Recht auf ein ehrenhaftes Leben, auf unbefleckte Würde und uneingeschränkte Unabhängigkeit — das haben sich andere nicht gewünscht: der belgische Kolonialismus nicht und seine westlichen Verbündeten nicht. Keine Brutalität, Misshandlung und Folter hat mich je zwingen können, um Gnade zu bitten. Ich ziehe es vor, mit erhobenem Haupt zu sterben. Eines Tages wird die Geschichte das Sagen haben, aber nicht die von Brüssel, Paris, Washington oder der UNO. Afrika wird seine eigene Geschichte schreiben, und es wird nördlich und südlich der Sahara eine Geschichte von Ruhm und Würde sein. Weine nicht um mich, meine liebe Gefährtin. Lange lebe Kongo. Lang lebe Afrika. Patrice."
Der Soziologe und Journalist Ludo de Witte hat die Verantwortung der Belgier beim Mord an Patrice Lumumba 1999 in einem Buch enthüllt. Das belgische Parlament musste wohl oder übel eine Untersuchungskommission einsetzen. 40 Jahre Schweigen und Leugnen stehen nun auf dem Prüfstand. Ludo de Witte bezweifelt jedoch, dass die Kommission die Wahrheit ans Licht bringen wird. Zwar sind einige Verantwortliche inzwischen gestorben. Aber viele Beamte, Diplomaten, Militärs und Angestellte der Staatskonzerne sind noch am Leben. Sie sind bis heute Teil des einflussreichen belgischen Establishments.

Birgit Morgenrath
(Rheinisches JournalistInnenbüro)