Weltfrauenmarsch 2000: Frauenarbeit - Frauenlöhne

Die Bekämpfung von Frauenarmut ist neben dem Thema der Gewalt gegen Frauen zentrales Anliegen des Weltfrauenmarsches. Obwohl das Bewusstsein über die Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt vorhanden ist, tut sich vergleichsweise wenig, sie zu überwinden.

Die Gleichberechtigung von Frauen gegenüber Männern in allen Lebensbereichen, ihre Gleichstellung im Erwerbsleben, ihre Präsenz im öffentlichen Raum und nicht zu vergessen die gerechte Aufteilung der Reproduktionsarbeit zwischen den Geschlechtern sind Forderungen, die heute nicht nur in linken Kreisen zum guten Ton gehören. Theoretisch besteht der gesellschaftliche Anspruch bzw. die Verpflichtung, sowohl geschlechterbedingte Diskriminierungen im Erwerbsleben auszuschliessen (Einführung des Gleichgestellungsgesetzes 1996) als auch dafür zu sorgen, dass alle ArbeitnehmerInnen einen Lohn erhalten, der ihnen und ihren Familien einen angemessenen Lebensunterhalt ermöglicht (UNO-Pakt I und neue Bundesverfassung). Dem steht die Praxis gegenüber, in der sich nicht nur die bestehenden Ungleichgewichte, etwa in der Lohnfrage und in der Rollenteilung, zäh halten, sondern die UnternehmerInnen mit weitgehender Duldung der Gewerkschaften die Arbeitsbedingungen "flexibel" umgestalten und aushöhlen, so dass neue Formen der Ausbeutung von Frauen entstanden sind.
In den letzten Jahren wurde in verschiedenen Studien auf das Phänomen der sich ausbreitenden Armut und der Lohnungleichheit in der Schweiz hingewiesen (vgl. auch die letzten Bulletins von SoAL/Solidarität). Einige dieser Zahlen seien hier noch einmal in Erinnerung gerufen: 22 Prozent der Frauen in der Schweiz verdienen trotz Vollzeitarbeit weniger als 3000.- Franken, gut 13 Prozent weniger als 2500.-. Dabei ist der Anteil von Frauen, die in Teilzeit oder zunehmend auf Abruf arbeiten, gerade in den Niedriglohnbranchen (Verkauf und andere Dienstleistungen) im Zunehmen. Rund ein Fünftel aller Alleinerziehenden, zumeist Frauen, leben unter der Armutsgrenze. Die Zahl von Personen, die trotz mindestens 90-prozentiger Erwerbsarbeit unter der Armutsgrenze leben ("Working poor"), hat in den letzten zwei Jahrzehnten von 7 auf 11 Prozent zugenommen, wobei die Teilzeitarbeitenden (zu 80 Prozent Frauen) in dieser Kategorie noch gar nicht erfasst sind. Die Lohndifferenz nach Geschlechtern ist in allen Einkommenskategorien nach wie vor beträchtlich (bis zu 33 Prozent). Der auf direkte Diskriminierungen zurückführbare Lohnunterschied macht dabei nach vorsichtigen Schätzungen immer noch etwa 15 Prozent aus.

Druckmittel Gleichstellungsgesetz?

Obwohl mit dem Gleichstellungsgesetz direkte Diskriminierungen gerichtlich verfolgt werden können, halten sich die Prozesse bisher in Grenzen. Ein Grund dafür ist die Angst der Frauen, trotz des gesetzlich verankerten Kündigungsschutzes während des Verfahrens den Arbeitsplatz zu verlieren. Unter Gewerkschaftsfrauen wird darüber nachgedacht, wie dieses Instrument in Zukunft besser genützt werden kann. Allerdings greift es nicht in Lohndifferenzen an sich ein, sondern beschränkt sich auf ungleiche Löhne für "gleichwertige Arbeit". Gerade die Frage nach dem Wert von Arbeit birgt aber einige Brisanz. So einfach, wie es die Beispiele in der Broschüre des Eidgenössischen Gleichstellungsbüros vermuten lassen, ist die Beurteilung konkreter Diskriminierungssituationen meist nicht. In vielen Betrieben fehlt jegliche Lohntransparenz. Zudem ist die Diskriminierung in vielen Fällen in den Kriterien versteckt, nach denen Löhne festgelegt werden. Sie schreiben die gängigen gesellschaftlichen Wertungen fort (Technik steht über Sozialem, Kopfarbeit über körperlicher Arbeit, Stärke über Ausdauer etc.). Diese unterschiedliche Wertung verschiedener Fähigkeiten fliesst in die Lohnstruktur einzelner Berufe und Branchen ebenso ein wie in die individuelle Beurteilung von ArbeitnehmerInnen. Sie beeinflusst aber auch das Rollenverhalten der betroffenen Personen selbst (ihre Berufswahl, die Eigenzuschreibung von Fähigkeiten, ihre Anpassung an oder Übertretung von geschlechtsspezifischen Erwartungen).
Das Problem der unterschiedlichen Bewertung von Fähigkeiten, die Männern und Frauen im allgemeinen zugeschrieben werden, greift die Gewerkschaft unia in einer Studie zur Lohnsituation im Detailhandel auf. Ausgangspunkt ist auch hier die massive Unterbezahlung der im Verkauf tätigen, mehrheitlich weiblichen Angestellten: Jede zweite Verkäuferin verdient weniger als 3000 Franken netto im Monat. In der Kurzfassung heisst es: "Warum sind Verkäuferinnen dermassen unterbezahlt? Die Antwort ist so einfach wie empörend: Weil der Beruf der Verkäuferin ein typischer Frauenberuf ist."

Kraft oder Ausdauer

Detailliert werden die Fähigkeiten aufgelistet, die für diese Arbeit erforderlich sind: von Sozialkompetenzen im Umgang mit KundInnen über körperliche Belastbarkeit in einem oft stressigen Arbeitsumfeld bis zu fachlichem Wissen über Waren sowie Betriebsabläufe und Ähnlichem. Viele dieser Fähigkeiten werden in den Löhnen nicht explizit berücksichtigt, sondern bei Frauen vorausgesetzt, wie Einfühlungsvermögen oder körperliche Ausdauer, während z.B. kräfteraubende Arbeit in einzelne GAVs typischer Männerberufe, nicht aber in jene typischer Frauenberufe Eingang findet. Die Broschüre weist auf weitere Faktoren hin, die zur materiellen Schlechterstellung von Frauen beitragen: die geringe Berücksichtigung von Aus- und Weiterbildungen, die zunehmende Aufweichung der Arbeitsverhältnisse (Teilzeit und Arbeit auf Abruf) und die damit verbundene Schlechterstellung im Bereich der Pensionskassen. Die Kampagne von unia ist darauf angelegt, tiefe Löhne zum Thema zu machen und eine andere gesellschaftliche Bewertung der Ausbildung und Qualifikation von Frauen einzufordern. Ihre Stärke liegt darin, am Selbstwertgefühl der betroffenen Arbeitnehmerinnen anzusetzen - sicherlich eine Voraussetzung für künftige Lohnkampagnen. Der Ansatz der Um- und Aufwertung von Fähigkeiten, die Frauen in die Berufswelt einbringen, ist allerdings ein zweischneidiges Schwert: Er verharrt auf dem Prinzip individueller Leistungsbewertung und unterstellt, es gäbe gerechtere, objektivere und diskriminierungsfreie Kriterien für deren Messung. Eine radikalere Alternative dazu wäre ein kollektiver, branchen- und geschlechterübergreifender Ansatz, der die bestehende Lohnschere und -hierarchie grundsätzlich in Frage stellt. Denn gesellschaftliche Arbeit setzt sich aus individuellen Beiträgen zusammen, deren unterschiedliche Bewertung letztlich reine Willkür ist. Aus einem solidarischen Ansatz heraus lässt sich argumentieren, dass jeder Beitrag an sich gleichwertig ist, sei es der einer Filialleiterin oder eines Kassiers, einer Managerin oder eines Lieferanten. Die konkret in der unia- und SGB-Kampagne geforderten Mindestlöhne (3000.- netto) sind denn auch relativ bescheiden. Zudem bergen sie die Gefahr in sich, dass diese Bescheidenheit langfristig festgeschrieben wird.

Gewerkschaftliche Bescheidenheit

Die gewerkschaftliche Zurückhaltung ist nicht sonderlich überraschend, wenn man sich eine andere Studie anschaut: den "Expertenbericht Mindestlöhne des SGB", der Möglichkeiten und Formen einer gesetzlichen Festlegung von Mindestlöhnen untersucht. Bei der Bestimmung der Höhe von Mindestlöhnen werden zwei mögliche Ansätze (zwischen 2494.- und 3408.-) diskutiert. Das Kredo der ExpertInnen lautet: "Ein Vorschlag für die Festlegung eines Mindestlohnes muss einerseits die Bedürfnisse der Lohnabhängigen mit den tiefsten Löhnen berücksichtigen, anderseits muss der vorgeschlagene Mindestlohn für die Wirtschaft als ganzes, aber auch für die einzelnen Wirtschaftszweige verkraftbar sein" - eine Verinnerlichung sozialpartnerschaftlichen Interessensausgleichs, die den Unternehmerpart bald überflüssig machen könnte. In den Kapiteln über die wirtschaftlichen Auswirkungen und Handlungskonzepte wird der Einfluss einer allfälligen Einführung von Mindestlöhnen auf Arbeitsproduktivität, Lohnsumme, Produktionskosten, Absatzpreise, Umsatz, Spielraum für Kostensenkungen und Preissteigerungen, Preiselastizität der Nachfrage und Ähnliches diskutiert - allerdings nicht, um daraus Strategien zur Umsetzung der berechtigten ArbeitnehmerInnenrechte abzuleiten, sondern um die bestehende Wirtschaftsordnung nicht zu gefährden. Auch das Problem der staatlichen Lohnzuschüsse, also der indirekten Subventionierung von Niedriglohnbereichen, wird aus diesem Blickwinkel diskutiert: Diese Subventionierung verstosse gegen das Postulat der Kostenwahrheit, verfälsche den Wettbewerb, bestrafe Betriebe, die existenzsichernde Löhne zahlen, setze falsche Signale und verhindere zukunftsgerichtete Strategien. Die Schlussfolgerung der SGB-ExpertInnen: Die Einführung von Mindestlöhnen wäre für die UnternehmerInnen tragbar. Sie "hätte auszugehen von den Lebenshaltungskosten in der Schweiz (…). Anderseits müsste dieser Mindestlohn Rücksicht nehmen auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Branchen, die von einer Erhöhung der tiefen Löhne am meisten betroffen wären. Stark betroffen wären das Gastgewerbe, der Verkauf, das Reinigungsgewerbe und die Landwirtschaft. Je nach erwarteten wirtschaftlichen Auswirkungen müssten für diese Branchen zur Einführung des Mindestlohnes Übergangszeiten von bis zu 5 Jahren gewährt werden." Bei so viel Rücksichtnahme auf die Interessen der Arbeitgeberseite wird von SGB-Seite in absehbarer Zeit keine ernsthafte Lohnkampagne zu erwarten sein.
An einer Konferenz von GBI-Frauen wurde von einzelnen Gewerkschafterinnen die Forderung erhoben, das Schwergewicht müsse wieder stärker auf die Frage des Selbstverständnisses von Gewerkschaften in der Gesellschaft und grundsätzlicher Rechte von ArbeitnehmerInnen gelegt werden. Diese Gewichtung scheint dringend nötig, wenn man die Diskussion über den Wert von Arbeit und über Löhne nicht auf den Streit um gerechte Bewertungen innerhalb eines auf Wettbewerb, Individualismus und Ausbeutung gestützten Systems beschränken will. Um der Diskriminierung von Frauen und ihrer Armut zu begegnen, müsste ein kollektiver Ansatz verfolgt werden, der von existenzsichernden Löhnen, Altersrenten und Sozialhilfen als unverhandelbaren Mindestforderungen ausgeht und gleichzeitig die bestehende Einkommensverteilung zwischen Lohnarbeit und Kapital, aber auch im Bereich der Löhne selbst grundsätzlich in Frage stellt. Dass dies heute nicht geschieht, liegt vielleicht daran, dass zu viele, auch in den Gewerkschaften, Vorteile aus einer Beibehaltung der hierarchischen Gesellschaft ziehen und ihre Interessen auf Kosten schlechtergestellter Gruppen verteidigen: Männer gegenüber Frauen, InländerInnen gegenüber AusländerInnen, Intellektuelle gegenüber körperlich Arbeitenden.
Birgit Althaler

Quellen: Tobias Bauer, Lohnstruktur und Lohnentwicklung im Detailhandel und Gastgewerbe. Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien, im Auftrag der Gewerkschaft unia, September 1999; Schweizerischer Gewerkschaftsbund: Expertenbericht Mindestlöhne, Dossier 6, Mai 2000.