"Wir sitzen alle im gleichen Flugzeug, ohne Pilot" Ilan Pappe

Auf Einladung verschiedener Palästina-Komitees nahm der israelische Historiker Ilan Pappe im Rahmen des Schweizerischen Sozialforums, das im Juni in Freiburg stattfand, an einer Podiumsdiskussion über Perspektiven der Palästina-Solidarität teil. Wir dokumtentieren die gekürzte Fassung seines Referats.

Was momentan in Israel/Palästina vor sich geht, ist in meinen Augen ein Spiel, eine Parodie von Frieden. In Wahrheit treffen sich einmal mehr die gleichen Politiker – auf beiden Seiten – in prächtigen Hotels, um mit DiplomatInnen aus der ganzen Welt über Belanglosigkeiten zu palavern. Und immer wieder hört man die gleichen Worte wie „Friedensprozess“, „Evakuierung“, „Rückzug“, „Ende der Besatzung“, „Aufbau eines palästinensischen Staates“. Aber auf diesem Gebiet bewegt sich nichts. Dieses Mal beeilen sich die Mitglieder des „Quartetts“ – die EU, UNO, USA und Russland –, Ariel Sharon zu seinem Rückzug aus Gaza zu gratulieren. Und in Israel gibt es Leute der Arbeitspartei und der Bewegung Peace Now!, die dasselbe sagen wie das Quartett, nämlich dass sie Sharon nach Belieben walten lassen werden. Sharon, der Mann, der Israel und die PalästinenserInnen in ein neues Kapitel der „Herstellung des Friedens“ führt. Aber der Friedensplan Sharons beinhaltet eine doppelte Gefahr: Auf der einen Seite ist er trügerisch, auf der anderen schafft er unter den Menschen eine Illusion, die sie etwas Positives erwarten lässt. Aber wenn sich herausstellt, dass die Politik absolut keine Veränderungen des täglichen Lebens mit sich bringt, wird die Frustration kommen. Die dritte Intifada bahnt sich an. Ein anderes, weniger wahrscheinliches, aber durchaus mögliches Szenario ist, dass die Menschen müde werden und sagen: Lasst uns verhandeln und versuchen, das Maximum herauszuholen. Wir haben genug! Wer in den besetzten Gebieten war, weiss, dass es ein Verlangen nach Normalität gibt, ein Überdruss im Kampf gegen 38 Jahre Besatzung. Die Leute wissen nicht mehr, wie sie so weiter leben können, und es besteht die Gefahr dass, wie Arafat im Jahr 2000, eine palästinensische Delegation sagt: „Einverstanden. Wir nehmen was man uns anbietet, das ist besser als nichts.“ Schon sind in den Wandelgängen der Ministerien in Ramallah solche Stimmen zu vernehmen. Und das ist noch gefährlicher als die Gewalt. Dieser Kurs kann zur vollständigen Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft führen … Und wenn die Israelis grünes Licht erhalten für Sharons Pläne, dann besteht für die PalästinenserInnen die Gefahr, Opfer einer ethnischen Säuberung zu werden. Für die Apartheidmauer wurden bereits 2000 Familien transferiert. Rund 200 000 PalästinenserInnen werden von der nächsten Etappe des Mauerbaus bedroht. Wenn dieser „Friedensplan“ weiterhin von der EU, den USA, Russland und der UNO unterstützt wird, hat Israel freie Bahn, um mit seiner Politik der ethnischen Säuberung fortzufahren. Ich denke, dass wir alle, AktivistInnen innerhalb und ausserhalb Israels, verstehen müssen, dass den PalästinenserInnen die Gefahr einer ethnischen Säuberung droht. Es gibt nur einen Weg, Israel zu stoppen. Nicht mit Dialog und auch nicht mit diplomatischen Verhandlungen – das versucht man seit 38 Jahren –, sondern mit Druck, mit Sanktionen, mit Embargos. Indem man Israel dem Südafrika während der Apartheid gleichsetzt. Es stimmt mich traurig, dies sagen zu müssen, denn ich kenne die Folgen solcher Politik; aber wer wie ich jahrelang im Kampf für den Frieden engagiert ist, weiss, dass die diplomatischen Anstrengungen und Verhandlungen der letzten 38 Jahre zu nichts geführt haben, dass das Friedenslager in Israel machtlos ist, dass der palästinensische bewaffnete Kampf gescheitert ist und es nur einen Weg gibt, die PalästinenserInnen zu retten: der israelischen Bevölkerung klar zu machen, dass sie nicht zu den zivilisierten Nationen gehören, solange die Besatzung auch nur einen Tag andauert. Welche Strategien? Wir leben in schwierigen Zeiten für die verschiedenen Solidaritätsbewegungen. In Europa war lange das wichtigste Ziel, den israelisch-palästinensischen Dialog zu fördern. Das ist noch immer wichtig, aber heute muss man sich auf ein anderes Ziel konzentrieren. Heute bitten wir die Solidaritätsbewegung um etwas, was sie noch nie getan hat, nämlich nachzuahmen, was die Solidaritätsbewegung im Falle Südafrikas gemacht hat. Früher dachte man, es gäbe zwei Seiten und die Besatzung könne durch Dialog beendet werden. Darum konzentrierte man sich auf Verhandlungen, Koexistenz, gegenseitiges Verständnis. Ich verurteil dies nicht, ich habe selber so gedacht. Der Tag wird kommen, an dem wir diese Energie auch wieder brauchen werden. Heute geht es aber darum, Palästina für die PalästinenserInnen zu retten. Wenn dies nicht gelingt, wären nicht nur die PalästinenserInnen, sondern auch die Jüdinnen/Juden in Israel verloren. Darum verwende ich gerne folgenden Vergleich: Wir sitzen alle im selben Flugzeug, ohne Pilot. Die ganze Welt weiss, dass wir auf einen entsetzlichen Krieg zusteuern, aber niemand will darüber sprechen. Solidarität mit den PalästinenserInnen wie auch mit den Israelis bedeutet darum, dass wir helfen müssen, die Besatzung zu beenden. Es braucht Strategien, die der Realität besser entsprechen; Strategien, die es erlauben, das zu tun, was die israelische Friedensbewegung und die palästinensische Widerstandsbewegung in den besetzten Gebieten nicht geschafft hat: die israelische Besatzung beenden. Erst nach dem Ende der militärischen Besatzung wird eine Versöhnung zwischen den beiden Völkern möglich sein. Heute setzt der Friedensprozess – und damit schliesse ich auch die Genfer Initiative mit ein – leider das Ende der Besatzung mit dem Ende des Konflikts gleich. Das ist falsch. Erst nach dem Ende der Besatzung kann man mit Verhandlungen über die Beilegung des Konfliktes beginnen. Viele rechtschaffene Menschen gehen in die falsche Richtung und versuchen, die Leute in Europa, Israel, Palästina und den USA davon zu überzeugen, dass in dem Moment, in dem die israelischen Soldaten die besetzten Gebiete verlassen, Frieden in Palästina einkehren wird. Ein solcher Rückzug wäre einfach das Ende der israelischen Verbrechen gegen die Menschheit. Tatsächlich können richtige Friedensverhandlungen erst beginnen, wenn die israelischen SoldatInnen aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen abgezogen sind. Gleichzeitig zu diesen Friedensverhandlungen es auf palästinensischer Seite zu einer Reorganisierung kommen. Sowohl die Bewegung „Peace Now!“ wie die Amerikaner und die Schweizer Regierung sagen: Das Entscheidende ist der israelische Rückzug aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen. Aber nein! Ein solcher Rückzug wäre einfach das Ende der israelischen Verbrechen gegen die Menschheit. Das hat noch nichts mit Frieden zu tun. Die PalästinenserInnen in den besetzten Gebieten repräsentieren aber nur einen Teil des palästinensischen Volkes. Dieses ist über den ganzen Nahen und Mittleren Osten verteilt. Alle PalästinenserInnen sind Teil dieses Konflikts. Es war ein grundsätzlicher Fehler des Oslo-Abkommens, die palästinensischen Flüchtlinge und die in Israel lebenden PalästinenserInnen bei aus der Lösung der Palästinafrage auszuklammern. Zum Schluss möchte ich eine Strategie erläutern, die die Probleme der palästinensischen Flüchtlinge ins Zentrum der Friedensverhandlungen rückt und gleichzeitig zur Versöhnung zwischen Jüdinnen/Juden und PalästinenserInnen beiträgt. Ich nenne sie die Strategie der drei A’s. Diese stehen für drei Bedingungen, die erfüllt sein müssen, wenn man einen Friedensplan haben will. Das erste „A“ steht für Anerkennung (Acknowledgement). Das heisst das Bewusstwerden, dass es keinen Frieden geben wird ohne die Anerkennung dessen, was die Israelis 1948 gemacht haben. 1948 zerstörten die Israelis 500 Dörfer und vertrieben die dortige Bevölkerung. Das zweite „A“ steht für Verantwortung (Accountability). Die Israelis müssen die Verantwortung übernehmen für das, was sie 1948 getan haben. Das heisst: Das Recht der damals vertriebenen PalästinenserInnen auf Rückkehr. Natürlich können sich die Leute nicht dort niederlassen, wo nun schon andere Menschen leben. Man kann keine neue Ungerechtigkeit begehen, um anderes Unrecht auszubügeln. Dabei geht es nicht nur um Verantwortung. Die Israelis lehnen das Rückkehrrecht ab, weil sie eine jüdische Mehrheit wollen. Viele denken, dass eine Zweistaatenlösung den jüdischen Staat mit einer jüdischen Mehrheit erhalten werde. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir einen einzigen Staat schaffen können, in dem PalästinenserInnen und Jüdinnen/Juden die gleichen Rechte hätten. Das dritte „A“ steht für Akzeptanz. Das heisst einerseits, dass Israel von seinen Nachbarn anerkannt wird, und andererseits, dass es akzeptiert, zum Nahen Osten zu gehören. Erst wenn die ersten beiden A’s erfüllt sind, werden die Jüdinnen/Juden das Recht haben, die PalästinenserInnen und die arabische Welt um Anerkennung zu bitten. Wir müssen auf unseren Traum verzichten, zu Europa zu gehören. Wir müssen ein integraler Bestandteil des Nahen Ostens werden, ohne Eurovision, ohne europäische Fussballmeisterschaft. Wir gehören zum Nahen Osten, und wenn wir das eingesehen haben, werden wir ohne Zweifel aufhören, Mauern und elektrische Zäune zu bauen. Denn die PalästinenserInnen sind nicht die einzigen Gefangenen der Mauer: Auch die Israelis sind Gefangene.

Abschrift des Referats: Silvia Cattori,

Übersetzung und Kürzung: andi b.

Dr. Ilan Pappe ist lehrt an der Universität Haifa Geschichte und ist Akademischer Leiter des Research Institute for Peace in Givat Haviva. Er hat die Petition für einen akademischen Boykott Israels mit unterschrieben. Seine Botschaft: Die PalästinenserInnen seien Opfer einer ethnischen Säuberung und mehr denn je in ihrer gesellschaftlichen Existenz bedroht.

Der Artikel ist im Palästina-Info (Herbst 05) erschienen.